Das Phantom der Oper

Zwei Phantome an einem Tag...

Essen Colosseum Theater am 18. Februar 2007

Vorwort:

Das war fast mehr, als ich verkraften konnte, doch als ich nach lange vorher reservierten Karten erfuhr, dass an dem Tag (nachmittags) ein anderes Phantom als Christian Alexander Müller auftreten sollte, war ich zunächst 'am Boden zerstört' doch dann kam mir die sensationelle Idee doch einfach dazubleiben und die Abendvorstellung auch noch mitzunehmen. Natürlich gab es da immer noch das Restrisiko, dass ich Christian auch dann verpassen könnte, doch wie heißt es so schön; wer nicht wagt der nicht gewinnt...

Eine Riesenüberraschung gab es dann, als ich das Foyer betrat, ganz auf Fernand Delosch als Phantom eingestellt und auf der Besetzungsliste den Namen 'Christian Alexander Müller' las!! Ich musste wirklich dreimal hingucken, weil ich meinen Augen nicht traute, doch der Name blieb dort stehen!! 

18.02.07 NACHMITTAGS

 

Phantom: Christian Alexander Müller 

Christine: Beatrix Reiterer 

Raoul: Nikolaj Alexander Brucker 

Firmin: Steffen Friedrich 

André: Fernand Delosch 

Carlotta: Evelyn Werner 

Piangi: Alexander Sascha Nikolic 

Madame Giry: Gabriele Ramm 

Meg Giry: Lara Camille Glew 

 

Dirigent: Thomas Meyer

Mein Bericht: 

 

Die Spannung am Abend, bis die Namen der Besetzung auf den Bildschirmen erschienen, war fast unerträglich!! Natürlich wünschte man sich, dass da noch mal dasselbe 'Phantom' erschien, aber die Hoffnung war aus oben benannten Gründen natürlich schon verschwindend gering! 

Da ich gerne auch 'mal Roy als Phantom gesehen hätte, war das für mich alles halb so schlimm, ich hatte Christian ja nun schon überraschenderweise wieder erleben dürfen...für andere war es schlimmer...für mich wäre es umgekehrt auch besser gewesen, erst ein anderes Phantom und dann als 'Krönung' sozusagen Christian am Ende zu haben, aber so konnte ich mich ja entspannt zurücklehnen - denn daran war während der ersten Vorstellung gar nicht zu denken.

Beide Vorstellungen waren wieder Spitzenklasse und beide Male spielte das identische Ensemble auch identisch, bis auf die beiden Hauptpersonen natürlich! 

 

Christians' 'Musik der Nacht' war wieder einzigartig und ich glaube wirklich, dass er sich schon wieder gesteigert hat, obwohl man meinen sollte, dass das kaum noch möglich ist...mir war, als sei es noch intensiver als beim letzten Mal gewesen, vor allem aber die Szene als Christine ihn zum ersten Mal demaskiert, war unglaublich!

 

Christian Alexander Müller / Foto (c) Wilfried Hurtz
Christian Alexander Müller / Foto (c) Wilfried Hurtz

Nie vorher habe ich ein Phantom gesehen, das diese Szene so ausdrucksstark rüberbringt. Wie er da am Boden kriecht und stöhnt und jammert und zu Christine aufschaut und wieder zurückzuckt und zittert und bebt und dabei noch singen kann! Dabei wirkt alles auch unglaublich echt und keine Spur gestellt oder übertrieben. Wahnsinn, Leidenschaft, Leid und Wut zeigt er in perfektem Wechselspiel und mit solcher Intensität, dass man nur da sitzt, wie erstarrt und das alles gar nicht fassen kann. Seine Stimmgewalt und dass er viele Töne am Ende manchmal endlos aussingt, ist ebenfalls etwas, was nur er so unglaublich beherrscht. Man spürte auch, dass das gesamte Publikum wie gefesselt war, und man kann davon ausgehen, dass ja meist die Mehrzahl dieses Musical zum ersten Mal sieht.

 

Klar, dass Roy Weissensteiner da kein leichtes Los hatte, als er Christian am Abend vertreten musste. Doch er hat das Phantom auch sehr glaubwürdig dargestellt, mit anderer, etwas höherer Stimme, aber auch beachtlichem Volumen darin. Auch er hat sich viel getraut, was die darstellerische Leistung angeht, auch er zitterte und bebte, aber eben nicht so intensiv wie Christian, er wirkte alles in allem, etwas sanfter, und die Engelszene hat er, muss ich fairerweise sagen, eigentlich noch besser gemacht; zumindest sang er diesen Satz am Ende '...alles was ich liebe, ist doch nur dein Gesang'... länger aus, was bei Christian ein bisschen 'abgebrochen' wirkte und ich nicht weiß ob es Absicht war.

 

Bei Christine, kann ich mich gar nicht entscheiden, wer nun die Beste ist! Ich kenne drei und sie sind stimmlich und darstellerisch alle perfekt. In der Szene von 'point of no return' gefiel mir von der Intensität her Beatrix Reiterer am besten, obwohl mir jene Stelle an der das verhüllte Phantom versucht sie zum Ausgang zu lotsen, wiederum damals besser mit Martina Rumpf und Christian gefiel, und auch mit Roy und Anne - es sah eleganter aus - Beatrix ließ sich eher dorthin zerren...aber nun gut, so macht es halt jeder anders...und bei 'ich möchte meinen Körper mit Deinem verbinden...' macht sie es wiederum am besten, da sie ihre Arme wirklich in die Höhe streckt und dann langsam die Hände faltet, was bei Anne wiederum ein wenig unscheinbarer wirkte.

Christian Alexander Müller / Foto (c) W. Hurtz
Christian Alexander Müller / Foto (c) W. Hurtz

Im allgemeinen war dieser 'point of no return' bei beiden 'Paaren' sehr intensiv und keines stand dem anderen in etwas nach, bis auf die Szene als dem Phantom die Kapuze vom Kopf gerissen wird, da konnte dann doch wieder Christian mehr überzeugen, weil er sich auch hier mehr bewegte, während Roy nur Richtung Ausgang lief, dann stehenblieb und resigniert den Kopf senkt, aber ich kann auch nicht sagen, dass das jetzt schlechter wäre,er ist halt das sanftere Phantom.

 

Ich möchte jetzt auch nicht jede Szene hier vergleichen, das würde zu lang, aber im Finale war Christian wieder so unglaublich gut, dass ich stark an mir halten musste um nicht loszuheulen, aber Tränen sind auf jeden Fall geflossen. Auch Roy und Anne haben dieses schwierige Stück perfekt gemeistert, und Roy schaffte es auch, überwältigendes Mitleid mit dem Phantom beim Zuschauer zu erzeugen, was ja in der Vergangenheit leider nicht allen Phantomen gelang...und ich glaube auch, dass viele auch bei ihm die Tränen nicht zurück halten konnten...man sah und hörte es ja rings um sich herum.

Auch Raoul möchte ich nicht vergessen und dazu sagen, dass Nikolaj Alexander Brucker der perfekte Raoul für mich ist. Er ist aber auch ständig präsent wenn ich da bin...aber die Rolle scheint ihm auch wie auf den Leib geschneidert. Seine äußere Erscheinung, sein Schauspiel und seine Stimme passen perfekt zu dieser Rolle.

In der zweiten Vorstellung meisterte er auch eine kleine Panne mit dieser Schlinge um seinen Hals. Sie fiel nämlich schon herab, bevor das Phantom ihn davon befreite und ich dachte schon, 'au weia, schon wieder dieses Ding, da hörte man ja immer wieder die tollsten Sachen, woran hängt das eigentlich, an einem Haar...?' Zumindest reagierte Nikolaj alias Raoul perfekt, indem er bis zum Gitter zurück stolperte und dort wie von einem Magneten festgehalten, rücklings hängenblieb, ohne damit aufzuhören zu röcheln und zu stöhnen. Wer diese Szene nicht kennt, wird gar nicht bemerkt haben, dass das eine kleine Panne war und sich wohl kaum darüber Gedanken machen, warum Raoul plötzlich am Gitter gefesselt war, wo er doch zuvor noch mitten im Raum stand.

 

Auf Fernand Delosch achtete ich diesmal besonders und versuchte ihn mir als Phantom vorzustellen, denn beinahe hätte ich ihn ja auch als solches gesehen und ich bin davon überzeugt, dass auch er der Rolle gewachsen ist, vor allem mag ich seinen leicht französischen Akzent sehr! 

 

Schlussapplaus mit Roy Weissensteiner als Phantom
Schlussapplaus mit Roy Weissensteiner als Phantom

Evelyn Werner in der Rolle der Carlotta, passte auch wieder perfekt, aber warum sagen die Carlottas immer '...wenn das noch einmal vorkommt, dann kommt DAS nicht mehr vor' und werfen ihren Schal weg. Jemand der das zum ersten Mal sieht, versteht das wohl nicht so wirklich. Warum bleibt man nicht beim alten Text ' wenn das noch einmal vorkommt, dann werde ICH nicht mehr vorkommen' das hört sich viel besser an finde ich. 

Schlussapplaus mit Christian als Phantom
Schlussapplaus mit Christian als Phantom

Aber es war schon interessant zweimal ein fast identisches Ensemble hintereinander zu erleben und sie zweimal fast identisch das gleiche sagen und tun, hören bzw. sehen zu können. Da merkt man schon, dass sich jeder in seiner Rolle treu ist, während man ja an den ausgetauschten Hauptrollen nun doch große Unterschiede entdeckte. Jetzt wo man darauf achtete, sah man auch viele bekannte Gesichter, wie Martina Rumpf, oder in der ersten Vorstellung Roy in kleinen Rollen wie z.B. als Handlanger bei der Versteigerung oder als Polizist...was muss ihm wohl im Kopf herumgehen, wenn er weiß, dass er noch am gleichen Abend in der absoluten Hauptrolle des Phantoms auf der Bühne stehen muss...eigentlich bewundernswert !!! 

 

Sandra Burchartz, die wir vorher noch frisch, fröhlich, frei in Freizeitklamotten Backstage gesehen hatten, stand 20 Min, später schon wieder perfekt kostümiert auf der Bühne und ich überlegte ernsthaft, ob ich eine Fata Morgana sah, oder wie sie es geschafft hatte so schnell fertig zu sein.

 

Mein Resümee zu diesen beiden Vorstellungen: Sie waren mit allen Darstellern beide perfekt! Bei den Hauptrollen gefielen Beatrix und Anne mir beide gleich gut, Nikolaj sowieso immer und zu den beiden Phantomen muss ich sagen, Roy hat seine Sache sehr gut gemacht, man merkte deutlich dass er viel Mühe und Arbeit in die Rolle des Phantoms steckt um den hohen Anforderungen gerecht zu werden und er wirkte auch in keiner Weise so, als 'ersetze' er hier nur die Erstbesetzung. Man hörte auch kaum einen Akzent, wenn man bedenkt, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist und seine Stimme, sowie sein Schauspiel haben auch überzeugt. 

Aber: ES KANN NUR EINEN GEBEN

und das ist 

(zumindest für mich) 

 

Christian Alexander Müller!!! 

 

Ein besonderes Dankeschön an Willi Hurtz und die Leihgabe seiner Fotos! :-)