Das Phantom von Manhattan

Frederick Forsyth


Roman

'The Phantom of Manhattan'

236 Seiten

1999 Bertelsmann - Verlag


Zum Buch:

 

Ort und Zeit:

1906 zuerst Paris dann New York

 

Der junge Anwalt Dufour wird zu der sterbenden Madame Giry, ehemalige Primaballerina und Ballettlehrerin an der Pariser Opera Garnier, ins Krankenhaus gerufen. Sie erzählt ihm ihre Lebensgeschichte, und übergibt ihm einen Brief an einen gewissen Erik Mühlheim, den sie einst aus den Händen der Zigeuner befreite, von denen er als monströse Absurdität auf Jahrmärkten ausgestellt wurde, (denn Erik hat eine schreckliche Entstellung im Gesicht), und den sie in der Oper versteckte, wo er einst als 'Phantom der Oper' sein Unwesen trieb. Nachdem die Geschichte mit Christine Daaé und dem Vicomte außer Kontrolle geraten war, mußte Erik fliehen und wieder half Madame Giry ihm. Sie sorgte dafür, dass er einen Platz auf einem Schiff nach Amerika bekam. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört, doch sie weiß von einem wichtigen Geheimnis und wolle ihm das mitteilen, bevor sie stirbt. Alles stehe in dem Brief.

Dufour macht sich also auf und beginnt mit seiner Suche in New York.

 

Erik hat sich tatsächlich mittlerweile von ganz unten, bis ganz nach oben, unter die Reichsten und Mächtigsten Amerikas hochgearbeitet. Sein Helfershelfer, der die Öffentlichsarbeit erledigt, ist ein zwielichter junger Mann, namens Darius, den er schon kennenlernte, als er sich noch auf Jahrmärkten sein Geld verdienen mußte. Mit dem berühmten Oscar Hammerstein als Partner, schmiedet er nun den Plan als Gegenpart zur Metropolitan Opera, eine weitere, die Manhattan Opera zu eröffnen.

 

Mit Hilfe eines karrieresüchtigen Journalisten, Charles Bloom, gelingt es Dufour inzwischen, Erik ausfindig zu machen, hat aber nur Kontakt mit Darius, dem er den mysteriösen Brief von Madame Giry übergibt. Nachdem Erik den Brief gelesen hat, läßt er plötzlich das Engagement der berühmten Diva Dame Nellie Melba, für die Operneröffnung umändern und besteht darauf, dass die französische Diva Christine Daaé engagiert wird.

 

Als Christine endlich in New York ankommt, wird sie wahrhaft königlich empfangen. Mit dabei ist zwar nicht ihr Mann Raoul (er wird später nachkommen), aber ihr zehnjähriger Sohn Pierre und ihre Freundin aus alter Zeit, Meg Giry, die aufgrund eines steifen Beines nicht mehr tanzen kann und nun als Christines Zofe fungiert. Als ein seltsames Spielzeug, ein Affe der zwei Zimbeln schlägt, und eine bekannte Melodie spielt, an das Kind geliefert wird, läßt sich Christine den Vergnügungspark und das Spielzeuggeschäft zeigen, das diese Affenfiguren herstellt. Man führt sie in ein Spiegelkabinett, wo sie, wie kann es anders sein, Erik begegnet. Er verlangt von ihr, dass sie bei ihm bleibt, denn er liebt sie noch immer. Als Christine ablehnt, verlangt er, dass sie ihm seinen Sohn läßt (das war das Geheimnis, das Madame Giry in jenem geheimnisvollen Brief verriet).

Christine lehnt natürlich ab, doch dann besinnt sie sich, und verspricht Erik, dass er noch 5 Jahre warten soll, bis Pierre älter ist und sie ihm die Wahrheit sagen will, dann kann er ihn haben.

 

Christines Auftritt wird ein voller Erfolg. Der geplante Tenor fängt plötzlich an zu quaken wie ein Frosch (das kennt man doch irgendwoher...) und wie aus dem Nichts, steht schon ein geheimnisvoller Fremder bereit und übernimmt dessen Part. Da dessen Rolle in der Oper ohnehin eine Maskierung vorsieht, fällt es auch nicht auf, dass Erik selbst dieser Ersatz ist.

 

Der eifersüchtige Darius derweil, fürchtet um sein Erbe, da nun plötzlich ein Sohn von seinem Freund und Arbeitgeber existiert. Bislang war er für Erik wie ein Sohn, doch das Auftauchen von Pierre droht alle seine Erwartungen und Pläne zu vernichten. Als sich Erik, Christine und Pierre zum Abschied in einem Park treffen, will Darius den Jungen erschießen. Christine wirft sich vor ihren Sohn und wird selbst tödlich getroffen, Erik erschießt daraufhin Darius.

Raoul, der mittlerweile auch zugegen ist, erklärt Pierre, dass Erik sein Vater ist.

Pierre bleibt schließlich mit Einverständnis von Raoul mit seinem Erzieher, einem Priester, in New York, geht dort weiter zur Schule und übernimmt als Erwachsener die Geschäfte seines Vaters, der sich nun endgültig zurückzieht.

 

 

 

 

Meine Meinung:

 

Zunächst einmal, wäre es eine weitere Interpretation, was geschah, nachdem die Vorfälle in der Oper in Paris aufhörten, bzw. was macht man mit dem eigentlich offenen Ende von Gaston Leroux' Roman, war Erik wirklich tot? Die Frage stellt sich der Autor hier gleichfalls und läßt Erik eine weitere Karriere als 'Phantom' starten...

Interessant, aber auch gewagt ist das Vorwort des Autors am Anfang des Buches, indem er die Geschichte von Gaston Leroux in Frage stellt und behauptet, es muß alles ganz anders gewesen sein. Z.B. habe die Geschichte viel später, nämlich erst um 1896 stattgefunden, was er damit begründet, dass es da schon elektrisches Licht gab, mit Gasbeleuchtung wäre es dem Phantom sonst nicht gelungen, die Bühne mit einem Schlag zu verdunkeln, außerdem sei in Echtzeit, erst in diesem Jahr das Gegengewicht des Kronleuchters abgestürzt - womit er Recht hat, was aber nicht gleich die Zeitverschiebung rechtfertigt. 

Aber nicht nur das, er gestaltet eigentlich die gesamte Geschichte um. Seiner Meinung nach, kann Erik bevor er in Paris auftauchte, kein so abenteuerliches Leben geführt haben, wie Leroux andeutet, denn dann hätte er es ja kaum nötig gehabt, sich im Keller der Oper zu verstecken - dann wäre er reich genug gewesen, um von den Menschen unabhängig ein friedliches Leben zu führen, (warum Erik das nicht genug war, beschreibt ja Susan Kay glaubhaft, aber deren Buch ignoriert der Autor), obwohl das eigentlich wirklich eine Überlegung wert ist, die Leroux nicht beachtete. Allerdings wäre Erik für eine neue Karriere in Amerika auch vielleicht etwas zu alt gewesen, wenn er dieses ganze Vorleben schon hatte, denn wie man es auch dreht und wendet, zur Zeit von Leroux' Geschichte muß er mindestens schon 45 - 50 Jahre alt gewesen sein. Kämen dann später noch Amerika und weitere 10 Jahre dazu (hier finden die Ereignisse ja 10 Jahre nach den Ereignissen in der Pariser Oper statt), wird es für eine zweite Karriere schon ziemlich spät, außerdem hätte er nach all dem Erlebten sicher auch nicht mehr die Energie dafür aufbringen können. Also streicht Forsyth dieses Vorleben einfach weg, macht das Phantom jünger und erfindet ein anderes Vorleben.

 

Aber wie dem auch sei, der Autor beruft sich auch auf Andrew Lloyd Webber, der ja reichlich Passagen in Leroux' Buch strich und für sein Musical umschrieb (er hat sich sogar persönlich mit ihm auseinandergesetzt), aber Webber mußte dies ja schließlich tun, sonst wäre es schwierig gewesen, die Geschichte in ein Bühnenstück umzusetzen. Forsyth benutzt dessen Umschreibung der Story nun also in gewisser Weise für sein eigenes Buch: Der Perser wird ebenso gestrichen, wie fast alles was Eriks 'Vorleben' ausmachte, und die Logenschließerin Madame Giry wird wie im Musical, zur Ballettlehrerin und wichtigsten Bezugsperson zu Erik umfunktioniert. Sie war es nun, die ihn aus den Fängen der Zigeuner befreite und ihn in der Oper versteckte (natürlich wirkt Erik hier auch nicht als Architekt neben Garnier an den Bauarbeiten mit, dafür wäre es ja auch bei der veränderten Zeit viel zu spät), sie kennt sein Geheimnis und damit nicht genug: Eines Tages hilft sie sogar Raoul, als dieser von Räubern überfallen und so verletzt wird, dass er für den Rest seines Lebens impotent bleibt. (Wahrscheinlich erfindet der Autor das, um sicher zu stellen, dass Christines Sohn, der hier 'Pierre' heißt, nur von Erik sein kann...). Madame Giry nennt sie sogar 'meine beiden Jungs'...

Das klingt allzu weit hergeholt und ließe sich noch entschuldigen, wenn dieses Buch wenigstens wirklich etwas zu bieten hätte - doch dem Autor gelingt hier nicht der geringste Tiefgang. Den Hauptpersonen kommt man nicht wirklich nahe, meist lässt Forsyth irgendwelche windigen Journalisten etc. salopp erzählen, was eigentlich in Manhatten geschah, wobei er sie ausgiebig erst immer über sich selbst und deren Lebensgeschichte erzählen läßt (gähn), verwickelt sich dabei  aber oft selbst in Widersprüche z.B. schreibt er zwischdurch: 'Hinter der Maske hatte das Phantom ein schrecklich entstelltes Gesicht', um gleich darauf zu schreiben: 'Es trug immer eine Maske, wie sein Gesicht aussah wußte niemand...', u.ä. Außerdem bedient er sich schon bekannter Klischees aus der ursprünglichen Geschichte von Leroux, was das 'Quaken wie ein Frosch' betrifft, nur dass es diesmal den Tenor und nicht eine Diva trifft. Weiterhin tritt Erik selbst auf, so wie z.B. in 'Der Triumph des Don Juan' im Musical von Webber, sein 'Diener' heißt hier 'Darius', so wie in Leroux' Roman der Diener des Persers u.s.w.

 

Raoul bleibt hier nur eine äußerst blasse Randfigur, einem französischen Adligen kaum würdig werdend, was bei Leroux völlig anders war.

Christine verhält sich seltsam: Obwohl sie Erik ja scheinbar einst liebte und sogar einen Sohn mit ihm hat, lehnt sie Erik nun komplett ab und tut so, als sei alles nur eine unbedeutende Liaison für sie gewesen, eine Art 'Fehltritt', bei der mal eben ihr Sohn entstand - bzw. verhält sie sich so, als ob sie ihn fürchte wie den Tod selbst, was sie nicht mal einst in Paris tat...

 

Auch wenn die Idee zu dieser Story grundsätzlich nicht schlecht ist, sie hätte durchaus glaubhaft sein können, aber mit mehr Einfallsreichtum, Phantasie und Tiefgang - doch man hat das Gefühl, dass dem Autor schon bald nichts mehr einfiel, denn das Buch ist ja auch reichlich dünn geraten.

Alles wirkt irgendwie lieb-/ und lustlos dahingeschrieben - geradeso, wie mal schnell eine Fortsetzungsgeschichte zusammengebastelt.

 

Mein Fazit:

Enttäuschend, ich hätte mehr erwartet... Und es ist kein Vergleich mit Andrew Lloyd Webbers Fortsetzung 'Love Never Dies', deren Story zwar ähnlich ist, aber auch ohne die wunderschönen Songs und die Musik allein schon mehr Tiefgang zeigt. Dort entdecken Erik und Christine zumindest ihre Liebe zueinander erneut wieder...auch wenn das Ende dort genauso schrecklich und eindeutig ist.