Meine Grubenfahrt

Eine Grubenfahrt durfte ich 1997 schon einmal mitmachen, doch da war 'Haus der offenTür' der Zeche 'Ewald/Hugo' in Gelsenkirchen...da standen wir fünf Stunden in einer Endlosschlange, bekamen schließlich einen Helm auf den Kopf, durften einmal in die Tiefe sausen, drei Schritte dort unten tun und wieder zurück.

Jetzt aber wurde es ernst... 02. August 2006

 

Jetzt stand eine richtige Grubenfahrt an, mit allem drum und dran, in voller Montur und richtig bis zum Kohlestreb sollte es gehen...

Ewald/Hugo existiert ja nicht mehr, deshalb diesmal ein anderes Bergwerk.

Es relativ ist schwer an die begehrten Besucherführungen heran zu kommen, doch wir haben es dann doch geschafft.

Wir wurden einer anderen Besuchergruppe von 10 Leuten angeschlossen und bekamen erst einmal eine ausführliche Einführung und Vorbereitung (inklusive Diavortrag) auf diese Grubenfahrt, sowie Informationen über unsere 'gute Kohle' die beste, aber auch die teuerste der Welt, weil sie nur hier aus so großen Tiefen herausgeholt wird und die Arbeitssicherheit hier ganz groß geschrieben wird, im Gegensatz zu vielen anderen kohlefördernden Ländern, wo ja ständig noch schreckliche Unfälle passieren... nur leider interessiert das kaum jemand, was heute zählt, sind die Preise, Masse statt Klasse.

Mein Mann machte mir schon vorher Angst, mit ' kratziger Unterwäsche' die man da anziehen müsse und 'Gemeinschaftsduschen'... zur  Vorsicht packte ich mal lieber gleich einen Bikini ein ;-))

 

Umsonst, wie sich herausstellte, wir waren sieben Männer und fünf Frauen und wir Frauen bekamen doch tatsächlich jede ihr Einzelkabinchen mit eigener Dusche... (da konnte ja nichts mehr schiefgehen)!

 

Fertig! Der Weg unter Tage liegt noch vor mir...
Fertig! Der Weg unter Tage liegt noch vor mir...

Aber tatsächlich mußten wir auch graue, grobgerippte Männerunterwäsche anziehen (hinterher war ich froh darüber) aber kratzig war sie nicht. 

 

Außerdem ein langärmeliges Baumwollhemd, eine Hose aus ziemlich dickem Leinenstoff, dicke Socken, ein Halstuch, nochmal eine dicke Jacke, schwere Sicherheitsschuhe die an Bergsteigerstiefel erinnerten, Schienbeinschoner, und als man das alles endlich anhatte, bekam man noch einen ziemlich schweren Klotz um die Hüften geschnallt (Akku für die Helmlampe), doch damit nicht genug, auf die andere Seite wurde noch ein Klotz geschnallt, der Schutzfilter gegen Gas- oder Feuerausbruch, dann einen Helm, Handschuhe und eine Schutzbrille - und draußen waren 26 C°... wenigstens nicht ganz so heiß wie noch wenige Tage zuvor im Juli, Untertage herrschen 30 bis 40 C° im Sommer..., doch ich schwitzte jetzt schon. 

 

Schwarze Hände hatte man auch jetzt schon, nämlich von den beiden umgeschnallten 'Klötzen' an denen noch der Kohlestaub haftete. Wir Frauen waren die Ersten die das merkten, entsetzt die schwarzen Finger betrachteten und uns wunderten, woher das jetzt schon kam - einige hatte schon die ersten Spuren im Gesicht, noch bevor sie überhaupt einen Schritt Untertage getan hatten.

 

Jeder bekam zwei Wasserflaschen, die auch noch irgendwo unterzubringen waren, nämlich in den Jackentaschen - meinte man erst, man braucht die nicht, so war man schon kurze Zeit später froh, sie zu haben und mußte sich seine Ration drei Stunden später fast schon einteilen.

 

Schnell noch ein paar Fotos gemacht und dann mußte alles was Funken verursachen könnte abgegeben werden, dazu gehören auch Kameras (für Untertagefotos, benötigt man eine spezielle, funkgeschützte Kamera) und die hatten wir leider nicht.

 

Den 'Aufzug' der die Bergleute und nun auch uns in die Tiefe bringen sollte, nennt man hier 'Förderkorb', ein schmaler langer Kasten mit drei Etagen, der nur zu bestimmten Zeiten 'fährt', da der Nachbarkorb als Gegengewicht erst gefüllt sein muß, d.h. jedesmal wenn 'jemand' hinunter fährt, muß nebenan auch jemand hinauffahren und das müssen dann auch mehrere 'Jemands' sein und nicht nur ein Männlein. 

 

Mit Kohle beladen schießt so ein Förderkorb mit 16 m pro Sekunde in die Höhe, für uns war es dann 'nur' die Hälfte.

 

Mit lautem Krachen und Geklingel wurden die schweren Gittertüren geschlossen und dann rasselten wir in die Tiefe. Durch die Luftlöcher des Förderkorbes sah man den gemauerten Schacht außen vorbeirasen, wenn man seine Lampe darauf hielt, ansonsten war es stockdunkel. Man spürte es eigentlich nicht, dass man nun hunderte Meter in die Tiefe raste, der Korb ruckelte nur etwas und rasselte und das Ganze schien eine Ewigkeit zu dauern.

Der Förderkorb
Der Förderkorb

950 m später - endlich unten angekommen, erwartete uns ein gut ausgebauter, ziemlich breiter und hoher, hell beleuchteter 'Tunnel und kühl war es auch - noch.

 

Erstmal durften wir in einem schmalen Bummelzug Platz nehmen und ratterten so 5 km in 25 Min. durch dieses Tunnelsystem, dass zunehmend dunkler und enger wurde. Ausblick nach draußen gab es wieder nur durch kleine Gucklöcher.

 

Als wir am Ziel angekommen waren, lag ein Fußmarsch von 1,5 Km vor uns, bergauf, bergab, durch Matsch und Geröll, die Dunkelheit nur erhellt von unseren Helmlampen, die wir bis dahin noch in der Hand gehalten hatten und die jetzt an den Helm sollten. Man hatte nun noch zusätzlich das Gefühl einen Backstein vor der Stirn mit sich herumzutragen, die Luft wurde immer feuchter und heißer und schon nach kurzer Zeit war alles was man anhatte mehr als feucht. Wer bis dahin noch nicht wußte was schwitzen heißt, der wußte es jetzt und die zuvor noch als überflüssig betrachteten Wasserflaschen wurden wertvoller als Gold und das umso mehr, je leerer sie wurden.

 

An den Wänden und teilweise auch am Boden verlief ein Wirrwarr aus Röhren, Leitungen und Kabeln. Hin und wieder kam man an komplizierten Maschinen oder an Schienen aufgehängten Ungetümen von Förderwagen vorbei.

 

Das Gewölbe des Tunnels war mit einem Gitternetz aus Stahltrossen ausgekleidet und hielt so alles sicher zusammen... Trotzdem knallte es hier in unregelmäßigen Abständen, was an das Entkorken einer Sektflasche erinnerte und ein Regen aus feinen Steinchen rieselte auf uns herab. Natürlich bekam genau ich solch einen Regen ab - hörte es auf meinen Helm prasseln und spürte es in meinen Kragen rieseln... aha, dafür also das Halstuch! Auf die Frage was das denn sei, antworteten mein Mann und seine Kollegen, als sei es das Normalste der Welt: ' Ach, das ist der Druck im Berg'.

Kohlestreb (Bergbaumuseum Bochum)
Kohlestreb (Bergbaumuseum Bochum)

Ja schon klar, in fast tausend Meter Tiefe will der Berg auf seinen künstlichen Tunnel herniederstürzen, aber Gott sei Dank gibt es ja diese grandiose Technik, die ihn daran hindert...so gibt es halt nur kleine Gesteinsnieselregen und dieses ständige Knallen, bei dem man jedesmal zusammenzuckte...!

 

Spiegel gab es hier nicht, aber spätestens jetzt, gab man alle Eitelkeit auf... die Nase juckt? Egal, fahren wir mal mit den herrlich schwarzen Fingern darüber... und schon bald hatte jeder so sein individuelles Kunstwerk im Gesicht... die Handschuhe zu tragen, gab man schnell auf, die rutschten fast schon allein von den Händen und die Brille ließ man auch lieber auch weg, man sah ohne eh besser.

 

Dann durchstiegen wir ein kompliziertes Schlauch- und Röhren- wirrwarr, vorbei an einer angsteinflößenden Maschine und krochen auf allen Vieren in einen knapp 1,20 m hohen bzw. niedrigen Tunnel. Wie die Hühner auf der Stange hockten wir hier nun nebeneinander und warteten auf das was nun kam. Wir waren am Ziel, im Kohlestreb. Hinter und über uns riesige 'Stempel' die das Felsgewölbe hielten und vor uns eine stählerne Schutzwand hinter der man die schwarz glänzende Kohlewand sah. 

Durch 'Stempel' abgestützter 'Berg', Bergbaumuseum Bochum
Durch 'Stempel' abgestützter 'Berg', Bergbaumuseum Bochum

In der Ferne näherte sich etwas hinter dieser stählernen Wand, kam schnell und unaufhörlich näher, wurde ohrenbetäubend laut und brachte eine rieige schwarze Wolke mit sich. Als das Ungetüm dann in meiner Höhe war, kam ich nicht dazu zu fragen was das sei, denn schon prasselte mir mit voller Wucht und einem Gefühl von tausend Nadelstichen der schwarze Staub ins Gesicht - natürlich war es der Kohlehobel, der hier auf Schienen und von beindicken Ketten gezogen an der Kohlewand hin und her raste. Bald schon kam er zurück und verschwand wieder in der Dunkelheit. Wir hatten einige Minuten Zeit uns zu sammeln, war das herrlich, sich hier mal so richtig im Dreck zu wälzen, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob man den je wieder aus den Klamotten herausbekommt. Hinter uns bewegten sich die Stempel und rückten millimeterweise vor. Jetzt bloß nicht den kleinen Finger da drunter kriegen.

 

Der Hobel kam zurück und diesmal war man vorgewarnt, also schnell die Brille auf.

 

Bergleute, in T-Shirts und pechrabenschwarz im Gesicht arbeiteten hier den ganzen Tag... das kann doch nicht gesund sein.

 

Doch uns wurde erklärt, dass der Kohlestaub selbst nicht gefährlich ist und wieder ausgehustet wird (na toll) viel gefährlicher wäre der Gesteinsstaub... Atemschutz trug hier seltsamerweise niemand, aber bei der Hitze ja kein Wunder.

 

Kohlehobel (Bergbaumuseum Bochum)
Kohlehobel (Bergbaumuseum Bochum)

Nachdem wir den Hobel noch weitere Male bewundern durften und uns wie Abenteurer fühlten, ging es auf allen Vieren wieder zurück und dann noch der Fußmarsch: Im Gänsemarsch und am Ende kaum noch ein Wort sprechend, trotteten wir hintereinander her und wollten nur noch raus... raus hier... Luft und Kühle... nach drei Stunden... dabei hatten wir 'nur' einen Spaziergang gemacht, während andere hier acht Stunden am Tag arbeiten.

 

Erst'mal wieder die Zugfahrt, dann die Endlosfahrt nach oben und schließlich nach abgegebenen Helmen, Jacken und Grubenlampen, sowie entledigter Stiefel und restlos leerer Wasserflaschen, ging es erst'mal zum 'Buttern' wie die Bergleute sagen.

Unsere drei 'guten Geister' die uns sicher ans Tageslicht zurück brachten
Unsere drei 'guten Geister' die uns sicher ans Tageslicht zurück brachten
Geschafft!! Auf dem Weg zurück :-)
Geschafft!! Auf dem Weg zurück :-)
Jetzt gibt's endlich was zu essen...und vor allem zu TRINKEN!!
Jetzt gibt's endlich was zu essen...und vor allem zu TRINKEN!!

Ein gedeckter Tisch erwartete uns, mit belegten Brötchen und frischem Wasser...! Schwarz wie wir waren, nahmen wir Platz und noch nie schmeckten belegte Brötchen so gut..!! Da störten auch die Fingerabdrücke auf dem Belag der Brötchen nicht... denn natürlich hatten wir uns auch noch nicht die Hände gewaschen.

 

 

Später war es ein Vergnügen sich die nassen Sachen herunterzureißen und unter die Kabinentür zu legen und ein guter Geist sammelte alles ein... war ich froh, dass ich nicht meine eigene Unterwäsche anbehalten hatte.