Die Zaubergeige   1 - 3

Phantom der Oper
Erik spielt für Christine am Grab ihres Vaters (Filmszene)

Vorwort: 

 

Die Zaubergeige ist eine Geschichte aus Gaston Leroux's Buch 'Das

Phantom der Oper', in der es sich um Christines Besuch am Grab ihres Vaters in Perros-Guirec, in der Bretagne handelt und ihr 'der Engel der Musik' verspricht dort bei Mitternacht auf der Geige ihres Vaters zu spielen.

 

Der Engel der Musik ist natürlich niemand anderes als das Phantom (Erik) das sich dadurch erhofft Christine noch enger an sich zu binden...

 

Im Musical wird die Szene eher mit einem großen Grabmal oder einer Art Gruft dargestellt, vor der Christine das bewegende Lied 'Könntest Du doch wieder bei mir sein' singt. Das Phantom steigt schließlich durch ein großes Kreuz auf das Grabmal und beginnt damit Christine durch engelhaften eindringlichen Gesang an sich zu ziehen. Im letzten Moment kommt Raoul dazu, überredet Christine dazu lieber mit ihm zu kommen. Sie lassen ein zorniges Phantom zurück.

 

In der Originalgeschichte von Leroux, erklingt geheimnisvolle Musik auf einem mitternächtlichen Friedhof. Christine gibt sich damit zufrieden, aber Raoul der ihr heimlich folgte, sucht nach 'dem Übeltäter' und wird tatsächlich fündig. Er hört ein Knacken, sieht einen Schatten und folgt ihm in die Friedhofskapelle. Er erwischt sogar einen Zipfel des Mantels den der Schatten trägt, hält ihn fest und als der Schatten sich umdreht, sieht er eine Art Totengesicht im Dunkel der Kapuze. Dann verwischt seine Erinnerung und er erwacht halb 

erfroren am nächsten Morgen in der Kapelle...

 

Das war’s dann, alles Weitere bleibt geheimnisumwittert und auch später wird nicht mehr erwähnt, was genau dort in jener Nacht auf dem Friedhof geschehen ist und als Leser macht man sich Gedanken, wie das alles vielleicht aus der Sicht des Phantoms selbst ablief. Wie hat Erik, der doch im Dunkel der Oper hauste, es zustande gebracht so weit zu reisen, woher kamen die Geigenklänge und vor allem: was geschah mit Raoul...?

 

Hier beginnt meine fiktive Geschichte; alles ganz nah heranzuzoomen und es einmal aus Eriks Sicht betrachten: Erik erzählt, was geschah...

 

Und weil die Geschichte auch aus Christines Sicht interessant ist, wird sie auch erzählen...Zuvor noch eine Anmerkung von mir: „Die nachfolgende Geschichte entstammt allein meiner eigenen Phantasie und wurde schon vor Jahren niedergeschrieben (habe ich jetzt wieder hervorgekramt, was ich selbst nicht gedacht hätte und neu bearbeitet...). Sollte irgendwo etwas Ähnliches existieren, so ist das rein zufällig! Sollten bestimmte Details nicht ganz genau mit der Originalgeschichte übereinstimmen, so entspringt das ebenfalls meiner Phantasie, hängt wahrscheinlich von einer hier nicht veröffentlichen fiktiven Vorgeschichte ab und ist Absicht.

 

Also liebe Phantomphans, bitte nicht alles so eng sehen...Danke und hoffentlich viel Spaß beim Lesen."

Teil 1 

 

 

                                        Reise nach Perros

 

 

Erik erzählt: 

 

 

 

Obwohl es „Wahnsinn“ war, was ich Christine versprach, so war ich doch fest entschlossen es in die Tat umzusetzen. Christines Wünsche sind mir heilig und nichts ist mir unmöglich! Dieser an sich bescheidene Wunsch mich, statt in ihrer Garderobe, einmal am Grab ihres Vaters zu hören, rührte mich zutiefst. Allerdings gab es einen Nachteil; Christine wollte, dass auch der Vicomte dabei ist! Und ich bin selbst schuld! Warum auch muss ich ihr immer wieder vorhalten, dass er ihr mehr bedeutet als mir lieb ist... Vielleicht bedeutet er ihr wirklich nicht mehr als ein Bruder, ein Spielkamerad aus längst vergangenen Zeiten...

 

Ihre Ehrlichkeit wollte sie mir nun, sozusagen im Angesicht ihres toten Vaters, wohl beweisen - aber nicht nur das; Sie forderte auch mich selbst heraus! Allerdings ärgere ich mich darüber keineswegs, ganz im Gegenteil, ich begrüße ihren Mut und ihren wachsenden Stolz. All das kann uns doch nur näher zueinander bringen!

 

Meine schamlose Lüge was die Geige ihres Vaters betrifft (die ich mir als „Engel der Musik“ natürlich so ohne Weiteres ausleihen, bzw. dem väterlichen Grab entwenden kann) beschäftigte mich nicht weiter, ich wollte nur eins: Da sein, wo Christine war - und um alles bestens arrangieren zu können, reiste ich so bald wie möglich ab, nämlich noch am gleichen Tag!

 

Ich „entlieh“ mir aus den Stallungen der Oper, eines der besten Pferde: 'Cäsar, den Schimmel des Propheten' und steuerte direkt den Gare de Montparnasse an.

 

Obwohl ich mich schon jetzt in die tiefen, dunklen Gefilde meiner geliebten Oper zurücksehnte, so war es doch ein herrliches Gefühl wieder auf dem Rücken eines so edlen Pferdes zu sitzen und die Hufe über das Pflaster poltern zu hören. Ich fühlte mich so frei wie schon lange nicht mehr und genoss die bewundernden, sowie erstaunten Blicke, die mir die Leute auf der Straße zuwarfen...mir? Ja, mir, denn es dämmerte bereits, und da es sehr kalt war, und alle nur dick vermummt herumliefen, kann man sich vorstellen, dass auch ich mein Gesicht unter einer großen Kapuze unauffällig verbergen konnte.

 

Unter meinem Mantel, der sich über den Rücken des Tieres ausbreitete, versteckte ich die kleine Violine, ein Relikt aus Kindertagen, das meine arme Mutter aufbewahrt und ich nach ihrem Tod wieder an mich genommen hatte.

 

Zu jener Abendstunde fuhr nur noch ein Viehtransport in die Bretagne...für mich allerdings genau das Richtige! Was sollte ich in einem komfortablen Wagen, in dem nur lästige Menschen reisten? Ich erklärte dem Bahnhofsvorsteher dumpf durch meinen Schal, dass ich mein angeblich übernervöses, sensibles, wertvolles Pferd keinesfalls aus den Augen lassen könne und es vorzog, im 'Pferdewagen' mitzureisen. Ich überzeugte ihn schnell, indem ich ihm ein Bündel Francnoten in die Hand drückte, das so dick war, dass ich einen ganzen Waggon für mich allein hätte mieten können und durfte sofort einsteigen.

 

Es war herrlich! Die dampfenden Leiber der Pferde in diesem Waggon strömten eine wohlige, süße Wärme aus. Wieder erwachten alte, längst verblasste Erinnerungen in mir; diese uneingeschränkte, wohltuende Zuneigung jener Geschöpfe, die sich der Mensch zum Untertan gemacht hat, erfuhr ich schon in frühester Kindheit durch die Tiere im Zigeunerlager, in dem ich mich einige Jahre mehr oder weniger gezwungenermaßen aufhielt... Sie gaben mir das, was noch nie ein Mensch mir geben konnte.

 

Nun schmiegte ich mich an Cäsars warmen Hals, lauschte seinem zufriedenem Schnauben und döste, wie er, im Stehen vor mich hin. Das gleichmäßige, laute Geratter der Räder unter uns versetzte mich fast in einen tranceähnlichen Zustand, aus dem ich aber sofort erwachte, als der Zug hielt.

 

Meine geschärften Sinne erlauben es nicht, dass man mich überrascht!

 

Beruhigend schnell fand ich einen abgelegenen Bauernhof, ziemlich heruntergekommen zwar, aber für meine Zwecke genau das Richtige. Ich klopfte nach kurzem Zögern selbstbewusst und ziemlich kräftig an die wurmstichige Eingangstür des armseligen Hofes. Auch wenn es mir widerstrebte, so musste ich doch für mindestens zwei Nächte eine Unterkunft haben und sei es nur Cäsars wegen. Aber davon abgesehen hatte ich auch nichts gegen ein wenig Behaglichkeit einzuwenden, denn die Nächte in dieser Gegend würden um diese Jahreszeit selbst mit mir kurzen Prozess machen.

 

Nach einer kleinen Ewigkeit öffnete sich zuvor benannte Tür knarrend und quietschend und eine kleine hagere Person mit einem Haufen schmutziger kleiner Kinder am Schürzenzipfel, wich mit einem leisen Schreckensschrei ins Dunkel ihrer Behausung zurück. Ich befürchtete schon die Türe vor der 'Nase' zugeschlagen zu bekommen, doch nachdem jene Person, eindeutig weiblich, sich von ihrem Schrecken erholt hatte, betrachtete sie mich zwar noch immer ängstlich und skeptisch, aber durchaus auch neugierig. Ich brachte mein Anliegen vor, behauptete auf der Durchreise zu sein, wolle zuvor aber einem guten alten Freund, der auf dem hiesigen Friedhof begraben liege, einen Besuch abstatten und bat sie einen Preis zu nennen.

 

Im Hintergrund war bereits ihr Ehemann erschienen und erklärte dass hier kein Platz für Fremde sei, doch seine energische kleine Frau hob die Hand, was wohl für ihn ein Zeichen war zu schweigen. Ihre Kinder derweil drückten sich noch enger in die Schürze und starrten aus weit aufgerissenen, ängstlichen Augen zu mir hoch. Sie nannte ihren Preis, ich verdreifachte ihn frech und wenig später hatten Cäsar und ich eine Unterkunft.

"Warum tragen Sie eine Maske?“, wagte mich der Hausherr zu fragen, noch bevor ich einen Fuß in sein Refugium setzen durfte. Ich erklärte etwas von empfindlicher Gesichtshaut bei dieser Witterung und man gab sich, wenn auch ein wenig widerwillig, damit zufrieden.

Cäsar bekam einen warmen Stall und ich eine armselige Kammer, doch ich war glücklich, mir reichte das vollkommen. Ich bemerkte, dass meine Gastgeber es vermieden mich direkt anzusehen, dass sie sich eine Spur zu unterwürfig und ängstlich benahmen und begriff, dass es wieder einmal ein Bündel Geldnoten war, das mir hier wirklich Einlass gewährt hatte. Doch ich hatte andere Gedanken im Kopf, als mir denselben über derlei Nichtigkeiten zu zerbrechen, schließlich kannte ich das ja schon und wer würde in der Situation dieser Leute keine Ehrfurcht empfinden, wenn eines Tages wie aus dem Nichts plötzlich eine große, ganz in schwarz gekleidete, maskierte Gestalt vor seiner Haustür stände und mit einem Bündel Francnoten wedelte.

 

Ich überwachte Cäsars Unterbringung und erst als ich ihn sicher versorgt wusste, ließ ich mich zu meiner Kammer führen. Die Kinder liefen kreischend davon, als ich das armselige, düstere Haus betrat. Aber das war mir gleichgültig, was würden sie wohl erst tun, wenn ich die Maske abnahm, dachte ich grimmig...und ich war fast froh darüber, dass Mutter Natur oder Vater Gott, oder wer auch immer, vergessen hatte mir eine Nase zu verpassen, denn hier roch es sicherlich genauso wie es aussah.

 

„Bitte schön…“, murmelte meine Gastgeberin wies auf meine Unterkunft und verließ mich allzu hastig. Hinter ihr verriegelte ich die Tür, lehnte mich an dieselbe, riss mir die Maske herunter und atmete tief durch. Wenig später klopfte es zaghaft von außen und als ich öffnete, sah ich vor mir auf dem Boden nur ein einsames Tablett mit einer warmen Mahlzeit.

 

Ich war sehr dankbar dafür, denn eigentlich bin ich ja auch nur ein Mensch.

 

 

 

Teil 2

 

 

 

                           Begegnung in der Friedhofskapelle

 

 

 

Christine erzählt: 

 

 

 

Als ich am Morgen den Friedhof betrat, um in der kleinen Kirche die Messe zu besuchen, lag neben den roten Rosen, die ich am Vortag auf dem Grab meines geliebten Vaters hinterließ, ein Strauß weißer Rosen. Niemand vermag sich wohl vorzustellen, was ich in diesem Augenblick verspürte; ich ging nicht mehr, ich schwebte auf die Kirche zu. Unsichtbare Flügel trugen mich, mein Herz hämmerte wild vor Freude: Mein Engel war da! Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass dieser zweite, geheimnisvolle Strauß von IHM auf das Grab meines Vaters niedergelegt worden war. Ich fragte mich nicht, wie ein Engel, der doch eigentlich in anderen Sphären „lebte“, es fertig brachte weiße Rosen auf ein Grab zu legen, mein Engel war ja auch ein besonderer Engel. Er war da und doch nicht da...eine seltsame Mischung aus Traum und realer 

Gestalt, wobei letzteres eher ein Wunschtraum zu sein schien.

 

Außer mir befanden sich noch einige alte Leute, Dorfbewohner, in der Kapelle. Doch sie zerstreuten sich schon bald nachdem die Messe geendet hatte.

Ich blieb allein zurück und betete lautlos. Tapfer bemühte ich mich jenes seltsame, aufregende Kribbeln in meinem Innern zu ignorieren, doch es wurde stärker und stärker und ich kannte es genau; es erfüllte mich immer wenn mein „Engel“ in der Nähe war…wenn er… 

 

Ja wenn er mich ganz ausfüllte...Schließlich blickte ich auf, sah mich in der düsteren alten Kapelle, deren rußgeschwärztes Gewölbe mit den verblichenen Wandmalereien nur durch einige brennende Altarkerzen erhellt wurde, um.

 

„Bist du hier?“ flüsterte ich zaghaft und viel zu leise.

 

Als keine Antwort kam, wiederholte ich meine Frage, nicht ohne mich vorher zu vergewissern, dass die Kirche auch wirklich leer war, etwas lauter:

 

„Bist du hier, mein Engel?“

 

Diesmal durchfuhr mich jenes Gefühl des unfassbaren Glückes noch stärker als je zuvor, als die bekannte und geliebte Stimme plötzlich, so als säße ihr Besitzer neben mir auf der Holzbank, direkt in mein Ohr raunte:

 

„Natürlich bin ich da, Christine, zweifelst du denn noch immer daran, dass ich bin wo du bist?“ 

 

Natürlich saß niemand neben mir.

Ich zuckte zusammen, denn obwohl eindeutig mein Engel zu mir sprach, so klang seine Stimme an diesem fremden Ort doppelt so intensiv in meinen Ohren. Benommen starrte ich auf den Altar und erwartete fast, dass ER aus seinen Gefilden herabstieg und mir erschien...

 

Doch nichts geschah.

Die Kerzen flackerten weiter ruhig vor sich hin. Durch ein rundes kleines Fenster in der Mauer hinter dem Altar fiel ein schmaler Lichtstrahl, der in einem weißen Kringel auf der Altardecke endete. Ein unbestimmbarer Luftzug bewegte leicht einen schweren Wandbehang aus rotem Samt.

 

„Ich...ich habe die weißen Rosen gesehen...sie sind von dir...nicht wahr...?“, stammelte ich ehrfurchtsvoll.

 

Als keine Antwort kam, fuhr ich mutig fort:

 

„Ja, sie sind von dir, ich weiß jetzt, dass du in Erscheinung treten kannst…“ wieder keine Antwort. 

 

In meiner Verzückung merkte ich kaum noch, was ich sprach und was ich tat, ich war vollkommen erfüllt von dem Gedanken, mein Engel könne mir vielleicht erscheinen, hier an diesem heiligen, mystischen Ort, weitab von Lärm und Trubel, überhaupt war diese Kirche hier plötzlich ein Ort in einer anderen Welt.

 

Ich erhob mich von meinem Platz und teilte meinem Engel meine Gedanken mit. Ich merkte kaum, dass ich die Stufen zum Altar hinaufstieg, stehen blieb, die Arme ausbreitete und das Gesicht in Richtung des kleinen runden Fensters hob. Ich war sicher, wenn mein Engel mir erscheinen würde, dann hier. An diesem Lichtstrahl, der durch das Rund fiel, würde er hinab gleiten um sich mir schließlich über dem Altar schwebend zu präsentieren.

 

„Erscheine mir...hier und jetzt!“, betete ich, nein bettelte ich fast. Ich glaubte, es kaum noch aushalten zu können, alles in mir schien kurz vor dem Zerbersten zu sein.

 

„Nein!“, erklang hohl und eine Nuance dunkler als zuvor seine Stimme.

 

„Warum nicht?“

 

„Du bist noch nicht bereit, Christine!“

 

„Doch, ich bin bereit, bitte..jetzt...bitte!“

 

„Nimm vorerst hiermit vorlieb…“

 

Ich erzitterte und erbebte als seine Stimme erneut die ganze Kirche auszufüllen schien, obwohl sie doch eigentlich in meinem Kopf war; sie sang das 'Agnus Dei'. Ich schloss die Augen und lauschte ergriffen; die Stimme meines Engels hatte auf mich die Wirkung einer Droge...sie war wie immer; so hoch, so zart, und doch gleichzeitig so kraftvoll.

 

Als alles wieder still war und ich aus meiner Trance erwachte, dachte ich, dass kein Raoul der Welt zwischen mir und dieser Stimme stehen durfte!

 

Mein Engel...der wie so oft meine Gedanken zu lesen schien, sprach nun genau dieses Thema an und alle Romantik und Euphorie schwand mit einem Seufzer meinerseits.

 

„Vielleicht interessiert es dich, dass der Vicomte heute angekommen ist…“ dröhnte seine Stimme hohl in meinem Kopf „…und er wohnt in demselben Gasthof wie du!“

 

Konnte es sein dass die Stimme lauter geworden war? Trotzdem horchte ich erregt auf und konnte mich nicht des Gedankens erwehren - „Raoul ist da!“ Doch im gleichen Moment wurde mir bewusst, dass ich nicht einmal atmen durfte, um meinen Engel nicht wieder zu erzürnen. Warum nur hasste er meinen lieben Freund so?

 

Ich dachte an die Worte meiner Ziehmutter, Mama Valerius:

 

„Die Stimme ist eifersüchtig!“

 

„Vielleicht solltest du jetzt gehen und ihn begrüßen,“ empfahl mir mein Engel in plötzlich sanfterem Ton. „Und denk daran, dass ich heute um Mitternacht am Grab Deines Vaters auf seiner Geige spielen werde... und ich würde es begrüßen, wenn du deinen jungen Freund nicht mitbringst!“

 

„Aber, ich fürchte mich, wenn ich um diese späte Stunde allein hierher kommen soll…“, wandte ich ein und fand die Aussicht, bei Eiseskälte und beinah undurchdringlicher Finsternis allein zu einem verlassenen Dorffriedhof stolpern zu müssen, nicht gerade reizvoll.

 

„Du bist nicht allein, ich werde bei dir sein, auch wenn Du mich nicht siehst!“, antwortete die Stimme und das ließ keinen Widerspruch mehr zu. Benommen verließ ich schließlich die Kirche und in einer Anwandlung von Kühnheit, versuchte ich sie auf dem Weg zum Gasthof noch einmal dazu zu bewegen mit mir zu sprechen, aber sie schwieg.

 

 

 

Erik erzählt:

 

 

 

Einige Minuten verharrte ich noch in meinem Versteck, dann zwängte ich mich aus der Wandnische hinter der Gipsstatue der Maria Magdalena hervor. Genau gegenüber verharrte Maria, die „Mutter Gottes“ und lächelte mich sanft an. Ich hatte bewusst die andere gewählt, denn sie war keine Mutter, sondern „eine Braut“…

 

Allerdings war mir das in diesem Augenblick herzlich gleichgültig, denn ich beschäftigte mich erfolglos damit den weißen Kalkstaub der Wand aus meinem Mantel zu klopfen. Wie ärgerlich, was man nicht alles auf sich nehmen musste…

 

Durch meinem Kopf schwirrte ein beängstigender Gedanke, der ständig wuchs; ich wusste, dass ich Christine nicht mehr allzu lange hinhalten konnte. Das arme Kind! Was stellte ich nur mit ihr an?! Wie konnte ich Unseliger sie so hinters Licht führen?! Ich seufzte und das Echo in dem leeren Kirchenraum prallte mit erschreckender Intensität zurück, so dass sogar ich zusammenzuckte. Ich eilte zum Ausgang, öffnete vorsichtig das knarrende Portal und spähte hinaus.

 

Schon weit weg von Kirche und Friedhof, sah ich die einsame, zarte Silhouette Christines gerade am Horizont verschwinden.

 

Gut, sie war fort, Zeit für eine kleine Pause. Ich begab mich gleichfalls eilig auf den „Heimweg“. Unterwegs kam ich nicht umhin mir Gedanken über meine Gastgeber, die guten einfachen Bauersleute zu machen. Ihre Ehrfurcht war selbst mir fast unheimlich; sie wichen mir aus, blickten mich nie direkt an und duckten sich fast, wenn ich den Weg zu meiner Kammer durch ihr Haus einschlug.

 

Ich konnte mir lebhaft vorstellen, dass sie seit meiner Ankunft kaum noch ein Auge zutaten und nachts bei Kerzenschein nebeneinander auf ihrer Bettkante hockten und überlegten, wie sie mich wieder los wurden…

 

So war es dann auch; mit tiefdunklen Ringen um die Augen, teilten sie mir bei meiner Ankunft mit, sie bräuchten doch dringend meine Kammer für erwartete, neue Gäste und wären dankbar für meine baldige Abreise. Zur Entschädigung wollten sie mir sogar mein Geld zurück geben! Sehr seltsam.

 

Ich beschloss, keine Energie auf diese Diskredition zu verschwenden und beruhigte sie damit noch in der selbigen Nacht abzureisen, mein Geld ließ ich ihnen und sie verneigten sich eine Spur zu dankbar vor mir.

 

Eine weitere warme Malzeit bekam ich trotzdem noch und sie fiel sogar noch reichhaltiger aus als zuvor. Ich wußte, dass ich sie gebrauchen konnte, eine anstrengende Nacht stand mir bevor...

Teil 3

 

                                            Die Zaubergeige

 

Christine erzählt: 

 

 

 

Das Wiedersehen mit Raoul verlief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Er war ein anderer Mensch geworden. Er teilte meine Träume, so wie wir es in unserer Kindheit taten, nicht mehr mit mir. Ich hoffte, er würde meine Verbindung zum 'Engel der Musik' verstehen, so wie er immer alles verstanden und mit mir geteilt hatte. Zumal auch er 'die Stimme' gehört hatte...aber dennoch glaubt er mir nicht. Schlimmer noch, er nimmt mich nicht ernst, er macht sich sogar lustig über mich! Ich hatte ihn doch extra hierher bestellt, an diesen mystischen Ort unserer Kindheit, dachte, dass er den Zauber 'meines Engels' hier besser verstehen könne, als irgendwo anders...Stattdessen gerieten wir in einen nicht enden wollenden Streit und vermieden es uns noch einmal zu begegnen.

 

Tief enttäuscht und entsetzt verbrachte ich den restlichen Tag in meinem Zimmer des Gasthofes und wartete sehnsüchtig auf Mitternacht; es gab jetzt nur noch Einen, der mich trösten konnte...

Die Zeit verging unerträglich langsam, und als es endlich soweit war, kehrte plötzlich so schnell Leben in mich zurück, wie es mich zuvor verlassen hatte. Ich verspürte weder Hunger noch Durst, griff erneut nach Mantel, Schal und Handschuhen und schlich durch das schwach beleuchtete Treppenhaus. Kurze Zeit später befand ich mich schon auf dem Friedhof, ohne recht zu wissen, wie ich dorthin gelangt war. Ich verspürte keine Angst, nur noch freudige Erregung.

 

Auf dem Grab meines Vaters brannten unzählige Kerzen und Lampen, deren goldener Schein wie ein Schleier über der Stätte des Todes schwebte und diese in ein verzaubertes Licht tauchte. Ich stieß einen kleinen Laut der Verzückung aus, sank, ungeachtet des Schnees, auf die Knie nieder und faltete die Hände.

 

Die kleine Glocke im Turm der Kapelle, schlug schließlich an und ihr, in der Stille der Nacht so durchdringend klingender Ton, ließ mich erschauern. Ich zählte heimlich die Schläge mit und als ich bei Elf ankam, hoben sich meine Arme wie zwei selbständig gewordene Wesen empor und streckten sich dem schwarzen, undurchdringlichen Himmel entgegen.

 

Ich weiß nicht wann es anfing, aber auf einmal war es da. Zuerst ganz leise, ganz zittrig, dann immer lauter und klarer werdend… Der ganze Friedhof, oder war es doch nur in meinem Kopf...?, war schließlich erfüllt, von jener zauberhaften, zarten Musik, die tatsächlich von der Geige meines Vaters herrührte. Ich glaubte, jeden einzelnen Ton wieder zuerkennen.

 

Mein Vater hatte mir oft genug erklärt, dass kein Instrument klang wie das andere...ich glaubte sogar jenen kleinen, schleifenden Ton herauszuhören, der, verursacht durch eine schadhafte Saite stets das Instrument meines Vaters gekennzeichnet hatte.

 

Tränen der Rührung, liefen über meine Wangen und erstarrten sofort zu Eis. „Heute Nacht spielt er nur für dich, Papa...“ dachte ich, davon überzeugt, dass mein toter Vater mich und die Musik meines Engels hören konnte. 

 

Als die himmlische Musik schließlich verstummte, benötigte ich eine Weile, bis ich wieder zu mir kam. Wie in Trance stand ich auf und überquerte mit steifen Knien erneut den Friedhof. Ich wagte nicht, nach meinem Engel zu rufen, denn ich wusste irgendwie, dass er mir nicht antworten würde. Zumal hätte die Enttäuschung über sein Schweigen die ganze sinnliche Atmosphäre nur zerstört.

 

 

 

Erik erzählt:

 

  

 

Ich saß in zugiger Höhe, auf dem rutschigen Dach der Kapelle, verborgen von der Dunkelheit, sowie dem Glockenturm. Es war ein anstrengendes Unterfangen, zumal mir die Kälte zunehmend zu schaffen machte. Ich konnte unmöglich mit Handschuhen auf der Geige spielen und obendrein befürchtete ich, dass die Saiten des Instrumentes zu kalt und hart wurden.

 

Andererseits aber, bereitete mir dieser ungewöhnliche Ausflug auch viel Freude; ich konnte Neigung und Liebe in obskurer Weise miteinander verbinden - und was bietet sich da Besseres an, als ein alter Dorffriedhof, auf dem Christine ein-und ausging...?!

 

Das Stück „La Resurrection de Lazare“, gelang mir wirklich außerordentlich gut; meine alte Violine ist wirklich noch Wertarbeit, sie hielt durch, und die Höhe in der ich mich befand, sorgte für ein Übriges...

 

Sogar der Vicomte de Chagny, der Christine wie ein Schatten heimlich gefolgt war und sich hinter einem Grabmal versteckte, schien in eine Art von Verzückung geraten zu sein und glaubte wie Christine, dass die Musik tatsächlich aus dem schwarzen Himmel auf sie herniederrieselte.

 

Es hatte zumindest den Anschein. Als ich seinen Schatten entdeckte, war ich zunächst zornig und wollte das ganze Unternehmen schon abbrechen - doch ein Blick auf Christine, die schon erwartungsvoll die Arme gen Himmel erhob, sagte mir, dass es ein Fehler sein würde, sie zu enttäuschen.

 

Sollte dieser dumme Junge doch denken, was er wollte, mir würde schon etwas einfallen um ihn loszuwerden, wenn er sich nicht so benahm, wie ich es mir wünschte. Zu seinem Glück, verhielt er sich still. Zumindest solange die Musik erklang.

 

Als ich geendet hatte, beobachtete ich mit Genugtuung, dass Christine ihn gar nicht beachtete.

 

Obwohl er, als sie sich zum Gehen wandte, aus seinem Versteck trat und mitten auf dem Weg stand wie ein Baum, wandelte sie an ihm vorbei und schloss sogar das Friedhofsgatter hinter sich.

 

Nun wurde es interessant.

 

 

 

 Fortsetzung   (oder links unter der Rubrik (Zaubergeige 4 - 6)