Carmen

 Oper von George Bizet (1875)

 

 

 

10. Juni 2007 Musiktheater Gelsenkirchen 15.00 Uhr

 

 

 

Mein Bericht:

 

Natürlich habe ich diese, eine meiner Lieblingsopern, schon ganz oft gesehen, in der Düsseldorfer Rheinoper, sowie auf der Freilichtbühne in Xanten und in der Schalke-Arena in Gelsenkirchen wurde sie auch schon mal in großem Stil aufgeführt. Nicht zu vergessen auch der wunderschöne Opernfilm mit Julia Migenes-Johnson und Placido Domingo...

 

Alle Inszenierungen, die ich bisher sah, waren stets klassisch, doch jetzt habe ich 'mal eine völlig Andere gesehen, im MiR (Musiktheater im Revier ) in Gelsenkirchen.

 

Eigentlich mag ich modern inszenierte Opern überhaupt nicht, doch diesmal bin ich wirklich begeistert. Man muß ja nicht unbedingt immer an einem Schema festhalten, die Musik trägt hier ohnehin schon den größten Teil und wenn die Stimmen grandios sind, dann hat man schon zwei Elemente und es kann eigentlich so viel gar nicht mehr schief gehen...

 

Als die Oper 1875 uraufgeführt wurde, war sie zunächst ein Skandal, zu anstößig war dem Publikum das freiheitsliebende Frauenbild der Carmen, für die es die große Liebe scheinbar nicht gab und die sich ständig, flatterhaft wie ein Schmetterling, in neue Liebesabenteuer stürzte, wobei es ihr herzlich gleichgültig war, dass sie den gerade wieder Verschmähten (hier Don José) in's Unglück stürzte...aber bekanntlich bekommt dieser ja seine 'Rache' indem er das unfolgsame Frauenzimmer mit Hilfe eines Messers zur 'Hölle' schickt...

 

In einer von Männern beherrschten Gesellschaft, war das denjenigen dann wohl am Ende Genugtuung genug, so dass die Oper doch noch eine Chance auf Erfolg hatte und der sollte riesig werden...nur leider erlebte Georges Bizet das nicht mehr mit, denn er starb drei Monate nach der Uraufführung im Alter von erst 37 Jahren...

 

Diese moderne, beinah brutale Inszenierung jetzt, sollte uns Zuschauern heute, genau das Gefühl derjenigen von damals wieder vermitteln, nämlich ein gewisses Entsetzen über eine neuartige Aufführung. Wie man den Gesprächen im Publikum in der Pause später entnehmen konnte, (vor allem unter den älteren Herrschaften) ist genau das gelungen ;-))

 

 

Besetzungsliste des Theaters zu Carmen
Besetzungsliste des Theaters zu Carmen
Ensemble Carmen bei Schlussapplaus
Ensemble Carmen bei Schlussapplaus

Zur Inszenierung:

 

Ort des Geschehens: Sevilla um 1820 (hier wohl eher 2007)

 

Die ganze Oper fand in einer Art Rückblick statt.

Für Don José spricht ein unsichtbarer Erzähler ( Daniel Drewes) und der allein hatte schon eine grandiose Erzählstimme...weiß gar nicht wie ich sie beschreiben soll, wow, da war wirklich alles drin; sie war sehr ausgefeilt, leicht rauh, leicht metallisch und so ziemlich erotisch...schon allein dieser Stimme zuzuhören, war ein Erlebnis für sich!! Und für alle die die Oper noch nicht kannten, natürlich eine große Hilfe, bzw. ein Leitfaden durch die Aufführung.

 

Don José verunglückt mit einem Cadillac, der in der Aufführung selbst eine durchgehende Rolle spielt (anstatt von Eseln, Pferden und Kutschen, die ja zur Zeit Carmens' die gängigen Transportmittel waren), erhebt sich schwer verletzt, setzt sich auf die Überreste des Wagens und fängt an sein Leben Revue passieren zu lassen, denkt über die Ereignisse und über Carmen nach. Schritt für Schritt und vor jeder jeweils zur Erzählung passenden Gesangs- bzw. Musikeinlage.

 

Gesungen wurde durchweg im Original, nämlich französisch, aber zur Orientierung, gab es kurze Übersetzungen, auf einer elektronischen Tafel über der Bühne. Da sich im Opernfach ja bekanntlich viele Textinhalte wiederholen, reichten auch hier oft nur einzelne Sätze, während man das Gefühl hatte, die singen da ganze Romane in Französisch.

 

Statt romantischer Zigeunerlager, spielte das Ganze diesmal in einer Art Halbwelt oder Unterweltmilleu. Schmierige Schmugglertypen, knapp bekleidete Damen mit dem Flair von Dominas und flegelhafte Soldaten in schmuddeligen Tarnanzügen (als Uniform konnte man es nicht bezeichnen). Für eingeschworene Klassikfans natürlich erstmal ein Schock! Doch man war ja gewarnt.

 

Die Prozession der Muttergottes (in Spanien ein alljährliches Großereignis und auch in die Oper eingebaut) fand auch hier statt und war sehr eindrucksvoll. Man sah nur dunkle Gestalten auf der Bühne und in der Mitte eine 'Muttergottes' im roten Gewand, das Haupt mit einem Strahlenkranz umkränzt ...sie sollte später noch öfter durch die Szenerien wandeln, wohl als eine Art Mahnmal.

 

Wie es zu einer modernen Inszenierung passt, erschien Micaela, Don Josés' Jugendliebe aus seinem Heimatdorf, auch im Trenchcoat und mit Reisekoffer bzw. Trolley, im Lager der Sodaten, um ihrem geliebten Don José Nachricht von seiner Mutter zu überbringen und ihn eventuell zu überreden, wieder mit in die Heimat zu kommen.

 

Die Wachablösung wurde hier leider ausgelassen, vielleicht, weil ein Kinderchor vonnöten gewesen wäre, aber man hätte es vielleicht auch durch einen Damenchor ersetzen können.

 

Don José, der hier ja gleichzeitig der 'Erzähler' im Rückblick war, wurde hin und wieder von einem Darsteller im Soldatenkostüm 'überlagert', was darauf hinweisen sollte, dass dies ja nur ein Rückblick war und José ja im Rückblick ganz anders aussah...die Übergänge zum 'eigentlichen' José im weißen Hemd und Freizeithose, waren aber so raffiniert, dass man es kaum wahrnahm.

 

Auch die Tabakfabrik, in der Carmen mit vielen ihrer Genossinnen arbeitete, gab es hier, ob hier allerdings Tabak hergestellt wurde, war nicht ganz klar...zumindest trugen die Frauen allesamt Schürzen, die sie schließlich abwarfen und so die schon oben beschriebenen 'Dominas' im kurzen engen Mini, hohen Stiefeln und Peitschenstiele haltend zum Vorschein kamen. Turbulent wurde es natürlich nach Carmens Angriff auf eine Kollegin, da kämpfte man wild auf der Bühne und geschossen wurde auch. Carmen, biß 'ihrem' José sogar ins Ohr, dass das Blut spritzte...(man hatte uns ja gewarnt...eine brutale Inszenierung) und später saß sie breitbeinig vor ihm und versuchte sich aus ihrer Situation zu befreien...wie sie es letztendlich macht, ist ja bekannt und war hier auch nicht anders...sprang davon und brauste in dem zuvor angekündigtem sechs Meter langen schwarzen Cadillac, davon.

 

Carmen selbst war blond, zumindest anfangs. Ihre berühmte 'Habanera' sogar recht elegant vorgetragen und mit einer Mezzosopranstimme, die mich tatsächlich an Julia Migenes erinnerte! Das war dann der Schlüsselmoment, wo meine eigene Skepsis wich und ich vollkommen auftaute. Alle Darsteller hatten durchweg schöne, fließende Stimmen und trafen jeden Ton.

 

 

Der Torero Escamillo, ein sehr dunkler Bariton, der fast schon ein Baß war, was ich so allerdings noch nicht kannte, war aber deswegen nicht schlechter, hatte ebenfalls einen glanzvollen Auftritt im Glitzer-Torero-Kostüm, allerdings mit leicht übertrieben glänzendem schwarzen Haar, das sehr plastisch wirkte. Hin und wieder wurde seine Stimme, die bei sehr tiefen Tönen leiser wurde, dann leider vom Orchester etwas überstimmt.

 

Außerdem sollte man erwähnen, dass die Darsteller, bzw. Sänger hier alle ohne Mikrofon sangen...man hörte es, wenn sie sich bewegten und die Stimme sozusagen mitschwang. Verwöhnt durch lautstarke Mikrofonstimmen, war es erst ein bisschen gewöhnungsbedürftig, doch allemal laut genug, es muß ja nicht jedesmal das Trommelfell vibrieren...die Stimmen kamen auch so sehr gut rüber...und das ist es ja, was echte Opernsänger auszeichnet!

 

Die berühmte Tanzszene in Lillas Pastias' Schmugglerkaschemme, wurde kurzerhand in eine Autowaschszene verwandelt, welches Auto die Damen wuschen war klar...den Cadillac (übrigens ein Echter!!)... schon mit arg verschrammter Motorhaube, aber wenn man sah, was er im Laufe einer Vorstellung über sich ergehen lassen mußte, war eine Politur wohl überflüssig..statt auf Tischen, tanzten die Damen mit 'High Heels' auf dem armen Auto =(....

 

Ein bisschen verwirrte Carmens ständiger Perückenwechsel und in der Verführungsszene bei 'Lillas Pastias' mit Don José, sah sie aus wie zuvor 'Micaela' und auch ihr Tanz hätte ein wenig erotischer sein können...das verwunderte mich nun doch, dass der hier so züchtig war, während sie sich in der klassischen Aufführung doch freizügiger gibt...während Opernanfäger hier wahrscheinlich dachten, Micaela sei zurückgekehrt.

 

Die 'Schmugglerszene' im 3. Akt, fand hier auch nicht im Wald, sondern im Spielsalon statt und die Damen trugen diesmal glitzernde lange Abendkleider. Erwähnenswert vielleicht auch noch, dass hier auch bei karger Ausstattung viel mit Licht wett gemacht wurde.

 

Sehr dramatisch und tiefgehend auch der 4. und letzte Akt, in dem José verzweifelt versucht, Carmens' Liebe zurückzugewinnen, die sich aber schon längst in Escamillo verliebt hat und dessen Stierkampf im Hintergrund zu hören ist.

 

Es endet auch hier, wie es immer endet, Carmen zieht den Tod anstelle von Don Joses' eifersüchtiger Liebe vor, und nach einem langen ergreifendem Duett ersticht er sie und verfrachtet sie in den fast immer gegenwärtigen Cadillac mit dem er ja dann verunglückt und die Geschichte kann von vorn beginnen...

 

 

 

Während der Vorstellung avancierte ich angesichts eines ziemlich klatsch-faulen Publikums zur 'Vorklatscherin' ...bei Opernaufführungen wird eh zwischendurch weniger Beifall gespendet, als z.B. bei einem Musical und was auch bei oft fließenden Übergängen verständlich ist..doch es gibt Szenen, die wirklich mal zu Ende sind und nach einem grandiosen Vortrag hat ein Darsteller bzw. Sänger oder auch Chor, der hier auch genial war, so wie das Orchester, einfach Beifall verdient...peinlich wenn dann Stille herrscht..ich ertrug es schließlich nicht mehr und dachte mir, wie so oft erlebt, klatscht einer, dann klatschen alle und sprang über meinen Schatten - mit Erfolg!! Wäre ich allein geblieben, wäre es mir auch herzlich egal gewesen...ich habe damit kein Problem mehr...

 

 

 

Der Schlussapplaus aber war dann auch sehr sehr lang und mit Bravorufen u.s.w., was doch verriet, dass diese eigensinnige Inszenierung ankam, vor allem wahrscheinlich auch durch die perfekt vorgetragene Musik und die Stimmen der Sänger.