Die Zaubergeige  4 - 6

Teil 4

 

                                 Begegnung mit Raoul 

Erik erzählt:

 

In den jungen Mann kehrte Leben zurück. Verwundert, aber ohne sie aufzuhalten, blickte er dem Objekt unserer beider Sehnsüchte (Christine) hinterher und sah sich schließlich, scheinbar angestrengt lauschend, in alle Richtungen hin um. Schließlich trat er an das vom Mondlicht hellerleuchtete Grab des verstorbenen Geigers heran und betrachtete es eine Weile mit weit aufgerissenen Augen.

Ich nutzte die Gunst der Stunde und glitt vom Dach der Kapelle herunter. Vernünftiger wäre es vielleicht gewesen dort oben zu bleiben, doch ich spürte, dass sich ein Krampf in meinem Rücken anbahnte und mich der eisige Wind langsam erstarren ließ. Wenn ich also nicht augenblicklich mein luftiges Versteck verließ, würde ich von allein herunterfallen und womöglich im Schnee liegenbleiben wie ein großer starrer Vogel.

Obwohl ich immer lautlos operiere, verursachte diese vermaledeite Geige, als ich hinter der Kapelle auf beiden Füßen sanft im Schnee landete, ein leises Geräusch als sie an die Mauer stieß. Obwohl das Geräusch wirklich nur leise war, erschien es mir wie ein Gongschlag in der Stille der Nacht.

Augenblicklich fuhr der Junge herum und starrte in meine Richtung. Augenblicklich auch, kochten in mir Hass und Zorn hoch! Doch Erik wäre nicht Erik, wenn er nun die Contenance verlöre...

Ich beschloss den Jungen ein wenig zu ärgern und duckte mich hinter einem Haufen alter, ausgegrabener Knochen. Ich gab ein leises unverschämt spöttisches Kichern zum Besten in der Hoffnung, dass er vor Angst zunächst erstarrte um schließlich eine wilde Flucht in Richtung des Friedhoftores anzutreten!

Doch so einfach machte er es mir dann leider doch nicht. Er schien beschlossen zu haben den Helden zu spielen und kam langsam auf meinen Knochenhaufen, eher eine Mauer aus säuberlich übereinandergestapelter uralter gebleichter Gebeine und Schädel, zu. Man muss dazu sagen, dass es bretonische Tradition ist aus alten Knochen, die die überwiegend kleinen Friedhöfe im Laufe der Jahrhunderte zum Überquellen brachten, diese Kunstwerke zu errichten. Übrigens ganz nach meinem Geschmack...in Paris zieht man es allerdings vor sie unterirdisch zu stapeln.

Ich staunte also nicht schlecht über den Mut des Jungen, sich bei Nacht und Nebel, auf einem scheinbar 'gottverlassenen' Friedhof, einem Haufen grinsender Totenköpfe zu nähern. Ich stieß hinter der Mauer gegen einen der Schädel. Dieser löste sich aus dem Haufen und rollte dem Jungen vor die Füße. Er sprang beiseite und stieß einen kleinen Schreckensschrei aus.

Ich begann Spaß an meinem makabren Spielchen zu bekommen und stieß noch einen Schädel an...und noch einen. Ein ganzer Haufen rollte nun auf sein lebendiges Ziel zu. Ich ließ die Schädel kichern. In jeden einzelnen von ihnen integrierte ich meine Stimme und der Vicomte sprang entsetzt hin und her, doch er rannte nicht davon! Dieser verdammte Junge ließ sich einfach nicht einschüchtern, was mir umso mehr bewies, wie groß seine Eifersucht auf Christines heimlichen Verehrer (mich) und folgerichtig auch der Wunsch diesen zu entlarven, sein musste! Das er nicht wirklich an einen 'Engel der Musik' glaubte, war mir nun endgültig klar geworden und langsam reichte es mir!

Pariser Katakomben
Pariser Katakomben

 

Ganz kurz blitzte der Gedanke in mir auf ihn zu töten, doch gleichzeitig sah ich auch Christines leidendes Antlitz vor mir. Nein, auch wenn ich den Jungen hasste, so wäre es doch ein Fehler ihn jetzt zu 'beseitigen'. Es könnte Christines Gleichgewicht und somit ihre Karriere zerstören. Womöglich liebt sie ihn wirklich nicht so, wie ich manchmal glaube - in Perros zumindest hielt sie ihn hervorragend auf Distanz.

Das Spiel wurde langweilig, und ich beschloss mich zurückzuziehen bevor der Junge noch auf die Idee kam, hinter dem Knochenhaufen nachzusehen und ich doch noch tun musste, was dann unvermeidlich gewesen wäre.

Ich schlich geduckt um die Kapelle herum um von der anderen Seite zum Eingang zu gelangen.

Ich kam mir sehr schlau vor, denn der Junge starrte noch immer auf den Knochenhaufen, den ich längst verlassen hatte. In mich hineingrinsend näherte ich mich dem Eingang und huschte wie ein Schatten durch den Türspalt. Hinter mir vernahm ich ein leises Keuchen und sah mich um.

Der Junge folgte mir!

Er musste mich gesehen haben, und das machte mich wieder zornig! Er war auf einmal so schnell an den Eingang gelangt, dass es selbst mich stutzig machte...nein, Christines' kleiner Held ließ sich nicht narren!

Ich trat die Flucht nach vorn an, durch den Mittelgang der Kapelle, mit dem Gedanken, durch die Sakristei, in der es einen zweiten Ausgang gab, zu verschwinden.

"He, Sie, bleiben Sie stehen, sofort!", rief der Junge und seine Stimme hallte viel zu laut in dem alten Gewölbe wieder! Es war wie eine Entweihung!

Außerdem hatte ich das schon einmal gehört; im Keller der Oper, als der dumme alte Buquet mich verfolgte!

Es ist immer dasselbe; dieses Menschengezücht berauscht sich an meiner Musik und dann jagt es mich zum Dank! Das macht mich zornig, außerordentlich zornig! Und man weiß ja schließlich, was mit Joseph Buquet geschah! Dahin meine guten Vorsätze, auf und davon!

Ich überlegte schon, ob ich stehenbleiben und dem Vicomte gleich die Schlinge um den Hals legen sollte, als ich plötzlich einen kurzen harten Ruck verspürte, so als sei mein Umhang irgendwo hängengeblieben. Ob ich wollte oder nicht, ich musste stehenbleiben. Unter meinem Umhang umfasste ich bereits das Pendjab-Lasso und wandte mich langsam um...


 Teil 5

 

Erik erzählt:

(Begegnung mit Raoul - Fortsetzung)

 

...Nein, nun wollte ich keine Gnade mehr walten lassen! Der Vicomte stand dicht hinter mir und starrte mich mit einer Mischung aus Triumph und Angst an. Ich bemerkte, dass mein Mantel nirgendwo hängengeblieben war, sondern stattdessen umklammerte eine junge kräftige Hand einen Zipfel davon! Dieser unverschämte Bengel - er wagte es tatsächlich mich anzufassen! 

Mich fasst man normalerweise nicht so einfach an, schließlich bin ich ein Phantom!

Das war wirklich zuviel, das war unerträglich, ungeheuerlich!

Dieser Dummkopf ahnte wohl nicht in welcher Gefahr er sich befand!

Ich befreite mich mit einer raschen Armbewegung wobei die Kapuze meines Umhanges, welche bis dahin mein Gesicht verhüllte, kurz auseinanderklaffte - was jetzt wirklich nicht mehr tragisch war, zumindest nicht für mich...

Für den jungen Vicomte allerdings schon.

Seine Augen weiteten sich in namenlosem Entsetzen, dann fiel er in Ohnmacht wie ein junges Mädchen und sank zu meinen Füßen auf die eisigen Alabasterplatten der düsteren Kirche nieder. Scheinbar leblos blieb er liegen.

 

Ich war selbst so überrascht, dass ich eine Weile nur da stehen und ihn betrachten konnte. 

Seine Wangen waren so glatt und rosig wie die zarte Haut eines Ferkels, dicke blonde Haarstähnen fielen ihm in die Stirn, und wie er so dalag, wirkte er wie ein großer Rauschgoldengel, der aus seinen Gefilden auf die Erde herabgefallen war.

Schließlich überwand ich meine Abneigung, beugte mich zu ihm nieder und drückte eine Fingerspitze gegen seinen Hals. Deutlich spürte ich, wie das Blut durch die Ader pulsierte - er lebte also noch! Ich wußte nicht recht ob ich erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Der machte es einem wirklich nicht leicht.

Wie von allein legte sich schließlich meine kalte Hand um diesen warmen pulsierenden Hals und drückte langsam zu...



Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Es würde so einfach sein...niemand würde je mich verdächtigen... nicht einmal Christine...ich wäre ihn los...ein für alle Mal...

Eine gewaltige Welle der Erregung durchfuhr mich, spülte über mich hinweg wie eine Sturmflut, unaussprechbare Gedanken und Gelüste erfüllten mich, so wie ich es schon lange nicht mehr verspürt hatte, so heftig, dass ich selbst erschrak!

'Aber er ist ein Junge!', hallte es in meinem Hirn. 'Und wenn schon!', antwortete ich ebenso wortlos.

'ER IST CHRISTINES FREUND!! GEWISSERMAßEN EIN TEIL VON IHR...'

 

'CHRISTINE...!!'

Ich spürte selbst, wie sich mein Gesicht zu einer wirklichen Grimasse verzog, eine Mischung aus Trauer und Bedauern schlich sich in mein Bewusstsein, irgendwie war der ganze Kirchenraum plötzlich lebendig. Tausende unheimlicher Schatten tanzten um mich herum und fluchten, kreischten, röchelten, stöhnten und keuchten...und ich, das Phantom, vor dem sich alle fürchteten, fürchtete sich nun selbst. Ich zuckte zurück, ließ den Hals des Jungen los als habe ich mich verbrannt und erwachte nun vollends aus meiner Ekstase.

Ich starrte benommen auf den Engel zu meinen Füßen. Er lag noch immer so reglos da wie zuvor und wirkte unglaublich hilflos und verletzlich. Obwohl ich nichts lieber getan hätte als augenblicklich aus dieser Kirche zu flüchten, fand ich es doch pietätlos ihn einfach hier so auf dem kalten Boden liegen zu lassen - beinah entwickelte ich nun schon zärtliche Gefühle für Christines Verehrer (schließlich liebt er sie auch und wer sollte das besser verstehen als ich...?!).

Ich packte ihn kurzentschlossen am seidenen Kragen und schleifte ihn bis zum Altar. Auf den mit einem zerschlissenen Teppichläufer ausgelegten Stufen, ließ ich ihn liegen. Ich beschloss, dass ich nun meine Pflicht erfüllt hatte und Gott, der mir wohl solchen Schrecken eingejagt hatte, die Entscheidung überließ, was aus dem Jungen wurde.

Ich verließ den Friedhof, holte meinen Cäsar aus seiner warmen Behausung, was ihm gar nicht gefiel und machte mich auf den Heimweg. Plötzlich wollte ich keine Minute länger an diesem Ort bleiben.

Trotzdem konnte ich nicht umhin, noch einmal beim Gasthof 'Zur Untergehenden Sonne' vorbeizuschauen.

 

Die Dorfstraße war still und verlassen, es hatte angefangen zu schneien, so dass die Nacht fast zum Tag wurde, so hell leuchtete die weiße Pracht in der ansonsten undurchdringlichen Finsternis dieser Gegend. Ich hielt auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Wirtshauses an und betrachtete die graue Fassade.

Aus einem einzigen kleinen Fenster drang ein schwacher Lichtschein und ließ mich kurz erschauern. 
Ich stellte mir vor, dass es Christines Fenster war. Und als sei dies Voraussehung gewesen, erschien tatsächlich eine verschwommene Gestalt im Lichtschein. Das Fenster wurde geöffnet, das Licht flackerte und einen Augenblick später lehnte eine weiß umhüllte Person im Rahmen und atmete seufzend die klare, kalte Luft ein.

Langes goldenes Haar wehte heraus und ich spürte, dass ich erstarrte. Es war tatsächlich Christine! Ich war unfähig mich zu bewegen, zu flüchten, wurde Teil der Landschaft, sicherlich so gut wie gar nicht sichtbar in dieser nächtlichen, schwarz-weißen Welt. Doch dann schnaubte Cäsar leicht. Der blonde Schopf im Fenster bewegte sich und im schwachen Lichtschein erkannte ich Christines Gesichtszüge. Natürlich konnte sie nicht wissen, nicht einmal ahnen, wer ich war; wahrscheinlich hielt sie mich für einen ganz normalen Reisenden. Unheimlich musste ihr nur meine Bewegungslosigkeit und mein Hinaufstarren zu ihr vorgekommen sein.

Sie starrte zurück, scheinbar furchtlos, geborgen in der Sicherheit ihrer Kammer. Sie war hoch oben, ich war unten. Ich trieb Cäsar an und er setzte sich sofort in Bewegung. Langsam, ganz langsam ritt ich unter Christines' Fenster vorbei, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Ich bemerkte, dass auch sie mir aufmerksam mit den Augen folgte und sie gar nicht zu bemerken schien, dass ihr ständig goldene Locken ins Gesicht wehten. 'Sie wird sich noch den Tod holen, da oben' dachte ich besorgt und war schon nahe daran etwas zu sagen, doch ich hielt mich zurück.

Noch nicht, jetzt noch nicht!

Eine irreparable, magische Spannung schien zwischen mir und dem Mädchen im Fenster zu bestehen. Ich spürte erneut wie unbändiges Verlangen in mir aufstieg;

'Sie einfach da raus holen und mitnehmen...' dachte ich. Oh...was für ein Wunschtraum; Christine vor mir auf dem Pferd, wie eine Prinzessin aus einem alten Märchen, die von einem geheimnisvollen König entführt wird. Ein König, der sie über alles liebt, der sie in seinen wärmenden Mantel hüllt, ihr Haar in seinem Gesicht spürt, während er mit ihr davon prescht um sie in sein Reich zu bringen, das große, dunkle, tiefe Reich...

Ich bemerkte, dass meine Phantasie schon wieder im Begriff war mit mir durchzugehen und bevor ich es mir doch noch anders überlegte trieb ich Cäsar an, aber nicht ohne ein kleines 'Merkmal' zu hinterlassen das ich zuvor von ihres Vaters Grab entwendete, und verschwand in der Dunkelheit.


Teil 6

 

 

 

 

                                        Eine Rose im Schnee

 

Christine erzählt:

 

Ich erwachte, weil dumpfes Gepolter und Stimmengewirr durch meine Träume drang. Als ich die Augen aufschlug, wußte ich im ersten Moment nicht wo ich mich befand und was Traum und was Wirklichkeit war; diese herrliche Musik auf dem Friedhof, war sie wirklich gewesen? Vor meinen Augen sah ich noch immer das beinah romantisch anmutende Grab meines Vaters. All diese Kerzen, dieser magische Schein, die Kapelle aus deren Innerem gleichfalls ein vielfältiges Licht erstrahlte...

Doch da war noch etwas gewesen...ich konnte mich kaum erinnern, wußte auch hier nicht ob ich nur geträumt hatte; eine dunkel verhüllte Gestalt zog durch das Licht, unscheinbar und irgendwie 'durchsichtig...'

Ich stand auf und trat an das Fenster meiner Kammer. Ein Blick nach draußen zeigte mir, dass es wieder geschneit hatte.
Mein Herz begann heftig zu schlagen, als ich erneut an jene geheimnisvolle 'Traumgestalt' dachte. Plötzlich war mir, als sei sie nicht durch den Lichterschein des Friedhofes gewandelt, sondern hatte direkt hier, unter meinem Fenster gestanden!

Natürlich sah man keine Spuren mehr, der Neuschnee hatte alles unter sich begraben. Nur zur Tür des Gasthofes unter mir, führte eine frische Spur von mehreren Füßen. Sicher hatte Madame Tricard schon frühe Gäste, daher also die Stimmen und das Gepolter.
Nun gut, vielleicht hatte ich ja tatsächlich in der Nacht am Fenster gestanden, und vielleicht hatte ich mir ja, wie schon als Kind, eingebildet eine Fabelgestalt gesehen zu haben. Einen 'Korrigan' vielleicht, oder einen jener 'schwarzen Reiter' aus der Welt der Mythen und Märchen.

Obwohl jene Gestalt vielleicht nur ein Traum gewesen war, so faszinierte sie mich doch, ließ mich leicht erschauern, weckte eine unbegreifliche Sehnsucht in mir. Ich wollte sie in mein Gedächtnis zurückholen und sie festhalten. Da war sie wieder; eingehüllt in einen langen dunklen Mantel, der sich über den Rücken des großen, weißen Pferdes ausbreitete, und der im fahlen Mondlicht glitzerte und funkelte, so als seien tausende kleiner Diamanten, oder winzige Sterne darauf verteilt, was bewirkte, dass die ganze Gestalt von einer milchigen Aura, fast wie von einem Heiligenschein, umgeben war...! Kopf und Gesicht des Reiters waren von einer unheimlich anmutenden, großen Kapuze bedeckt gewesen. 

Ja, nun glaubte ich mich deutlich daran zu erinnern, dass die verhüllte Gestalt langsam unter meinem Fenster entlanggeritten war, während sie zu mir hinaufsah. Mein Herz hämmerte nun vor Aufregung...warum nur?

Warum regte mich dieser fremde Reiter so auf?

Ich seufzte, wandte mich um und griff nach meiner Kleidung, als ich plötzlich erstarrte. Mein Blick fiel auf etwas, das vorher nicht da gewesen war...und das mir immer nur mein Engel hinterließ...!
Es stand in einem Wasserglas auf meinem Waschtisch und da erinnerte ich mich:
So wie ich war, barfuß, im Nachthemd und mit wirrem Haar, war ich in der Nacht aus meiner Kammer gestürmt, die schwachbeleuchtete Treppe hinunter, hatte mit zittrigen Fingern versucht die schwere Haustür aufzuschließen, was mir auch schließlich gelang (den Schlüssel hatte Madame Tricard an einen Nagel neben der Tür hängen) und war so auf die Straße und in den Schnee hinausgestürzt.

Natürlich war der Reiter verschwunden, aber in der Ferne sah ich eine Wolke aufstiebenden Schnees und ohne die Kälte an meinen nackten Füßen zu beachten, tappte ich zu der Stelle, an der ich zuvor den geheimnisvollen Reiter gesehen hatte. Ich weiß nicht mehr ob ich in der schwach erhellten Mondnacht Spuren entdeckte, ich war viel zu aufgeregt, aber da lag etwas anderes, dunkles im Schnee: eine rote Rose...!

Wie ich zurück in mein Zimmer kam, weiß ich nicht mehr, ich konnte mich auch nicht daran erinnern, die Rose in ein Glas gestellt zu haben...aber eines wußte ich nun sicher: 'Mein Engel war mir erschienen...in Gestalt dieses nächtlichen Reiters!'

Diese Tatsache erfüllte mich mit einer unangreifbaren Kraft und Selbstsicherheit, dass ich, als ich mich nun in die Gaststube zum Frühstück aufmachte, beinah treppab schwebte.

Nichts und niemand würde mir nun noch etwas anhaben können! Mein Engel existierte wirklich, auch wenn er keine reale Gestalt war, so war er doch wirklich da und keine Einbildung, kein Hirngespinst! Kein Wunder also, dass Raoul ihn auch hatte hören können, als er in meiner Garderobe zu mir sprach!

Noch immer ganz hingerissen von meinem Erlebnis betrat ich wie in Trance die Gaststube. Dort herrschte einiger Aufruhr und es dauerte eine Weile, bis ich begriff was dort vor sich ging. Einige Leute aus dem Dorf und eine aufgeregte Madame Tricard bildeten eine Traube um etwas oder jemandem der am Boden lag. Alle redeten durcheinander, Madame Tricard hockte neben der Gestalt, von der ich nur die Stiefel sah und tauchte ein Tuch in eine Schüssel mit dampfendem Wasser.

Dann rieb sie das Gesicht der Gestalt damit ab, während andere versuchten den scheinbar Leblosen aus seinem steif gefrorenem Mantel zu befreien.

Ich trat heran, ohne dass mich jemand beachtete und reckte den Hals um zu sehen was los war, wer dort lag. Dann schrie ich auf.

„Raoul!!“ schrie ich, stürzte mich auf ihn und schüttelte ihn. Mein Freund mit dem ich mich am Vortag so hässlich zerstritten hatte, und an den ich, wohl aufgrund der nächtlichen Ereignisse, noch gar nicht gedacht hatte, lag wie tot inmitten dieser aufgeregten Menschen!

Seine Lippen waren blau, sein Gesicht so bleich wie der Neuschnee draußen...

Fortsetzung  (Oder links die Unterrubrik Zaubergeige 7 - 8)