Mysterium Phantom


Wer war Erik wirklich?

Gedanken zu ungelösten Rätseln des Phantoms

Gaston Leroux bemüht sich zwar in seinem Buch vieles zu erklären und realistisch darzustellen, dennoch bleiben am Ende mehr ungelöste Rätsel als befriedigende Antworten zurück und als Fan des Phantoms recherchiert man natürlich so gut es möglich ist nach. Ich habe mir viele Fragen gestellt und nach logischen und realistischen Antworten gesucht. Hier gibt es  einige meiner Ergebnisse und Gedanken zu den ungelösten Rätseln des Phantoms und Vergleiche zwischen dem Original von Gaston Leroux und dem 'Folgephantom' von Susan Kay.

 


Phantom der Oper - Bleistift 30x40 cm
Phantom der Oper - Bleistift 30x40 cm

Gab es wirklich ein 'Phantom der Oper' mit Namen Erik?

 

Das Phantom so wie wir es kennen, gab es ganz sicher nicht, sondern Erik ist eine rein erfundene Romanfigur von Gaston Leroux (1868 - 1927).

Obwohl Leroux in einem Vorwort des Romanes behauptet, alles was er hier erzähle sei genauestens recherchiert und wahr (er benennt sogar Zeitzeugen), sollte man das natürlich nicht wirklich ernst nehmen. Zu der Zeit (1910), als die Geschichte zum ersten Mal als Zeitungsfortsetzungsgeschichte erschien, war es Mode, erfundene Geschichten so darzustellen, als seien sie wahr, um ihnen mehr Realität und auch Gruseleffekt zu verleihen.

Allerdings baute Leroux seinen Roman tatsächlich auf einige wahre Begebenheiten, Fakten, Personen und Legenden auf, die in der damaligen Oper bekannt waren:

-  Z.B. stürzte zwar nicht der Kronleuchter ab, aber eines der Gegengewichte, wodurch tatsächlich eine Concierge, die sich im Publikum befand, getötet wurde. Man fand nie heraus, warum sich das Gegengewicht löste. Das war im Jahr 1896.

- Bei der Eröffnungsfeier der Opera Garnier, hörte man seltsame Geräusche, die aus dem Unterbau kamen.

- Personal der Oper will angeblich hier und da eine Gestalt gesehen haben, die sich in dunklen Ecken herumdrückte und davonrannte, wenn man ihr zu nahe kam.

- Man fand auch tatsächlich einen toten Maschinenmeister in den Kellergewölben.

- Außerdem soll ein Tänzer oder eine Tänzerin aus ungeklärter Ursache von einer Galerie gestürzt sein.

- Es verschwanden Dinge, wahrscheinlich Requisiten, die nicht mehr gefunden wurden (vielleicht haben Mitarbeiter sie auch geklaut...)

- Und es gibt diese Legende von einem Pianisten Namens 'Ernest', der 1873 bei einem Brand an der alten Oper in der Rue Peletier seine Braut, eine Ballerina verlor und dabei schwere Brandverletzungen im Gesicht erlitt. Angeblich soll er sich im Unterbau des Palais Garnier versteckt und dort bis zu seinem Lebensende gehaust haben. Ob das wahr ist, weiß auch niemand wirklich, könnte aber durchaus möglich sein. Vielleicht bekam dieser Pianist mit seiner Entstellung keine Arbeit mehr in seinem Beruf und wurde obdachlos. Freunde die in der neuen Opera Garnier angestellt waren, könnten ihn dort untergebracht haben und um unerwünschten Besuch in einen bestimmten Kellerbereich zu vermeiden, setzten sie vielleicht die Legende vom 'Operngeist' in die Welt.

Vielleicht hat dieser Ernest sogar wirklich etwas mit den Vorkommnissen im Opernhaus zu tun - vielleicht wurde er nach dem langen Aufenthalt in den Kellerräumen langsam wahnsinnig, oder wütend darüber, dass man oben feierte, während er keinen Job mehr bekam und rächte sich mit einigen bösen Streichen. Vielleicht ließ er (oder seine Freunde an der Oper) Dinge verschwinden, um sich (ihm) das Leben im Keller angenehmer zu gestalten.

Wann er allerdings von der Bildfläche verschwand, weiß niemand. Falls es ihn gab und die Zeitangaben stimmen und er vielleicht wirklich etwas mit dem Absturz des Gegengewichtes zu tun hatte, dann muß er ziemlich lange im Keller der Oper gehaust haben. Auch wird immer wieder ein Skelett erwähnt, dass Arbeiter angeblich im Keller der Oper fanden und das einen goldenen Ring am Finger trug, doch sie hielten es für ein Opfer der Kommunarden, die im Krieg 1870/71 in der Oper hausten und entsorgten es...

Eines ist klar, wenn es ihn wirklich gab, dann wäre er das wahre 'Phantom der Oper', auf dem Gaston Leroux seinen Roman aufbaute. Das erklärt wohl auch, warum das Phantom in einigen Verfilmungen als verhinderter und bestohlener Musiker, dessen Gesicht durch Säure oder Feuer entstellt ist, dargestellt wird. Da hat man wohl versucht diese zwei Geschichten unter einen Hut zu bekommen, was aber leider meistens ziemlich mißlungen ist.


 

Warum hat Leroux dann nicht gleich die Geschichte von Ernest erzählt, bzw. ausgebaut?

 

Vielleicht wollte er ja mit seinem Buch kein Geld auf Kosten eines wirklich entstellten Menschen verdienen. Das wäre pietätlos gewesen. Diese Geschichte und seine Recherchen in der Oper, haben seine Phantasie aber wohl dermaßen angeregt, dass er dieses Buch schreiben wollte und so erfand er halt 'Erik' der rein fiktiv ist, dessen Schicksal aber dem von 'Ernest' ähnelt.

 

Hätte sich überhaupt jemand im Keller der Oper verstecken, bzw. dort jahrelang unentdeckt leben können?

 

Ich kenne die Kellerräume der Oper auch nur von unzähligen Fotos, Beschreibungen und Modellen, aber ich nehme an, es wäre unter bestimmten Umständen vielleicht sogar möglich gewesen. Allerdings müßte es Eingeweihte geben, die unerwünschte Besucher von den entsprechenden Räumen fernhalten und den dort unten Lebenden auf gewisse Weise beschützen und versorgen. Es sei denn Derjenige (hier das Phantom) wäre wirklich so raffiniert gewesen, dass er Türen unbemerkt zumauern und Falltüren oder sich öffnende Mauern einbauen konnte - was wohl eher unwahrscheinlich ist. Auch direkt am See, wie Gaston Leroux beschreibt (die genaue Lage beschreibt er nie) wäre es mit Sicherheit nicht möglich eine Wohnung oder nur ein Schlupfloch einzurichten. Der See ist auch kein See, sondern einfach ein überflutetes Kellerareal, (die Oper wurde auf einer unterirdischen Wasserader erbaut) das nur durch zwei kleine Luken und mittels Trittleiter durch die Decke erreichbar ist. Das muß ein fürchterlich kaltes und feuchtes Verlies da unten sein und der Hohlraum zwischen der doppelten Mauer, in der Susan Kay ihr Phantom einquartiert hat, ist eigentlich mit Bitumen (wasserdichter Baustoff) ausgefüllt, denn was hätten die doppelten Mauern für einen Sinn, wenn sich der Hohlraum mit Wasser füllt, irgenwann wäre alles morsch und würde einstürzen... Möglich wäre es vielleicht, dass sich das Phantom direkt in Räumen über dem See, also in der Etage darüber einquartiert hätte. Der Zugang der Wohnung zum normalen Keller hin (den jeder Mitarbeiter der Oper hätte betreten können) hätte vielleicht zugemauert sein können, so dass Eriks Versteck nur erreichbar gewesen wäre, wenn man zuerst durch eine der Luken zum 'See' hinunterklettert, über den 'See' rudert und an einer bestimmten Stelle eine Falltür zu den darüberliegenden Räumen öffnet und irgendwie wieder hinaufklettert....

Ein Steilufer und ein Tor zur Rue Scribe (wie Leroux behauptet) gibt es auch nicht, auch das ist  erfunden. Ich habe die Oper selbst schon einige Male umkreist und kein 'Gittertor' das in einen Keller führt gefunden. Vielleicht ist Erik durch ein Fenster in der unteren Etage eingestiegen...

Da jetzt aber noch ein Spiegelkabinett einzubauen (wie Leroux beschreibt), halte ich wirklich für Phantasie, ich glaube das ist so gut wie unmöglich. Eriks Spiegelkabinett an sich ist schon unrealistisch - dessen Wände können ja glühend heiß werden und aufeinander zurücken, ohne dass die Spiegel zerspringen! Und womit werden sie auf diese hohen Temperaturen gebracht? Gaston Leroux schreibt durch 'eine geniale Heizanlage'... Damals gab es keinen oder kaum Strom im Opernhaus, es wurde mit Gas geheizt und beleuchtet. Selbst wenn Eriks Genie es geschafft hätte das Spiegelkabinett mit Strom zu betreiben, hätte er einen Generator benötigt und diese Dinger machen einen höllischen Lärm. Im Musée Grevin in Paris gibt es übrigens ein Spiegelkabinett, das der Beschreibung von Leroux sehr ähnelt (zumindest was den einen Baum der sich zum Urwald vervielfacht betrifft), - das Museum besteht schon seit 1899, wahrscheinlich hat sich Gaston Leroux hier gleichfalls inspirieren lassen. Natürlich glühen die Spiegel hier nicht und rücken auch nicht aufeinander zu, aber sie bewegen sich und schaffen durchaus verschiedene, faszinierende Illusionen.

 

Wahrscheinlich hätte sich jemand der im Keller der Oper lebt, auch kein 'Louis Philippe - Zimmer' zugelegt, wie Leroux beschreibt, wie soll denn jemand, z.B. in Eriks Fall noch ganz allein dazu, schwere Mahagonimöbel, Sessel, Bett, Kommode dort hinunterschaffen...?! Die Einrichtung kann ja durchaus einen gewissen Komfort gehabt haben, vielleicht selbst zusammengebastelt und mit Opernrequisiten ausgeschmückt, das könnte ich mir schon eher vorstellen.

 

Der dort Lebende würde Lebensmittel, Wasser und Toilette benötigen - was auch irgendwie vielleicht noch zu bewerkstelligen wäre, auch wenn ich es mir kompliziert vorstelle - und vor allem natürlich mindestens einen Ofen (kommt auf die Größe der Wohnung bzw. die Anzahl der Räume an). Aber vielleicht läge die Wohnung ja in der Nähe der Heizanlage der Oper, bzw. vielleicht verläuft dort ein Kamin bzw. Rauchabzug, an den Erik (oder Ernest) seinen Ofen oder Kamin hätte andocken können, ansonsten wäre es unmöglich dort lange zu überleben. Das beschreiben beide Autoren, (Leroux und Kay) leider nicht genauer, da gibt es einen Kamin und fertig - irgendwie oberflächlich...

 

Opera Garnier;Paris, Rue Scribe, Einfahrt Kaiserloge
Opera Garnier;Paris, Rue Scribe, Einfahrt Kaiserloge
Opera Garnier, Paris, Hinteransicht mit Verwaltungshof
Opera Garnier, Paris, Hinteransicht mit Verwaltungshof
Opera Garnier, Rue Scribe, Paris, Einfahrt Kaiserloge andere Seite
Opera Garnier, Rue Scribe, Paris, Einfahrt Kaiserloge andere Seite

 

Loge 5

 

Die Erste-Rang-Loge Nr. 5 links, gibt es auch tatsächlich, auch wenn unklar ist, welche es denn nun wirklich ist oder war: Eigentlich ist es eine recht unscheinbare Loge, und trotz Trennwand zu den Nachbarlogen rechts daneben,  gut einsehbar. Man hätte eher vermutet, dass das Phantom sich die prächtigere Einzelloge Nr. 3 neben der Proszeniumsloge (Nr. 1) ausgesucht hätte, die ja auch von drei Seiten gut sichtgeschützt ist - bei Führungen durch die Oper wird auch schonmal auf diese Loge als 'Phantomloge' verwiesen, aber sie kann es eigentlich nicht sein, denn das ist Loge 3. Allerdings sind die Nummern an den Logentüren austauschbar! Vielleicht war Loge 3 'mal Loge 5 in der Vergangenheit, bzw. Loge 3-5, denn auch diese Bezeichnungen gibt es (z.B. eine Etage tiefer im Parterre Loge 5 - 9). Bei einem früheren Besuch in der Pariser Oper, suchte ich Loge 5 verzweifelt, stieß auf beiden betretbaren und möglichen Etagen (Parterre und 1. Rang) aber  immer nur auf Loge 7 (Die beiden links daneben, nämlich die verdächtige Nr. 3 und die Proszeniumsloge sind durch eine verschlossene Tür direkt daneben nicht zu sehen). Dazu muß erklärt werden, dass die Logen auf der linken Seite des Zuschauersaales mit ungeraden, die Logen rechts nach geraden Zahlen benannt werden. Mittlerweile steht wieder die Nummer 5 an der gleichen (!) Tür, an der einst die 7 stand und sogar ein Messingschild mit der Aufschrift: 'Loge Du Fantome de l' Opera'.

Na ja, ich gehe mal davon aus, dass es die richtige Loge ist, denn Erik zeigte sich ja ohnehin nie darin, sondern hielt sich in einer hohlen Säule auf - aber die prachtvollere Einzelloge Nr. 3 links daneben, hätte besser zu ihm gepasst. Ich nehme an, Leroux hat sich darüber keine weiteren Gedanken gemacht, für ihn hatte die Nr. 5 eine größere Bedeutung, als die Loge selbst.

In der alten Opera Comique gab es nämlich auch eine Loge 5, in der gewisse Clubs sich damals gerne skandalös verhielten, bzw. die Vorstellungen störten, worauf Leroux in seinem Buch damit durch die Blume hinweist.

Zuschauersaal der Opera Garnier Paris 2014
Zuschauersaal der Opera Garnier Paris 2014

Ich habe die Logen mit Nummern gekennzeichnet.   Neben Loge 5 links  sieht man die Einzelloge Nr. 3, von der man eigentlich stets glaubte, sie wäre die Phantomloge und daneben die große Proszeniumsloge Nr. 1, die wahrscheinlich vom Kaiser oder anderen hochrangigen Gästen genutzt wurde, denn sie hat auch von außen einen vom normalen Publikumsverkehr abgetrennten Eingang.

 

Erste - Rang - Loge Nr. 5, Opera Garnier; Paris
Erste - Rang - Loge Nr. 5, Opera Garnier; Paris

Das relativ neue Messingschild an der Tür zu Loge Nr. 5, weist darauf hin, dass dies die berühmte Loge des Phantoms gewesen sein soll. Man sieht aber, dass die Logennummern austauschbar sind.



Loge 5, Opera Garnier, Paris
Loge 5, Opera Garnier, Paris

Innenraum von Loge Nr. 5, Opera Garnier, Paris
Innenraum von Loge Nr. 5, Opera Garnier, Paris

Ein Blick durch das 'Bullauge' der Logentür zeigt, dass es sich hier wahrhaftig um die gekennzeichnete Loge 5 (siehe Bild oben) handelt, denn man sieht deutlich die rechte, geschwungene Trennwand, die es in Loge 3 nicht gibt.



Ehemalige Privatauffahrt des Kaisers zur Proszeniumsloge Rue Scribe Paris
Ehemalige Privatauffahrt des Kaisers zur Proszeniumsloge Rue Scribe Paris

 

Hätte Erik die Operndirektion wirklich erpresst?

 

Gefährlich wäre es allemal gewesen - ich glaube nicht, dass Operndirektoren sich über Jahre erpressen lassen und dann noch mit einer Unsumme von 20.000 Francs im Monat. Das ist selbst heute nicht gerade wenig (ca. 1500 Euro)  und war damals ein Vermögen. (Dazu kam ja noch die Bereitstellung von Loge 5). Erik muß sich seines Versteckes und seiner Überlegenheit also absolut sicher gewesen sein, was uns Leser und Fans der Geschichte ja so fasziniert - aber realistisch ist es nicht. Schließlich hätte er jederzeit fürchten müssen, dass ganze Heerscharen von Polizisten die Oper schließlich vom Keller bis zum Dach durchforsten und mit Sicherheit wäre auch ein Erik nicht unauffindbar gewesen. Ich könnte mir da eher vorstellen, dass er hier und da Geld und andere Dinge die er brauchte, einfach entwendet hätte. Aber es liest sich natürlich lustig im Buch, wie er die Direktoren ständig übers Ohr haut. :-)

Laut Leroux war Erik außerdem ein ziemlich erfolgreicher Weltreisender, der als Magier, Musiker, Architekt und Bauunternehmer in aller Herren Länder tätig war. Bestimmt ist er auch reich belohnt worden, doch wo diese Reichtümer abblieben, beschreibt der Autor leider auch nicht. Susan Kay läßt Erik damit die fehlenden Mittel zum Weiterbau der Oper beisteuern, da man sie nach dem Krieg 1870/71 fast schon wieder abreißen wollte... und danach war er fast pleite und  - muß die Operndirektoren erpressen um zu überleben.

Wäre ich Erik gewesen, ich hätte mir ein eigenes kleines Theater in Paris gebaut und dort meine Liebe zu Kunst und Musik ausgelebt und nicht im düsteren Keller einer Oper - aber wenn Leroux ihn nicht im Keller der Oper angesiedelt hätte, dann gäbe es das Phantom ja gar nicht, und das wollen wir ja auch nicht...

 

Opera Garnier, Paris, Vorderansicht
Opera Garnier, Paris, Vorderansicht
Opéra Comique Paris
Opéra Comique Paris

Die alte 'Opéra Comique' in Paris, die sich ganz in der Nähe der Opéra Garnier befindet. Auch hier brannte es in der Vergangenheit öfter, aber sie wurde im Gegensatz zur Oper 'Salle Le Peletier' die 1873 abbrannte, wieder aufgebaut.

Opera Bastille, Paris
Opera Bastille, Paris

Dann die auch noch... so baut man heute Opernhäuser... Opéra Bastille, am Place de la Bastille - 1989 eröffnet.

 

Das Opernhaus

 

Natürlich ist es riesig, aber Leroux kommt auf 25 Etagen - ich kann beim besten Willen (die Bühnenversenkungen und Schnürböden mitgezählt) höchstens auf 15 oder 16 kommen, unteridisch höchstens 1 - 2, wenn überhaupt, inklusive 'See'. So megatief schraubt sich der Keller gar nicht ins Erdreich, aber Leroux läßt seine Protagonisten stets durch die 5 Bühnenversenkungen in den Keller wandeln, dabei befinden die sich gar nicht alle unterirdisch, da die Bühne viel höher liegt. Aber es hört sich natürlich geheimnisvoller und tiefer an, wenn das Phantom irgenwo tief unten, an der 5. Versenkung in sein Reich verschwindet. Das gleiche gilt natürlich für die Höhe, auch dort scheint es mehrere niedrige Schnürböden zu geben, die den Anschein erwecken, die Oper habe unglaublich viele Etagen.

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:OperaGarnierBauplan.jpg

Um Christine in den Unterbau zu entführen, hätte das Phantom sicher kein Pferd benötigt.

 

War Erik was Frauen betrifft, wohl wirklich so unbedarft wie Susan Kay ihn beschreibt?

 

Wenn man beide Bücher kennt, könnte man fast meinen, es handelt sich um zwei verschiedene Phantome - irgendwie bekommt man sie nicht unter einen Hut. Susan Kays Phantom wirkt sympatischer und menschlicher als das Original und ähnelt doch sehr dem Musical - Phantom, während das Original unnahbar bleibt und irgendwie etwas doch Abgründiges, Hinterhältiges, wenn nicht gar Psychopathisches an sich hat. Susan Kays Phantom schreibt Tagebücher, das kann man sich bei Leroux' Erik nicht vorstellen. Auch scheint das Original was Frauen betrifft, nicht so unbedarft zu sein, wie Kays Phantom. Leroux weist durch die Blume öfter darauf hin - z.B. als Christine Erik die Maske abreist brüllt er sie an, dass alle Frauen die sein Gesicht gesehen hätten stets ihm gehörten... und der Perser faselt etwas von den 'Rosa Stunden in Mazenderan', wo 'das Scheusal' Erik,  angeblich aus Vergnügen und zur Belustigung der Sultanin Menschen in seinem Spiegelkabinett tötete - in Mazenderan befand sich allerdings auch der Harem des Schahs. Und was sollte einen ausgestoßenen, häßlichen Mann, der in der Lage ist, eine ganze Oper zu terrorisieren davon abhalten, sich nachts heimlich in Pariser Parks oder dunklen Straßen herumzudrücken um seine 'Bedürfnisse' zu befriedigen. Vielleicht ist er sogar ab und zu in ein Bordell gegangen, zu jener Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass sich deren Besucher maskierten um nicht erkannt zu werden - vorausgesetzt, man hatte genug Geld und das hatte Erik ja... Ebenso wird er auf seinen Weltreisen, unter anderem bei den Zigeunern  und in Persien seine Erfahrungen gesammelt haben - im Gegensatz zu Kays Erik, der es aus Trotz ablehnte. Erst als Christine auftaucht, kann ich mir auch bei Leroux' Erik vorstellen, dass er 'brav' blieb, weil er sich halt Hals über Kopf in sie verliebte und sie aus Liebe auch später nicht anrührte.

Allerdings drückt sich Susan Kays Phantom sprachlich auch weitaus vornehmer und gebildeter aus - das von Leroux eher ein bisschen stümperhaft, wenn nicht gar kindlich, doch auf seine Weise auch irgendwie genial. Er spricht von sich selbst oft wie ein Kind in der dritten Person: Er sagt nicht 'ich habe' sondern 'Erik hat'. Das weist natürlich auch stark auf psychopathisches Verhalten hin, doch am Ende zeigt auch dieser Erik durchaus große Gefühle und kann sie in Worte fassen. Ein bisschen überkandidelt ist das Ende mit der Heuschrecken - und Skorpionsache ohnehin und Eriks Verhalten, Christine zur Heirat zu zwingen indem er droht alles in die Luft zu jagen, ist natürlich unlogisch und für heutige Leser irgendwie unrealistisch. (Das hat Susan Kay in ihrem Roman etwas verändert, aber leider auch zu oberflächlich, sie hätte weitaus mehr draus machen können.) Aber irgendwie mußte Gaston Leroux seinen 'Schauerroman' wohl zu einem spannenden und gleichzeitig befriedigenden Ende bringen und irgendwie passt es ja auch zu seinem Erik.

 

Eriks große Liebe Christine Daaé:

 

Was Christine betrifft, so könnte Gaston Leroux von Christine Nilsson (1843 - 1921), ebenfalls eine Schwedin die als Sängerin gefeiert wurde (unter anderem auch in Paris), zu seiner Christine inspiriert worden sein. Wie die Christine aus dem Roman, wurde auch sie auf einem Jahrmarkt entdeckt, und durch einen Mäzen gefördert, so dass sie schließlich in vielen Ländern auftreten und Ruhm erlangen konnte. Sie war wunderschön und vielleicht ist Gaston Leroux' Christine Daaé eine Art Hommage an die echte Sängerin, die er vielleicht verehrte. Sogar eine Massenpanik verursachte sie bei einem ihrer Auftritte, wobei Chaos ausbrach und 20 Menschen zu Tode kamen - was irgendwie auch an die Panik in der Opera Garnier erinnert, die ausbrach, nachdem der Leuchter abstürzte und Christine von der Bühne entführt wurde...

Man sieht also, dass Gaston Leroux hier sehr viele, teilweise auch voneinander unabhängige Fakten zusammengetragen hat und sie gekonnt in seine Geschichte einbaute. 

Was die Roman-Christine betrifft, so verhält auch sie sich in beiden Romanen (Leroux & Kay) unterschiedlich. Bei Leroux bleibt irgendwie unklar, welche Gefühle sie für Erik hegt, ihr Verhalten zeigt eher zunächst Faszination, gemischt mit Angst, doch auch Mitleid. Liebe wird nur in einer Szene angedeutet, nämlich als Raoul sie fragt, ob sie ihn noch lieben würde, wenn Erik schön wäre, worauf sie empört nicht näher eingehen will - und da merkt man schon, dass auch sie sich schwer damit tut, einen 'häßlichen' Mann zu lieben - schließlich lockt ja auf der anderen Seite, der gutaussehende, reiche und adlige Raoul, den man nicht so einfach aufgibt.

Am Ende hat man das Gefühl, dass sie ohnehin alles nur noch unter Zwang tut und ob sie Erik aus Liebe oder eher aus Mitleid küßt, bleibt unklar. Zumindest zögert sie nicht, mit Raoul zu verschwinden, als Erik sie schließlich frei gibt.

 

Bei Susan Kay hat man schnell das Gefühl, dass Christine eigentlich Erik liebt und Raoul eher als Störenfried empfindet. Umso mehr nervt da natürlich ihre Unentschlossenheit. Dieser Christine nimmt man auch nicht so richtig ab, dass sie an eine Stimme (der Engel der Musik) in ihrem Kopf glaubt. Sie scheint längst nicht so gutgläubig zu sein, wie Leroux' Christine, die sich für eine Zwanzigjährige doch allzu naiv verhält.

Die Musical-Christine ist  eine gelungene Mischung aus beiden Romanfiguren, obwohl sie meiner Meinung nach eher zu Gaston Leroux' Christine tendiert.

 

 

Kann Erik so ein Gesicht gehabt haben, wie Leroux es beschreibt?

 

'Eine Haut, die sich bleich und straff wie Pergament über die Knochen spannt, Augen die so tief in den Höhlen liegen, dass man sie nur in der Dunkelheit sieht, da sie glühen (später erwähnt er dass sie golden waren), keine Nase nur ein Loch wo sie sein müßte, keine Lippen, also kurz, Eriks Kopf sah angeblich aus wie ein Totenschädel. Natürlich war die ganze Gestalt klapperdürr und roch nach Tod, auf dem Kopf gab es laut Joseph Buquet, nur einige lange braune Haarsträhnen...'

Kann ein lebender Mensch von Geburt an so aussehen? Irgendwie erinnert das dann doch an ein verbranntes oder verätztes Gesicht, denn Brandwunden können wirklich ganz schrecklich entstellen, aber Leroux' Erik sah von Geburt an so aus. Irgendwie nicht vorstellbar, denn Entstellungen wo die Nase fehlt, gibt es nur äußerst selten, aber gut, das kann ja sein. Bei den Lippen würde ich dann eher noch zusätzlich eine Lippenspalte vermuten (armer Erik), aber was die Augen betrifft - wie tief müssen Augen in ihren Höhlen liegen, damit man sie nicht mehr sieht...? Sie könnten ja durchaus goldfarben und etwas eingesunken gewesen sein, ja vielleicht leuchteten sie sogar im Dunkeln, aber irgendwie muß man sie ja wohl auch so gesehen haben...

Eriks Haarpracht bleibt wohl der Phantasie von uns Fans überlassen (warum sollte er keine Haare gehabt haben?), die drei langen braunen Strähnen, die Buquet sah, sagen eigentlich gar nichts aus. Vielleicht trug das Phantom einen Hut und die Strähnen lugten darunter hervor. Klapperdürr kann er durchaus gewesen sein, ich kann mir gut vorstellen, dass Leroux' Erik andere Interessen hatte, als seinen Tag damit zu verbringen, Leckereien in sich reinzustopfen. Vielleicht hatte er kaum Hungergefühle, was dem spartanischen Leben im Keller der Oper ja entgegengekommen wäre...

Klar, dass Leroux auch hier etwas übertrieb, er schuf ein Gesicht, dass es so nicht geben kann, was aber nicht heißt, dass Erik weniger schrecklich aussah, aber halt nur etwas anders, mit realistischeren Entstellungen. Was Gaston Leroux hier dem Leser Monstermäßiges vermittelt, sollte wohl eher erschrecken, was ihm beim damaligen Leser vielleicht gelang, heute schockt es nicht mehr, denn es ist zu unrealistisch. Ohne Lippen hätte Erik kaum sprechen und schon gar nicht wie ein Engel singen können, auch wenn er Bauchreden konnte, so setzte er diese Fähigkeit auch nur für bestimmte Zwecke ein.     

 

Warum fasziniert uns das Phantom?


In erster Linie ist es wohl das Geheimnisvolle, Mysterische, Unbesiegbare, das das Phantom austrahlt. Obwohl es am Ende immer entzaubert wird, verliert es doch nie seinen wirklichen Zauber. Es bleibt irgendwie unnahbar, ungreifbar und vielleicht ist es auch nicht zuletzt Mitgefühl, das wir empfinden. Wir wünschen uns geradezu, dass Christine sich am Ende für Erik entscheidet, obwohl es in den meisten Adaptionen stets nicht so ist, oder nur unbefriedigend.


Phantom der Oper, Auqarell 30x40 cm
Phantom der Oper, Auqarell 30x40 cm