Die Zaubergeige 9

  Teil 9 (Letzter Teil) 

 

  Christines Gespräch mit dem Engel der Musik

 

 

Erik erzählt:

 

Endlich war ich wieder zurück in meinem Reich, doch kaum angekommen, erwartete ich ungeduldig Christines' Rückkehr. Dabei schwankte ich zwischen Hoffen und Bangen, was nun wirklich aus dem jungen Vicomte geworden war.

Seufzend machte ich es mir auf meinem Stammplatz hinter dem Spiegel zu Christines Garderobe bequem. Mittlerweile hatte ich dort einen alten Sessel aus der Requisite plaziert und mit Wasserpfeife und einem Gläschen Champagner vertrieb ich mir die Zeit, bis endlich die Garderobentür aufging. Es war schon fast Abend, als dies geschah und es war tatsächlich Christine, die hereintrat, noch in Reisekleidung und scheinbar recht aufgeregt.

Ohne ihre Handschuhe auszuziehen, drehte sie eine Lampe auf, trat einen Schritt zurück und blickte sich, noch immer ganz außer Atem im ganzen Raum um.

Ich spürte, wie sich mein Herzschlag verdoppelte, vergessen waren Wasserpfeife und Champagner, stattdessen umklammerte ich wie ein Ertrinkender das rettende Stück Holz, die Armlehnen meines Sessels.

„Engel, bist Du da?", raunte sie schließlich auch schon. Schnell trat sie noch einmal zur Tür, die sie vergaß abzuschließen, was sie jetzt nachholte.

Wobei sollte sie jemand erwischen? Wie sie mit den Wänden sprach vielleicht? Sie trat wieder in den Raum und näherte sich dabei langsam und unaufhörlich dem Spiegel und somit auch meiner Wenigkeit. Ihre Augen waren weit aufgerissen und mir brach der kalte Schweiß aus. Scheinbar drohte mir die ganze Geschichte vom 'Engel der Musik' schneller zu entgleiten als ich geahnt hatte. Doch wenn, ja wenn sie jetzt, in diesem Augenblick sagen würde, 'mein Engel, nimm mich mit in Dein Reich', glaube ich, hätte mich nichts mehr halten können. Ich ließ bereits die Armlehnen los, bereit aufzuspringen und durch den Spiegel zu stürmen...doch da wandte sie den Blick zur Decke und wiederholte ihre Frage: "Bist du da?" 

Ich unterdrückte ein Seufzen und sank in meine bequeme Lage zurück.

„Hat es Dir gefallen?", fragte ich schließlich, bemüht zwanglos zu klingen. Christine zuckte zusammen und blickte sich hilflos in alle Richtungen hin um, aber ihr zuvor ängstliches Gesicht strahlte plötzlich.

"Gott sei Dank, du bist da!", raunte sie mehr als dass sie es sagte.

„Ja, es war wunderbar, es war wirklich die Geige meines Vaters!", fügte sie hinzu.

Da ich es zunächst vorzog zu schweigen, fuhr sie fort:

„Aber ich wußte nicht dass Raoul mir folgte! Hast du ihn gesehen?"

Gut, das Spiel begann; „Ja, ich habe ihn gesehen...und er hat mich gehört, glaube ich...", antwortete ich so freundlich wie möglich, obwohl schon allein der Name des Vicomte meine Gedanken verdunkelte, aber tatsächlich war ich doch neugierig was aus ihm geworden war...Christine sah mir nicht so aus, als trauere sie um jemanden. 

„Ja, er kann dich hören..." bestätigte Christine und schien fast peinlich berührt. Wahrscheinlich wagte sie nicht zu fragen, warum das so war.

„Er hat Dich auch schon hier in dieser Garderobe sprechen hören, er lauschte nämlich an der Tür!"

Was war das, hegte Christine etwa Groll auf ihren jungen Freund? Da musste ich doch gleich das Feuer etwas weiterschüren.

„Genau das habe ich ihm auch zugetraut!", rief ich ein wenig zu laut in die hohlen Dachziegel, doch nichts konnte mich noch aufhalten: „Findest du nicht selbst, dass das so gar nicht zu einem wohlerzogenem jungen Mann passt? An den Türen junger Mädchen lauschen...tsss!" Ich schüttelte den Kopf, als ob sie mich sehen könnte.

Christine schien mein ganz und gar nicht engelhaftes Zischen überhört zu haben und nickte beklommen.

„Ja, ich bin enttäuscht von ihm, du hattest recht, er hat sich wirklich sehr verändert!" Sie seufzte „Wirklich!"

„Aber du hättest mir sagen müssen, dass nicht nur ich deine Stimme hören kann!", warf sie mir sanft vor und blickte dabei wie gewohnt in der Garderobe umher, so als suche sie mich.

„Ich habe nie behauptet, dass nur du mich hören kannst!", schlug ich zurück und brachte sie damit ersteinmal wieder zum Schweigen. Um es zu brechen, nutzte ich die Gelegenheit sie nach dem Verbleib des Jungen zu fragen.

„Er blieb in Perros...er ist...krank...ich  bin allein..." Schließlich nahm ihr Gesicht einen entschlossenen und beinah zornigen Ausdruck an.

„Ja, das war überhaupt das Schlimmste von allem!", rief sie aus. „Man fand ihn am Morgen halb tot auf dem Hochaltar...! Kannst du dir das vorstellen?" Ihre Stimme klang nun beinah entrüstet. Ich staunte nicht schlecht, auf dem Hochaltar? Hatte ich ihn nicht auf den Stufen zurückgelassen? Aber wenn ich genau nachdachte, gab es da tatsächlich eine Gedächtnislücke in meinem Hirn, was ja nichts neues war...hatte ich ihn tatsächlich...aber er lebte noch und ich wußte nicht ob ich weinen oder lachen sollte.

Doch dann hatte ich eine Idee und grinste in mich hinein.

„Ja, das kann ich mir vorstellen, schließlich habe ich ihn gesehen!"

„Du hast gesehen wie er...?"

„Ja, der Arme war ja völlig betrunken, er rannte wie ein Irrer auf dem Friedhof umher und trat wie wild geworden gegen den Knochenhaufen"! 

Christines Gesicht sprach nun Bände, ein Gemisch aus Zorn, Entsetzen und Erkenntnis.

„Also doch!", rief sie aus. „Haben doch alle recht! Und was war dann, hast du gesehen wie er auf den Altar kam?"

„Natürlich!" raunte ich, bemüht nicht allzu euphorisch zu klingen. „Er lief in die Kapelle, torkelte durch den Mittelgang...und dann stieg er...", ich seufzte Entsetzen heuchelnd, „...auf den Altar und schlief ein!" Ich seufzte noch einmal eindringlich und sah befriedigt dass Christine geradezu in meinen Seufzern zu baden schien...

„Ich konnte ihn leider nicht zurückhalten, schließlich ist er ein kräftiger Junge...ein Mensch...während ich doch nur ein schwaches, körperloses Wesen bin...", was faselte ich da bloß? Doch gesagt, war gesagt.

Christine faltete zitternd die Hände wie zum Gebet und sagte nur „Ja".

„Aber er tat mir leid," fuhr ich fort. „Ich befürchtete dass er erfriert, deshalb bedeckte ich ihn mit Blumen und zündete einige Kerzen an, in der Hoffnung sie würden ihn ein wenig wärmen."

„Oh mein Engel!", flüsterte Christine heiser und mit Tränen in den Augen, was mir fast die Schamesröte ins Gesicht trieb (wenn das bei mir möglich ist) und ich hoffte es nicht übertrieben zu haben mit meiner schamlosen Lügengeschichte.

„Du bist so gütig", fuhr sie mit bebenden Lippen fort und fiel auf die Knie, die Hände noch immer gefaltet und Richtung Zimmerdecke blickend. Ich rutschte unruhig in meinem Sessel hin und her, diese Art von Anbetung war mehr als ich ertragen konnte, ach wenn sie nur wüsste.

„Du warst es, der meinen unvernünftigen Freund rettete, ja du warst es!" Ihre Ergriffenheit ergriff nun auch mich und mir entfuhr tatsächlich so eine Art Schluchzer, was bewirkte dass Christine nun völlig in Tränen ausbrach. „Ich danke dir dafür!", schluchzte sie.

Das wurde mir nun doch zu bunt, wie es schien weinte sie für Raouls Rettung und ich gleich mit!

„Wenn Raoul gestorben wäre hätte ich es mir nie verzeihen können, obwohl er dir nur schadet!", erklärte ich schließlich mit schon wieder recht strenger Stimme, was Christine sofort zur Vernunft brachte.

„Ich habe nun endgültig mit ihm gebrochen!", erklärte sie schließlich wieder gefasst und nun war mir klar warum sie eigentlich geweint hatte; sie hatte mit ihm Schluss gemacht!

Ein stiller Freudenschrei durchdrang mich. Doch Christine war noch nicht fertig: „Er schadet mir wirklich!" fuhr sie fort, „er verbreitet die unmöglichsten Geschichten und erzählt, dass ihm in der Kapelle eine Teufelsfratze begegnet sei! Dass er in Ohnmacht fiel! Das ist ja fast Blasphemie!"

Ich bekam noch mit, dass sie erwartungsvoll ins Halbdunkel ihrer Garderobe starrte, während mich die Erkenntnis des Fehlers den ich begangen hatte in meinen Sessel zurückwarf. Daran hatte ich nicht mehr gedacht, oder vielleicht gehofft, dass der Junge es vergessen oder gar nicht erwähnt hatte...Obwohl Christine jene 'Teufelsfratze' nicht mit mir in Verbindung brachte, so verspürte ich nicht das geringste Verlangen darüber zu reden.

Doch schließlich musste ich mich dem stellen.

„Teufelsfratze...?", wiederholte ich langsam, „Blasphemie...?"

Ich bemerkte, dass Christine erschrak, wohl über den düsteren Klang meiner Stimme.

„Warum glaubst du, dass es Blasphemie ist, einer Teufelsfratze zu begegnen?", fuhr ich fort, bemüht das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.

„Weil...weil...es doch in einer...Kirche war...", stammelte das arme verwirrte Kind. „Und jeder weiß doch, dass der Teufel sofort verbrennt, wenn er geweihten Boden betritt...!"

Soviel Logik verschlug mir erneut die Sprache. Alles mögliche hatte ich mir schon im Laufe meines Lebens anhören müssen und nun war ich sogar 'ein Teufel' und gleichzeitig 'ein Engel'. Am liebsten hätte ich nun hysterisch losgelacht, doch was konnte die arme Christine dafür, dass ich das Werk ihres Vaters so überzeugend weiterführte...währenddessen all meine Träume über eine Zusammenkunft mit Christine im Nichts verschwanden.

Doch Erik wäre nicht Erik, wenn er so schnell aufgäbe.

„Glaubst Du nicht, dass es lebende...Wesen mit solchen Gesichtern geben könnte?", fragte ich sie eine Spur zu scharf, denn sie horchte erschrocken auf.

Doch dann schüttelte sie den Kopf.

„Nein, nicht mit solchen wie Raoul es beschrieb...das...das ist doch unmöglich...ich möchte darüber auch gar nicht nachdenken, für mich ist alles schön und gut...so wie DU mein Engel!" 

Wieder durchfuhr mich ein beinah fühlbarer Schmerz.

„So? Wie kannst Du wissen ob ich schön bin? Hast Du schon einmal einen Engel gesehen?", fragte ich und fühlte mich plötzlich eigenartig schwach. Warum verschwand ich nicht einfach und kam nie wieder her?!

Christine blickte auf, geradewegs in den Spiegel und ich erschauerte, denn sie sah mir direkt in die Augen...allerdings natürlich ohne mich wirklich zu sehen.

„Ja, ich glaube schon!", antwortete sie mit plötzlicher Euphorie.

„Wie das?"

„In Perros, sah ich in jener Nacht nach dem Geigenspiel auf dem Friedhof, eine Gestalt unter meinem Fenster...oh, sie saß auf einem großen weißen Pferd, sie sah aus wie ein Himmelswesen und der Mantel des Reiters, sowie die Mähne des Pferdes, waren mit funkelnden und glitzernden kleine Sternen übersät."

Ich lehnte mit geschlossenen Augen in meinem Sessel und war bemüht Christines Erzählungen zu folgen...im einen Moment ein Teufel und im nächsten wieder ein Engel...wie sollte ich diese beiden Gestalten bloß unter einen Hut bekommen um mich ihr schließlich zu präsentieren?!

„Warst DU es?", durchbrach Christines glasklare Stimme mein düsteres Schweigen. Sie hatte mich natürlich 'erkannt', ich hatte ihr ja auch 'ein Zeichen' eine Rose hinterlassen, ich spiele halt gern die mysteriöse Gestalt, aber muss ich sie überhaupt noch spielen...? Ich BIN eine mysteriöse Gestalt, wie mir scheint, und alles wäre so schön, wäre da nicht dieses hässliche Wort 'Teufelsfratze' gefallen!

„Wie kann ich es gewesen sein?", warf ich ihr schließlich mit strenger Stimme vor. „Schließlich wachte ich doch über Deinen jungen Freund...!"

„Ach ja..." Christine klang enttäuscht. „Dann habe ich wohl geträumt, oder es war wirklich nur ein Reisender!"

„Hattest Du keine Angst?"

„Nein, warum sollte ich, ich sagte ja bereits dass dieser Reiter durchaus wie ein himmlisches Wesen auf mich wirkte!" Ihre Enttäuschung schien grenzenlos, wenn sie nur wüsste...

„Wie rein und gut du bist, Kind", seufzte ich, „doch ich muss dich darauf aufmerksam machen, dass die Welt nicht nur aus guten und schönen Dingen, oder...Menschen, besteht," versuchte ich sie aufzuklären.

„Aber das weiß ich doch, nur geht es mich nichts an, ich habe mich schließlich von allem Weltlichen losgesagt, von nun an gibt es nur noch DICH für mich...", murmelte sie mit verklärtem Blick.

„Das freut mich mein Kind, doch du musst immer darauf gefasst sein, dass dir auch etwas anderes, als nur Gutes und Schönes begegnen kann. Wenn du es nicht bist, dann befürchte ich, dass es dir schadet...wenn es doch einmal soweit kommen sollte!" Ich war schon mittendrin in 'Vorbereitungsarbeit'. Nein, ich gab nicht auf, ich hatte vor sie zu mir zu holen, und das würde ich tun...bald!

Sie legte die Stirn in Falten.

„Ich verstehe nicht, mein Engel, was sollte mir denn schlimmeres...außer Carlotta...begegnen?" versuchte sie zu scherzen. „Aber, zweifeltest du denn an mir?", fragte sie leise.

„Nein, ganz und gar nicht...", ich war reichlich damit beschäftigt mich wieder zu fangen, wie gut dass sie mich jetzt nicht sehen konnte...aber ich ahnte, dass ich ihretwegen noch öfter weinen würde.

„Ich wollte nur wissen, wie du der Welt in dieser Hinsicht gegenüber stehst und du hast mich nicht enttäuscht....ach sieh doch nicht zur Decke, sieh in den Spiegel...und schaue DICH an...ohne DICH wäre die Welt um vieles ärmer!"

„Nein, aber ohne dich!", antwortete das gute, brave Kind und ich brach fast schon wieder in Tränen aus. Zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort wäre ich wahrscheinlich eher in hysterisches Gelächter ausgebrochen.

„Ach es gibt so viele, denen ich nicht das Wasser reichen kann!" fuhr Christine fort.

„Aber du kannst es mir reichen", redete ich auf sie ein. "Du bist meiner würdig, ich werde dich nicht verlassen, solange du es nicht wünschst, ich werde immer für dich da sein, ich werde tun was du dir wünschst, ich lese jeden Wunsch von deinen Augen ab, du bist meine Herrin und ich bin dein Diener, solange du nur an mich glaubst, solange du dir deine Unschuld bewahrst!"

Innerlich rief ich alle Mächte an mich zu bremsen, aber scheinbar war ich nun in voller Fahrt, ganz gleich was daraus wurde...ich hörte mich selber seufzen und stöhnen und bemerkte schließlich dass Christine entsetzt in den Spiegel starrte...jetzt war ich zu weit gegangen.

Nach kaum erträglicher Zeit des Schweigens, flüsterte sie schließlich: „Das darfst du nicht sagen, schließlich bin doch ich DIR ganz ergeben, ich bin doch nur ein dummes Menschenkind...du bist ein Engel...wie kann ich deine Herrin sein? Wie du mein Diener? Schließlich bin doch ich dir zu Dank verpflichtet!"

„Nein, ich dir! Du hast mir deine Seele geschenkt und ich glaube, dass ich bald bereit sein werde dir deinen größten Wunsch zu erfüllen...."

„Meinen größten Wunsch?"

„Ja, weißt du nicht mehr was du dir wünscht?", bohrte ich ungeduldig nach und befürchtete schon sie würde antworten 'dass ich bald ein Star bin!'

Aber nein, meine Christine mochte naiv sein, aber dumm war sie nicht.

„Ich wünsche mir, ...dass ich dich sehen kann...", und da standen die Worte im Raum, ich hatte es ja nicht anders gewollt!

„Ja" hauchte ich, „so soll es sein, aber erst wirst du heute Abend für mich singen!"

„Wenn man mich lässt..." antwortete sie wenig überzeugt.

„Man wird dich lassen!" 

 

                                                           Ende

 

 Teil 9 (Letzter Teil)

 

  Christines Gespräch mit dem Engel der Musik

 

 

Erik erzählt:

Endlich war ich wieder zurück in meinem Reich, doch kaum angekommen, erwartete ich ungeduldig Christines' Rückkehr. Dabei schwankte ich zwischen Hoffen und Bangen, was nun wirklich aus dem jungen Vicomte geworden war...


Seufzend machte ich es mir auf meinem Stammplatz hinter dem Spiegel zu Christines Garderobe bequem. Mittlerweile hatte ich dort einen alten Sessel aus der Requisite plaziert und mit Wasserpfeife und einem Gläschen Champagner vertrieb ich mir die Zeit, bis endlich die Garderobentür aufging. Es war schon fast Abend, als dies geschah und es war tatsächlich Christine, die hereintrat, noch in Reisekleidung und scheinbar recht aufgeregt.

Ohne ihre Handschuhe auszuziehen, drehte sie eine Lampe auf, trat einen Schritt zurück und blickte sich, noch immer ganz außer Atem im ganzen Raum um.


Ich spürte, wie sich mein Herzschlag verdoppelte, vergessen waren Wasserpfeife und Champagner, stattdessen umklammerte ich wie ein Ertrinkender das rettende Stück Holz, die Armlehnen meines Sessels.

 

„Engel, bist Du da?", raunte sie schließlich auch schon. Schnell trat sie noch einmal zur Tür, die sie vergaß abzuschließen, was sie jetzt nachholte.


Wobei sollte sie jemand erwischen? Wie sie mit den Wänden sprach vielleicht? Sie trat wieder in den Raum und näherte sich dabei langsam und unaufhörlich dem Spiegel und somit auch meiner Wenigkeit. Ihre Augen waren weit aufgerissen und mir brach der kalte Schweiß aus. Scheinbar drohte mir die ganze Geschichte vom 'Engel der Musik' schneller zu entgleiten als ich geahnt hatte. Doch wenn, ja wenn sie jetzt, in diesem Augenblick sagen würde, 'mein Engel, nimm mich mit in Dein Reich', glaube ich, hätte mich nichts mehr halten können. Ich ließ bereits die Armlehnen los, bereit aufzuspringen und durch den Spiegel zu stürmen...doch da wandte sie den Blick zur Decke und wiederholte ihre Frage: "Bist du da?"

 

Ich unterdrückte ein Seufzen und sank in meine bequeme Lage zurück.
„Hat es Dir gefallen?", fragte ich schließlich, bemüht zwanglos zu klingen. Christine zuckte zusammen und blickte sich hilflos in alle Richtungen hin um, aber ihr zuvor ängstliches Gesicht strahlte plötzlich.

"Gott sei Dank, du bist da!", raunte sie mehr als dass sie es sagte.

„Ja, es war wunderbar, es war wirklich die Geige meines Vaters!", fügte sie hinzu.

 

Da ich es zunächst vorzog zu schweigen, fuhr sie fort:

„Aber ich wußte nicht dass Raoul mir folgte! Hast du ihn gesehen?"

Gut, das Spiel begann; „Ja, ich habe ihn gesehen...und er hat mich gehört, glaube ich...", antwortete ich so freundlich wie möglich, obwohl schon allein der Name des Vicomte meine Gedanken verdunkelte, aber tatsächlich war ich doch neugierig was aus ihm geworden war...Christine sah mir nicht so aus, als trauere sie um jemanden...

 

„Ja, er kann dich hören..." bestätigte Christine und schien fast peinlich berührt. Wahrscheinlich wagte sie nicht zu fragen, warum das so war.
„Er hat Dich auch schon hier in dieser Garderobe sprechen hören, er lauschte nämlich an der Tür!"
Was war das, hegte Christine etwa Groll auf ihren jungen Freund? Da musste ich doch gleich das Feuer etwas weiterschüren...

„Genau das habe ich ihm auch zugetraut!", rief ich ein wenig zu laut in die hohlen Dachziegel, doch nichts konnte mich noch aufhalten: „Findest du nicht selbst, dass das so gar nicht zu einem wohlerzogenem jungen Mann passt? An den Türen junger Mädchen lauschen...tsss!" Ich schüttelte den Kopf, als ob sie mich sehen könnte...

Christine schien mein ganz und gar nicht engelhaftes Zischen überhört zu haben und nickte beklommen.
„Ja, ich bin enttäuscht von ihm, du hattest recht, er hat sich wirklich sehr verändert!" Sie seufzte „Wirklich!"
„Aber du hättest mir sagen müssen, dass nicht nur ich deine Stimme hören kann!", warf sie mir sanft vor und blickte dabei wie gewohnt in der Garderobe umher, so als suche sie mich.

„Ich habe nie behauptet, dass nur du mich hören kannst!", schlug ich zurück und brachte sie damit ersteinmal wieder zum Schweigen. Um es zu brechen, nutzte ich die Gelegenheit sie nach dem Verbleib des Jungen zu fragen.

„Er blieb in Perros...er ist...krank...ich  bin allein..." Schließlich nahm ihr Gesicht einen entschlossenen und beinah zornigen Ausdruck an.
„Ja, das war überhaupt das Schlimmste von allem!", rief sie aus. „Man fand ihn am Morgen halb tot auf dem Hochaltar...! Kannst du dir das vorstellen?" Ihre Stimme klang nun beinah entrüstet. Ich staunte nicht schlecht, auf dem Hochaltar? Hatte ich ihn nicht auf den Stufen zurückgelassen? Aber wenn ich genau nachdachte, gab es da tatsächlich eine Gedächtnislücke in meinem Hirn, was ja nichts neues war...hatte ich ihn tatsächlich...aber er lebte noch und ich wußte nicht ob ich weinen oder lachen sollte.
Doch dann hatte ich eine Idee und grinste in mich hinein.

„Ja, das kann ich mir vorstellen, schließlich habe ich ihn gesehen!"
„Du hast gesehen wie er...?"
„Ja, der Arme war ja völlig betrunken, er rannte wie ein Irrer auf dem Friedhof umher und trat wie wild geworden gegen den Knochenhaufen"! 

Christines Gesicht sprach nun Bände, ein Gemisch aus Zorn, Entsetzen und Erkenntnis.
„Also doch!", rief sie aus. „Haben doch alle recht! Und was war dann, hast du gesehen wie er auf den Altar kam?"
„Natürlich!" raunte ich, bemüht nicht allzu euphorisch zu klingen. „Er lief in die Kapelle, torkelte durch den Mittelgang...und dann stieg er...", ich seufzte Entsetzen heuchelnd, „...auf den Altar und schlief ein!" Ich seufzte noch einmal eindringlich und sah befriedigt dass Christine geradezu in meinen Seufzern zu baden schien...
„Ich konnte ihn leider nicht zurückhalten, schließlich ist er ein kräftiger Junge...ein Mensch...während ich doch nur ein schwaches, körperloses Wesen bin...", was faselte ich da bloß? Doch gesagt, war gesagt.

Christine faltete zitternd die Hände wie zum Gebet und sagte nur „Ja".

„Aber er tat mir leid," fuhr ich fort. „Ich befürchtete dass er erfriert, deshalb bedeckte ich ihn mit Blumen und zündete einige Kerzen an, in der Hoffnung sie würden ihn ein wenig wärmen."

„Oh mein Engel!", flüsterte Christine heiser und mit Tränen in den Augen, was mir fast die Schamesröte ins Gesicht trieb (wenn das bei mir möglich ist) und ich hoffte es nicht übertrieben zu haben mit meiner schamlosen Lügengeschichte.
„Du bist so gütig", fuhr sie mit bebenden Lippen fort und fiel auf die Knie, die Hände noch immer gefaltet und Richtung Zimmerdecke blickend. Ich rutschte unruhig in meinem Sessel hin und her, diese Art von Anbetung war mehr als ich ertragen konnte, ach wenn sie nur wüsste...

„Du warst es, der meinen unvernünftigen Freund rettete, ja du warst es!" Ihre Ergriffenheit ergriff nun auch mich und mir entfuhr tatsächlich so eine Art Schluchzer, was bewirkte dass Christine nun völlig in Tränen ausbrach. „Ich danke dir dafür!", schluchzte sie.
Das wurde mir nun doch zu bunt, wie es schien weinte sie für Raouls Rettung und ich gleich mit!

„Wenn Raoul gestorben wäre hätte ich es mir nie verzeihen können, obwohl er dir nur schadet!", erklärte ich schließlich mit schon wieder recht strenger Stimme, was Christine sofort zur Vernunft brachte.

„Ich habe nun endgültig mit ihm gebrochen!", erklärte sie schließlich wieder gefasst und nun war mir klar warum sie eigentlich geweint hatte; sie hatte mit ihm Schluss gemacht!
Ein stiller Freudenschrei durchdrang mich. Doch Christine war noch nicht fertig: „Er schadet mir wirklich!" fuhr sie fort, „er verbreitet die unmöglichsten Geschichten und erzählt, dass ihm in der Kapelle eine Teufelsfratze begegnet sei! Dass er in Ohnmacht fiel! Das ist ja fast Blasphemie!"

 

Ich bekam noch mit, dass sie erwartungsvoll ins Halbdunkel ihrer Garderobe starrte, während mich die Erkenntnis des Fehlers den ich begangen hatte in meinen Sessel zurückwarf. Daran hatte ich nicht mehr gedacht, oder vielleicht gehofft, dass der Junge es vergessen oder gar nicht erwähnt hatte...Obwohl Christine jene 'Teufelsfratze' nicht mit mir in Verbindung brachte, so verspürte ich nicht das geringste Verlangen darüber zu reden.

Doch schließlich musste ich mich dem stellen.
„Teufelsfratze...?", wiederholte ich langsam, „Blasphemie...?"
Ich bemerkte, dass Christine erschrak, wohl über den düsteren Klang meiner Stimme.

„Warum glaubst du, dass es Blasphemie ist, einer Teufelsfratze zu begegnen?", fuhr ich fort, bemüht das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.

„Weil...weil...es doch in einer...Kirche war...", stammelte das arme verwirrte Kind. „Und jeder weiß doch, dass der Teufel sofort verbrennt, wenn er geweihten Boden betritt...!"

Soviel Logik verschlug mir erneut die Sprache. Alles mögliche hatte ich mir schon im Laufe meines Lebens anhören müssen und nun war ich sogar 'ein Teufel' und gleichzeitig 'ein Engel'. Am liebsten hätte ich nun hysterisch losgelacht, doch was konnte die arme Christine dafür, dass ich das Werk ihres Vaters so überzeugend weiterführte...währenddessen all meine Träume über eine Zusammenkunft mit Christine im Nichts verschwanden...

Doch Erik wäre nicht Erik, wenn er so schnell aufgäbe.

 

„Glaubst Du nicht, dass es lebende...Wesen mit solchen Gesichtern geben könnte?", fragte ich sie eine Spur zu scharf, denn sie horchte erschrocken auf.
Doch dann schüttelte sie den Kopf.

„Nein, nicht mit solchen wie Raoul es beschrieb...das...das ist doch unmöglich...ich möchte darüber auch gar nicht nachdenken, für mich ist alles schön und gut...so wie DU mein Engel!" 

Wieder durchfuhr mich ein beinah fühlbarer Schmerz.
„So? Wie kannst Du wissen ob ich schön bin? Hast Du schon einmal einen Engel gesehen?", fragte ich und fühlte mich plötzlich eigenartig schwach. Warum verschwand ich nicht einfach und kam nie wieder her?!

Christine blickte auf, geradewegs in den Spiegel und ich erschauerte, denn sie sah mir direkt in die Augen...allerdings natürlich ohne mich wirklich zu sehen.
„Ja, ich glaube schon!", antwortete sie mit plötzlicher Euphorie.
„Wie das?"
„In Perros, sah ich in jener Nacht nach dem Geigenspiel auf dem Friedhof, eine Gestalt unter meinem Fenster...oh, sie saß auf einem großen weißen Pferd, sie sah aus wie ein Himmelswesen und der Mantel des Reiters, sowie die Mähne des Pferdes, waren mit funkelnden und glitzernden kleine Sternen übersät."

Ich lehnte mit geschlossenen Augen in meinem Sessel und war bemüht Christines Erzählungen zu folgen...im einen Moment ein Teufel und im nächsten wieder ein Engel...wie sollte ich diese beiden Gestalten bloß unter einen Hut bekommen um mich ihr schließlich zu präsentieren?!
„Warst DU es?", durchbrach Christines glasklare Stimme mein düsteres Schweigen. Sie hatte mich natürlich 'erkannt', ich hatte ihr ja auch 'ein Zeichen' eine Rose hinterlassen, ich spiele halt gern die mysteriöse Gestalt, aber muss ich sie überhaupt noch spielen...? Ich BIN eine mysteriöse Gestalt, wie mir scheint, und alles wäre so schön, wäre da nicht dieses hässliche Wort 'Teufelsfratze' gefallen!

„Wie kann ich es gewesen sein?", warf ich ihr schließlich mit strenger Stimme vor. „Schließlich wachte ich doch über Deinen jungen Freund...!"
„Ach ja..." Christine klang enttäuscht. „Dann habe ich wohl geträumt, oder es war wirklich nur ein Reisender!"
„Hattest Du keine Angst?"
„Nein, warum sollte ich, ich sagte ja bereits dass dieser Reiter durchaus wie ein himmlisches Wesen auf mich wirkte!" Ihre Enttäuschung schien grenzenlos, wenn sie nur wüsste...
„Wie rein und gut du bist, Kind", seufzte ich, „doch ich muss dich darauf aufmerksam machen, dass die Welt nicht nur aus guten und schönen Dingen, oder...Menschen, besteht," versuchte ich sie aufzuklären.

„Aber das weiß ich doch, nur geht es mich nichts an, ich habe mich schließlich von allem Weltlichen losgesagt, von nun an gibt es nur noch DICH für mich...", murmelte sie mit verklärtem Blick.

„Das freut mich mein Kind, doch du musst immer darauf gefasst sein, dass dir auch etwas anderes, als nur Gutes und Schönes begegnen kann. Wenn du es nicht bist, dann befürchte ich, dass es dir schadet...wenn es doch einmal soweit kommen sollte!" Ich war schon mittendrin in 'Vorbereitungsarbeit'. Nein, ich gab nicht auf, ich hatte vor sie zu mir zu holen, und das würde ich tun...bald!
Sie legte die Stirn in Falten.

„Ich verstehe nicht, mein Engel, was sollte mir denn schlimmeres...außer Carlotta...begegnen?" versuchte sie zu scherzen. „Aber, zweifeltest du denn an mir?", fragte sie leise.

„Nein, ganz und gar nicht...", ich war reichlich damit beschäftigt mich wieder zu fangen, wie gut dass sie mich jetzt nicht sehen konnte...aber ich ahnte, dass ich ihretwegen noch öfter weinen würde.
„Ich wollte nur wissen, wie du der Welt in dieser Hinsicht gegenüber stehst und du hast mich nicht enttäuscht....ach sieh doch nicht zur Decke, sieh in den Spiegel...und schaue DICH an...ohne DICH wäre die Welt um vieles ärmer!"
„Nein, aber ohne dich!", antwortete das gute, brave Kind und ich brach fast schon wieder in Tränen aus. Zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort wäre ich wahrscheinlich eher in hysterisches Gelächter ausgebrochen.
„Ach es gibt so viele, denen ich nicht das Wasser reichen kann!" fuhr Christine fort.

„Aber du kannst es mir reichen", redete ich auf sie ein. "Du bist meiner würdig, ich werde dich nicht verlassen, solange du es nicht wünschst, ich werde immer für dich da sein, ich werde tun was du dir wünschst, ich lese jeden Wunsch von deinen Augen ab, du bist meine Herrin und ich bin dein Diener, solange du nur an mich glaubst, solange du dir deine Unschuld bewahrst!"
Innerlich rief ich alle Mächte an mich zu bremsen, aber scheinbar war ich nun in voller Fahrt, ganz gleich was daraus wurde...ich hörte mich selber seufzen und stöhnen und bemerkte schließlich dass Christine entsetzt in den Spiegel starrte...jetzt war ich zu weit gegangen....

 

Nach kaum erträglicher Zeit des Schweigens, flüsterte sie schließlich: „Das darfst du nicht sagen, schließlich bin doch ich DIR ganz ergeben, ich bin doch nur ein dummes Menschenkind...du bist ein Engel...wie kann ich deine Herrin sein? Wie du mein Diener? Schließlich bin doch ich dir zu Dank verpflichtet!"

„Nein, ich dir! Du hast mir deine Seele geschenkt und ich glaube, dass ich bald bereit sein werde dir deinen größten Wunsch zu erfüllen...."

„Meinen größten Wunsch?"

„Ja, weißt du nicht mehr was du dir wünscht?", bohrte ich ungeduldig nach und befürchtete schon sie würde antworten 'dass ich bald ein Star bin!'
Aber nein, meine Christine mochte naiv sein, aber dumm war sie nicht.

„Ich wünsche mir, ...dass ich dich sehen kann...", und da standen die Worte im Raum, ich hatte es ja nicht anders gewollt!

„Ja" hauchte ich, „so soll es sein, aber erst wirst du heute Abend für mich singen!"
„Wenn man mich lässt..." antwortete sie wenig überzeugt.

„Man wird dich lassen!" 

                                                           Ende