Das Phantom der Oper

Stummfilmklassiker S/W

USA 1925/29

Länge 91 Min.

Horror/Drama

FSK ab 6

Regisseur: Rupert Julian

Produzent: Carl Laemmle


Filmszene 'Das Phantom der Oper' von 1925
Das maskierte Phantom im Stummfilm von 1925 (Filmszene mit Lon Chaney)



Darsteller:

 
Erik, das Phantom
Lon Chaney
Christine Daaé
Mary Philbin
Raoul, Vicomte de Chagny
Norman Kerry
Ledoux, Geheimpolizist, (der Perser)
Arthur Edmund Carewe
Carlotta
Mary Fabian
Carlottas Mutter
Virinia Pearson
Philippe de Chagny (Raouls Bruder)
John Sainpolis
Joseph Buquet
Gibson Gowland
Florine Papillon
Snitz Edwards

 


Zum Film:

 

Wie fälschlicherweise oft angenommen wird, ist dies nicht die erste Verfilmung des Phantoms, es gibt (gab) noch eine weitere Version von 1915 und das sogar aus Deutschland. Doch diese ist leider irgendwann abhanden gekommen, und so rückt jetzt Carl Laemmles Produktion einen Platz nach vorn.

Den Filminhalt hier jetzt noch zu beschreiben, ist eigentlich überflüssig, weil sich der Film, bis auf die üblichen Kürzungen, fast genau an Gaston Leroux' Buch hält - bis auf das Ende. Obwohl der Film wahrscheinlich für die damalige Zeit ziemlich aufwendig war und trotzdem mit Liebe zum Detail gestaltet wurde, gibt es schon hier dieses schreckliche Ende, dass dem Phantom  in den meisten Verfilmungen droht: Der Mob dringt in sein Versteck ein, jagt und tötet Erik.

Ursprünglich gab es wohl ein anderes, humaneres Ende, doch das gefiel den Testsehern und Kritikern nicht, und am wenigsten dem Produzenten selbst - es sollte ja ein Horrorfilm werden und da mußte natürlich der 'Bösewicht' am Ende vernichtet werden. (Na, wenn die damals die Phantomverfilmung mit Robert Englund (1989) schon hätten sehen können...)

1929 und noch einmal 1930, wurde der Film neu überarbeitet und die 1925er Fassung vernichtet.

Ich selbst kenne jetzt dreiVarianten:

 

Die erste Variante ist durchgehend in Schwarz/weiß gehalten, nur der 'Rote Tod' wandelt farbig, also in Rot durch das Bild. Die Musikbegleitung des Stummfilms ist hier auf den Film abgestimmte Orgelmusik, Textpassagen werden in schnörkeliger Schrift auf verschnörkelten Täfelchen eingeblendet, passt aber zu diesem alten Film. Zusätzlich werden die Textpassagen gesprochen bzw. vorgelesen, allerdings mit typisch übertriebener Betonung, z.B.: Als Christine auf dem Dach der Oper in Raouls Arme sinkt klagt sie übertrieben: '...ein Ungeheuer, ein schreckliches Ungeheuer...' o.s.ä. Das ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist ;-)

 

 

Die zweite Variante versucht irgendwie die schwarz/weiß - Bilder mit Gewalt in Farbe zu tauchen, d.h. das gesamte Bild wird entweder bläulich, grünlich, rötlich, gelblich oder sepiafarben, dass nervt ein bisschen und blendet manchmal fast. Beim Maskenball ist nicht mehr nur der 'Rote Tod' rot, sondern reichlich viele Gestalten, so dass der 'Rote Tod' nicht mehr so wirklich auffällt. (Schade!) Die Musikbegleitung besteht nun nicht mehr aus reiner Orgelmusik, sondern ist moderner, Orchestermäßiger, was jetzt nicht unbedingt schlechter ist. 

Die Sprechrollen fallen weg, es ist wieder ein reiner Stummfilm, die Texte sind nun nicht mehr schnörkelig und besser lesbar, allerdings peinlicherweise mit einigen (Rechtschreib-) Fehlern...

 

Die dritte Variante soll die ungeschnittene Version sein. Es gibt zusätzliche bzw. längere Szenen z.B. bei den Opernaufführungen. Außerdem nach Christines Entführung durch das Phantom, 'hantieren' die beiden etwas länger herum, bevor Christine in Ohnmacht fällt. Das war bis dahin alles viel kürzer. Doch hat man sich darüber schon gefreut, so währt dies nicht lange wenn man die neue Begleitmusik hört: Keine zum Film komponierte Musik, sondern einfach Stücke aus Opern und Klassik entnommen und wild irgendwo eingesetzt. Mit 'Schwanensee' und 'Carmen' kann man ja noch leben, doch Radetzki-Marsch geht gar nicht und etwa ab der Demaskierung des Phantoms werden fast nur noch Strauß-Walzer gespielt. Das nervt fürchterlich und macht den Film eher zur Qual als zum Genuß. Es sollte doch ursprünglich ein Horrorfilm sein, dann spielt man hier Walzer als Filmmusik...!?

Die Texttafeln sind diesmal in englischer Sprache mit deutscher Untertitelung.

Wenn Christine Briefe vom Phantom in der Hand hält, fällt in der Nahaufnahme auf, dass die Hand die den Brief hält nicht Christines Hand sein kann, sondern wahrscheinlich eine Männerhand, mit arg ramponierten Daumennägeln...

Dafür ist der gesamte Film wieder ganz in schwarz/weiß, nur beim Maskenball tragen viele Gestalten einen Rot- oder Roséschimmer und natürlich der 'Rote Tod'.

 

 

Eigentlich gefällt mir die erste Variante nun doch am besten, die wirkte irgendwie noch älter, noch 'antiker'. Irgendwie passt auch der ganze Film von der Atmosphäre her, zu Leroux' Buch, stammt er doch fast aus der gleichen Zeit. Hauptdarsteller Lon Chaney, soll sich ja öfter mit dem Regisseur angelegt haben, wahrscheinlich wollte dieser einen richtigen Bösewicht schaffen, während Lon Chaney wohl eher zu dem Phantom tendierte, das wir heute kennen und lieben: Eine dramatische Gestalt, die am Ende Erlösung durch Liebe findet.

Aber wie das meistens so ist, soll das Kinopublikum sich ja eher gruseln und am Ende guten Gewissens nach Hause gehen, indem es sicher sein kann, dass das 'Ungeheuer' grausam getötet wurde. Das war sicher nicht im Sinne von Gaston Leroux, auch wenn er Erik ja öfter als 'Scheusal' bezeichnete. Aber es zeigt wieder einmal mehr, dass er andererseits mit der Einschätzung, dass sich Menschen gegenüber Aussenseitern ungnädig verhalten, Recht hatte - nicht nur die im Buch und im Film, sondern auch diejenigen, die den Film gemacht haben, und nicht zuletzt das Kinopublikum.

 

La Carlotta hat hier seltsamerweise eine herrische Mutter, die sich für die Tochter einsetzt, und wie eine Diva auftritt, was ein bisschen lächerlich wirkt.

Der Zuschauersaal der Oper und vor allem die Kellergewölbe wurden aufwändig nachgebaut, und da muß man den Filmemachern zugute halten, dass sie sich gut ans Original hielten - keine wildromantische Tropfsteinöhle mit tausenden von brennenden Kerzen - sondern ein tatsächlich düsteres Kellergewölbe, durch das sich kanalartig der unterirdische 'See' ausbreitet. Irgendwo in der Mauer dann verbirgt sich Eriks Wohnungstür und dahinter tut sich eine recht behagliche Behausung auf. So hat man sich das beim Lesen auch vorgestellt.

Auch die Darsteller sind mehr oder weniger für so einen alten Film schon fast authentisch mit den Personen der Vorlage. Da wirkt nichts wirklich gestelzt und falls doch, dann bedenke man eben, dass der Film halt schon fast 90 Jahre alt ist. Und wenn man die meisten späteren Verfilmungen dagegen hält, so zählt dieser Stummfilm noch zu einem der besten. Schade allerdings, dass man sich nicht mehr Mühe mit 'Eriks Gesicht' gegeben hat. So authentisch die Kellergewölbe gestaltet wurden, umso mehr mangelte es hier dann doch an Vorstellungskraft oder vielleicht auch an Möglichkeiten. Eriks Gesicht ist mir hier dann doch zu unrealistisch geraten, wirkt eher als habe sich der Schauspieler eine billige Zombiemaske übergezogen und fertig. Ein bisschen erinnert es an 'Frankensteins Monster'. Die Maske die das 'Zombiegesicht' zuvor verbirgt, ist ok, auch wenn sie gleichfalls ein bisschen seltsam ist mit den aufgemalten Augen und dem Stofflappen vor der Mundpartie.

Das Ende ist wie gesagt, nicht so schön: Die wilde Flucht Eriks, der dann schließlich vom aufgebrachten Pariser Mob (wo kamen die bloss auf einmal alle her und was hatten die alle mit dem Phantom zu schaffen?) mit Knüppeln zu Tode geprügelt, (ich meine in einer kurzen Szene spritzt auch etwas auf (Blut?!)), und schließlich in die Seine geworfen wird. Schrecklich, das nimmt dem bis dahin sehr guten Film einiges. Ich würde sagen dadurch (und die 'Zombiemaske') verliert er (zumindest für mich) 1-2 Sterne.


 

Stummfilmszene 1925
Erik entführt Christine in sein Reich (Filmszene von 1925)