Das Phantom

SUSAN KAY


Romanbiografie

Originaltitel: 'PHANTOM'

Erschienen 1990

Bertelsmannverlag

Übersetzung: Elke vom Scheidt

412 Seiten


Buchcover von Bertelsmann Verlag 1990
Buchcover von Bertelsmann Verlag 1990

Zum Buch:

 

Die Fragen die Gaston Leroux zu Eriks Leben nur in Kurzform auf den letzten drei Seiten beantwortet, sowie zwischendurch hin und wieder einwirft, wie Eriks Ausspruch: 'Meine Mutter gab mir die erste Maske und mein Vater sah mich nie', beantwortet nun SUSAN KAY mit einer äußerst einfallsreichen und einfühlsamen Romanbiografie über den Mann, der ansonsten nur als 'Das Phantom der Oper' bekannt wurde.

 

Eriks Kindheit:

1831 - 1840

Madeleine die bildhübsche Tochter englischer Einwanderer wuchs auf wie eine Prinzessin. Vor ihr lag eine große Karriere als Sängerin, doch dann lernte sie den attraktiven Steinmetz Charles kennen, der mit ihrem Vater, einem Architekten zusammenarbeitete und verliebte sich Hals über Kopf. Ziemlich schnell wurde Hochzeit gefeiert und Madeleine wurde schwanger. Das junge Paar beschloss sich auf dem Land in der Normandie, nämlich in dem schmucken Örtchen 'Saint Martin de Boscherville' niederzulassen. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit Madeleine: Zuerst verlor sie ihre Eltern aufgrund einer Choleraepedemie und schließlich auch ihren geliebten Charles - er verunglückte auf der Baustelle, auf der er gerade arbeitete, tödlich.

 

Alles was sie nun noch hatte, war das Kind, das sie erwartete. Doch auch das wurde eine schreckliche Enttäuschung - zwar ist es ein Junge, doch mit einem schrecklich entstellten Gesicht. Ihm fehlt die Nase (dort wo sie hätte sein sollen ist nur ein Loch) und die Lippen sind seltsam verdreht (Lippenspalte?), außerdem hat er seltsam ungleiche Augen (was die Autorin damit meint, bleibt  ein Rätsel) und sein Kopf ist irgendwie durchsichtig (noch seltsamer...) (Eigentlich reicht auch schon das mit der fehlenden Nase und vielleicht den Lippen, das entstellt genug, da muß man nicht noch mehr dazuerfinden...)

Wie dem auch sei, Madeleine war ja gerade erst 17 oder 18 bei der Entbindung und eine verwöhnte Göre, die nun allein mit ihrem 'Monsterkind' in einem Dorf festsaß. Ihr Personal nahm schon in der Geburtsnacht Reißaus und als der Pfarrer kam, bat Madeleine ihn, das Kind auf seinen eigenen Namen zu taufen, da sie keine Lust hatte, sich einen Namen einfallen zu lassen (eigentlich hatte sie ihren Sohn ja Charles nennen wollen). So wurde das Kind also unter dem Namen 'Erik' getauft.

 

Madeleine glaubte (hoffte?) das Erik mit dieser Entstellung nicht lange leben würde und sie ekelte sich so dermaßen vor ihrem Sohn, dass sie ihn noch nicht einmal stillen wollte. Ja, sie warf ihn sogar kurz nach der Geburt aus dem Bett, doch er überlebte. Also mußte sie sich daran machen, ihn großzuziehen, wenn auch ziemlich lieblos, (sie verbannte ihn in eine Kammer auf dem Dachboden) da er ja sowieso zu einem Idioten heranwachsen würde, wie sie glaubte. Als erstes Kleidungsstück nähte sie ihm eine Maske. (Grrr, am liebsten wäre man in das Buch hineingesprungen und hätte dieser ... von einer Mutter eine kräftige Ohrfeige verpasst!, aber dafür sorgte ihre Freundin Marie Perrault wenig später, nämlich an Eriks 5. Geburtstag.) Natürlich war sein Geburtstag vorher noch nie gefeiert worden und ein Geschenk hatte er auch noch nie von seiner Mutter bekommen, doch das wollte Marie jetzt ändern.

Erik wünschte sich von seiner Mutter bescheidenerweise zwei Küsse, einen für sofort und einen für später, doch  selbst das verweigerte sie ihm. Als er später ohne Maske am Tisch erschien, weil er nicht einsah, dass er als Einziger immer unter einer Maske schwitzen mußte, zerrte seine Rabenmutter ihn kurzerhand vor einen Spiegel um ihm sein Gesicht zu zeigen. Erik war ja erst fünf und verstand nicht, was er da sah, er kannte ja keine Spiegel, die gab es nur noch im Schlafzimmer seiner Mutter. Er schlug auf den Spiegel ein und verletzte sich schwer, außerdem hatte er nun Angst allein im Zimmer, denn er fürchtete das 'Monster aus dem Spiegel'. Marie war es dann die ihn tröstete und als er schließlich verlangte seine Mutter zu sehen und die sich weigerte, platzte der gutmütigen Marie der Kragen, sie ohrfeigte Madeleine (das war schon lange fällig) und sagte ihr kräftig die Meinung.

 

Ansonsten mußte Madeleine schon sehr früh feststellen, dass ihr Sohn ihr schon im frühen Kindesalter intellektuell weit überlegen war. Er zeigte viele Interessen, vor allem an Musik (er hatte eine Engelsgesangstimme, die ihm ja auch als Erwachsener erhalten blieb) und interessierte sich für Architektur. So ließ sie schließlich einmal im Monat einen Professor aus Paris kommen, der Erik unterrichtete, denn eine normale Schule konnte er nicht besuchen. Die hinterwäldlerischen Dorfbewohner warfen auch so schon ständig die Scheiben von Madeleines Haus ein und verlangten, dass das 'Monster' verschwindet. Als sie schließlich einen jungen Arzt kennen lernte, der sich nach Boscherville verirrt hatte, verliebte sie sich und die beiden planten nach Paris zu ziehen. Der neue Partner von Madeleine wollte Erik in eine Anstalt geben, um ihn dort besser untersuchen zu können. Als Erik das mitbekam, riß er von zu Hause aus - er war gerade 10 Jahre alt.

 

Eriks Wanderjahre:

1840 - 1856

 

Bei den Zigeunern:

Weit kam er nicht, denn er geriet schon kurze Zeit später in die Hände von Zigeunern, die ihn kreuz und quer durch Frankreich mitschleppten, natürlich gefangen in einem Käfig und gehalten wie ein Tier. Er wurde die Attraktion der Zigeunertruppe, denn sie stellten ihn als 'Lebenden Leichnam' aus, da sein Gesicht ohne Nase einem Totenschädel glich. Durch seine Klugheit konnte Erik seine Situation bei den Zigeunern aber irgendwann verbessern, indem er Zauberkunststücke vorführte und mit seiner Engeslstimme sang. Er bekam schließlich sogar ein eigenes Zelt und fing gerade an, die Zigeuner als eine Art Familie zu betrachten, als sich deren Anführer Javert sexuell an ihn heranmachte. Erik fackelte nicht lange und erstach den Widerling mit einem Dolch, dann mußte er schon wieder fliehen, nun war er 13 Jahre alt.

 

In Rom:

 

Erik zieht allein mit zwei Pferden durch die Welt, entschlossen, sich nie wieder fangen und einsperren zu lassen. Sein Dolch ist stets griffbereit. Da er großes Interesse am Bauhandwerk und imposanten Gebäuden hat, ist die 'Ewige Stadt' Rom natürlich ein idealer Ort für ihn. Dort lernt er den Baumeister Giovanni kennen, der von dem seltsamen Jungen mit Maske fasziniert ist und ihm schließlich eine Lehrstelle als Steinmetz anbietet. Da Giovannis Frau tot und seine vier Töchter nicht Zuhause leben, bietet er Erik ein Zimmer in seinem Haus an. Erik fasst schließlich soviel Vertrauen zu seinem neuen Meister, dass er nicht nur den Vater in ihm sieht, sondern Giovanni in Erik auch einen Sohn.  Giovanni verlangt nie, dass Erik die Maske abnimmt, sondern akzeptiert ihn einfach so wie er ist. Auch die Arbeiter auf seinen Baustellen bekommen genaue Anweisungen, den neuen Lehrling nicht zu bedrängen. Wer sich nicht daran hält, kann gehen. Zum ersten Mal im Leben fühlt sich Erik wirklich Zuhause und hätte immer so weitermachen können, doch dann kommt Giovannis jüngste Tochter Luciana aus der Klosterschule nach Hause und verliebt sich schließlich in den geheimnisvollen Fremden, der bei ihrem Vater im Keller wohnt. Giovanni ahnt, dass dies niemals gutgehen wird und will sein verwöhntes Töchterchen zurück in die Klosterschule schicken, doch die weigert sich prompt. Eines Tages dann passiert das, was nicht nur Erik ständig befürchtet hatte, sondern auch Lucianas Vater. Das verliebte Mädchen verlangt von ihm, dass er ihr sein Gesicht zeigt, dann doch von ihrem Vater unterstützt, der, nun wo es ohnehin kaum noch ein Zurück gibt, auch endlich Klarheit möchte. Erik ist zutiefst enttäuscht von seinem Meister und Ersatzvater und zeigt den beiden sein Gesicht. Luciana erschrickt darüber so sehr, dass sie über die Dachterrasse des Hauses flüchtet und da die Mauer kaputt ist, in die Tiefe stürzt. So endet Eriks erste zarte Liebe tragisch, denn auch er hatte sich ein bisschen in Luciana verliebt, allerdings mit dem Wissen, das daraus nie etwas werden könne. Er  weiß, dass er nun weiterziehen muß und läßt den verzweifelten und reumütigen Giovanni ohne ein Wort des Abschieds zurück.

 

In Persien:


Erik, (inzwischen ein junger Mann) der sich mittlerweile in Russland aufhält und auf Jahrmärkten sensationelle Kunststücke vorführt, ist sein Ruf bis nach Persien vorausgeeilt. Die gelangweilte Mutter des Schahs, die Khanum sucht ständig nach Unterhaltung und Ablenkung und so schickt der Schah seinen Daroga Nadir Khan auf die Suche nach dem berühmten Magier. Dem gelingt es sogar, Erik zu finden und ihn zu überreden, mit nach Persien zu kommen, da ihm versprochen wird, dort Reichtum und Macht zu erlangen.

Da in Persien viele Bauwerke und auch die Paläste ziemlich heruntergekommen sind, darf sich Erik dort auch als Architekt und Baumeister beweisen und dem Schah einen neuen Palast bauen. Auch freundet sich Erik schnell mit Nadirs kleinem Sohn Reza an, der todkrank ist, und dem er die letzten Lebensmonate mit selbstgebauten fantastischen Spielzeugen versüßt. Am Ende leistet er dem Jungen sogar noch Sterbehilfe, da er sich sonst zu sehr quälen müßte. Dafür wird ihm der Daroga immer dankbar sein.

Doch die Mutter des Schahs, Herrin über den Harem des Schahs, schafft es Erik mit immer neuen Forderungen  aus der Reserve zu locken und die dunkle Seite in ihm zu wecken. Er baut ihr eine Folterkammer, ein Spiegelkabinett, in dem Gefangene bei lebendigem Leib so lange geröstet werden, bis sie sich freiwillig an dem eisernen Baum darin erhängen. Dieser eine Baum wird von den Spiegeln bis ins Unendliche vervielfacht, so dass man glaubt, wenn man in der Kammer steht, man stehe in einem kühlen Wald, doch die Wände sind glühend heiß. Wenn Hinrichtungen anstehen, wird Erik mit dem Gefangenen in einen Raum oder eine Arena gesperrt und muß mit ihm kämpfen. Allerdings ist er mit seinem Punjab - Lasso, ein Seil aus Katzendärmen, dass er von einer Reise nach Indien mitbrachte, so schnell, dass er unbesiegbar bleibt, ganz gleich wie stark sein Gegner auch ist. Erik tut dies alles mit stoischer Gelassenheit, er hasst die Menschen ja ohnehin, doch er tut es auch um von der Khanum nicht weiter bedrängt zu werden und weil er tief in seinem Inneren eine gewisse Lust an dieser Töterei empfindet. Als der Schah ihm eine fünfzehnjährige Jungfrau schickt, lehnt er diese ab, als sie sich weigert ihm die Maske abzunehmen und eine Nacht mit ihm zu verbringen und läßt kaltblütig zu, dass das Mädchen in seiner Folterkammer hingerichtet wird, ohne den Wunsch der Khanum zu beachten, selbst dabei zuzusehen. Das beleidigt die böse Frau so dermaßen, dass sie ihren Sohn dazu überredet, Erik die Augen ausstechen zu lassen. Doch das ist dem Schah nicht genug, da er befürchtet, dass Erik, wenn er ihn ziehen läßt, selbst blind noch in anderen Ländern solch einzigartige Paläste wie den seinen bauen könnte. Der entsetzte Daroga selbst, bekommt den Auftrag, Erik gefangen zu nehmen, doch es gelingt ihm den Freund zu retten, obwohl ihm dafür selbst eine Strafe droht.


Zurück in Europa

1856 - 1860

 

Des Reisens müde, läßt sich Erik zunächst in Belgien, in Mons nieder und arbeitet dort sehr erfolgreich als Architekt. Er hat mittlerweile einen 'Diener' gefunden, einen Mann 'Jules Bernard' der ihm hörig ist (warum auch immer). Doch er bezahlt ihn gut und dieser führt nun alle Aufträge aus, die Erik nicht selbst machen möchte. (Mit Kunden sprechen, Dinge und vor allem Morphium (Erik wurde in Persien Rauschgiftsüchtig) besorgen u.s.w.)

Eines Tages jedoch reist er, von seiner Arbeit gelangweilt, nach Frankreich zurück, um sein Elternhaus zu sehen und niederzubrennen. Er kann seine schreckliche Kindheit nicht vergessen und rechnet nicht damit, dass seine Mutter noch dort wohnen könnte - schließlich wollte sie doch mit diesem Arzt nach Paris ziehen...

 

Doch er staunt nicht schlecht, als er dort Marie Perrault vorfindet, und seine Mutter, die vor drei Tagen gestorben ist und noch immer im Schlafzimmer aufgebahrt liegt. Er erfährt, dass sie nie mit dem Arzt wegging und dass sie den Rest ihres Lebens damit verbrachte, hinter ihrem Sohn herzutrauern. Tragisch, somit war Eriks kindliches Opfer, sie zu verlassen, damit sie frei ist, eigentlich umsonst. Doch das bekümmert ihn nun auch nicht weiter, denn  außerdem findet er alte Zeitungen, in denen ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben ist: In Paris sucht Baron Haussmann einen fähigen Architekten, der ein neues Opernhaus entwirft. Genau so etwas hat er sich doch schon immer gewünscht - und obwohl es eigentlich zu spät ist, reist er auf der Stelle nach Paris, um vielleicht doch noch etwas bewirken zu können.

 

Paris Opera Garnier

1860 - 1880

 

Es gelingt Erik den auserwählten Architekten für den Bau der neuen Oper, Charles Garnier, kennenzulernen und ihn dazu zu bewegen ihn als Subbauunternehmer anzustellen. Erik bekommt sogar eigene Männer zugeteilt, die für ihn arbeiten. Wieder an seiner Seite: Jules Bernard, der inzwischen allerdings geheiratet hat und eine Schar Kinder sein Eigen nennt. Der Bau der Oper hat gerade begonnen, und schon gibt es riesige Probleme - in der Baugrube stößt man auf eine Wasserader, doch Haussmann besteht darauf, die Oper trotzdem genau an dieser Stelle zu errichten. Also müssen zahlreiche Pumpen Monatelang das Wasser abpumpen und die Grube trockenlegen. Damit das Wasser nicht nachsickern kann, wird eine doppelte Mauer als Fundament errichtet und die ganze Grube mit einem wasserdichten Stoff 'Bitumen' ausgegossen, (eigentlich auch der Hohlraum zwischen den Mauern was aber hier nicht erwähnt wird). Das Gebäude wird hochgezogen, doch dann sickert plötzlich wieder Wasser in den Keller, aber es bleibt in der wasserdichten Wanne stehen und somit ist der berühmte 'See' unter der Pariser Oper entstanden. Die Kosten übersteigen, wie das immer der Fall ist, auch hier das Budget und damit der Bau sich nicht noch mehr verzögert, steckt Erik sein gesamtes Vermögen mit in das Projekt, er ist nach seiner Wanderung durch die Welt und mit seinen enormen Fähigkeiten als Allroundtalent, ja steinreich geworden, und weiß ohnehin nichts Besseres mit seinem Geld anzufangen. Dann kommt die ganze Sache ja noch durch den deutsch-französischen Krieg 1870/71 ins Stocken und die Kommunarden nisten sich in Garniers und Eriks kostbarem Opernhaus ein und wüten dort herum. Erik findet ein Versteck in der 'doppelten Mauer' die ja eigentlich mit Bitumen zugegossen sein sollte... aber dieser Unterschlupf liegt zumindest genau in Höhe des unterirdischen Sees. Er richtet sich dort häuslich ein und die Aussicht, dort versteckt vor den Blicken der Menschen leben und tun und lassen zu können, was er will, bringt ihn in Hochstimmung. Außerdem würde er bis dort unten, der See befindet sich nämlich genau unter der Bühne, jede Aufführung mitanhören können, ganz gratis noch dazu.

Der einzige Mitwisser ist Jules Bernard, der weiterhin alle Besorgungen für Erik erledigt, und dem dieser 10.000 Francs im Monat verspricht, wenn er ihm treu bleibt. Erik hat nur ein Problem: Durch seine finanzielle Beteiligung am Bau der Oper, ist er pleite. Garnier gibt ihm einen feuchten Händedruck und vergißt ihn. Tja, eigentlich hätte das Erik zu einem Teilhaber der Oper machen müssen, was bedeutet hätte, dass er von sämtlichen Gewinnen die sie später abwirft, auch profitiert. Aber nein, er zieht sich lieber still und leise in sein Kellerverlies zurück und beschließt die Operndirektion zu erpressen, ansonsten geschehen schlimme Dinge in der Oper, die 1875 endlich Eröffnung feiern konnte.

Zunächst macht er sich einen Spaß daraus, spukt im Opernhaus umher und erschreckt die 'Ballettratten' (so entstand die Legende vom 'Phantom der Oper'), außerdem verlangt er, dass Loge fünf im ersten Rang stets für ihn reserviert bleibt - blicken lassen kann er sich dort nach seinen Erpressungen aber nicht mehr. Deshalb zieht er es vor, sich in der hohlen Säule der Loge zu verstecken. So lebt er fast vergnügt eine Weile vor sich hin, bekommt das erpresste Geld, sage und schreibe 20.000 Franc im Monat sogar,  und war gerade dabei mit Gott und der Welt Frieden zu schließen, als ihm der Perser, Nadir Khan, sein Freund aus längst vergangenen Zeiten in Paris über den Weg läuft. (Erik hockte nicht nur in seinem Versteck unter der Oper, sondern wandelte auch oft durch die Straßen von Paris) Erik mag seinen alten Freund (der tatsächlich fünf Jahre nach Eriks Flucht aus Persien im Gefängnis saß) zwar sehr, doch in Paris kann er ihn nicht gebrauchen, denn er will sein Geheimnis mit keinem mehr teilen. Nadir ist entsetzt, dass Erik, dem er einst das Leben rettete, nicht mehr aus demselben gemacht hat, sondern nun als 'Operngeist' herumspukt und ihn noch nicht mal zu einer Tasse Tee in sein 'Haus am See' einlädt. Denn dass Erik hinter dem Phantom steckt, hat er schneller herausgefunden, als diesem lieb ist. Da man gerade erst einen toten Bühnenarbeiter (Joseph Buquet) in den Kellergewölben gefunden hat und das Phantom verdächtigt, ahnt Nadir, dass Erik dahinter steckt, er hat ihn ja in Persien 'bei der Arbeit gesehen' und man nannte es 'Die rosa Stunden von Mazenderan'. Nun nimmt er Erik erneut das Versprechen ab (er tat es schon als er ihn in Persien laufen ließ), dass dieser nicht mehr morden würde. Er würde von nun an sein 'Aufpasser' sein, er wolle sich einmal die Woche am See mit Erik treffen und wenn dieser sich nicht daran hielte, dann würde er, der einstige Daroga, ihn bei der Polizei verraten...

 

Erik & Christine

1880 - 1881

 

Das frischgebackene Phantom der Oper, hält sich zunächst an Nadirs Anweisungen, wenn auch stinkwütend. Er will sein eigener Herr sein und bleiben, wie einfach wäre es Nadir einfach 'zu beseitigen', doch das kann er dann doch nicht, was beweist, dass Eriks Herz doch noch nicht ganz erkaltet ist. Sehr zu seinem Mißfallen, denn wovor er sich gewappnet glaubte, bricht wie ein Vulkan eines Tages aus seiner Gefühlswelt aus, als er aus seiner Loge eine einzigartige weibliche Stimme hört. Als er vorsichtig auf die Bühne lugt, sieht er ein junges Mädchen, dass seiner Mutter in jungen Jahren ähnlich sieht - ihr Name ist 'Christine Daaé', eine Schwedin die im Chor der Oper singt und gerade von der Balletteuse Meg Giry dazu verleitet wird zu singen, denn: 'Vielleicht hört Dich ja das Phantom...'

Was nun folgt ist das, was man aus den meisten Filmen, dem Musical und natürlich auch aus Leroux' Buch kennt, halt dieses letzte halbe Jahr von Eriks Wirken an der Oper, verbunden mit seiner wahnsinnigen Liebe zu der jungen Sängerin Christine - hier dann allerdings aus der Sicht der Personen 'Erik & Christine' in Tagebuchaufzeichnungen erzählt. Natürlich hat man dadurch einen viel tieferen Einblick in die Situation und kennt die 'wirklichen' Gedanken und Gefühle der Beiden, während man bei Gaston Leroux immer irgendwie 'aussen vor' war. (Bei Leroux' Erik kann man sich auch kaum vorstellen, dass dieser ein Tagebuch führte...)

Auch wenn Christine am Ende mit Raoul geht, so tut sie es eher widerwillig, weil Erik es so will. Doch sie kehrt nach einigen Wochen zu Erik zurück um ihn wie versprochen, zu ihrer Hochzeit einzuladen. Natürlich ist das nur ein Vorwand und als der erboste Raoul erneut in der Wohnung am See auftaucht, um seine Braut erneut zu retten, ist Erik scheinbar gerade gestorben und Christine endlich 'frei'. Als Christine genau neun Monate später einen Sohn bekommt, ahnt Raoul sofort, dass das Kind nicht von ihm ist...

 

 

Meine Meinung:

 

Die meisten Personen, die in Leroux' Buch noch eine große Rolle spielten, erwähnt die Autorin nur am Rande oder läßt sie gleich ganz weg (ausgenommen den Perser und Raoul) - was aber o.k. ist, denn die Geschichte kennen wir ja. Was wir wissen wollen ist, wie es mit Erik und Christine nun wirklich war und da Susan Kays Phantom weitaus menschlicher und sympatischer erscheint, als das von Leroux, ist auch das Ende leicht umgestaltet. Man merkt ja schon beim Lesen, sobald die Phase mit dem Phantom beginnt, das es nicht mehr so richtig zu 'diesem' Erik passen will. Das was er dort in der Oper treibt, sind eher die Taten eines absolut hintertriebenen Psychopathen, passend zu Leroux' Phantom, aber nicht zu Susan Kays rational denkendem Erik, der nach solch einem Leben und mit solchen Fähigkeiten, eigentlich ein steinreicher Geschäftsmann sein müßte, der es nicht mehr nötig hätte, die Maske vor anderen zu lüften.

Aber was soll Susan Kay machen, sie hat genau die Andeutungen von Gaston Leroux ausgebaut, Eriks Kindheit, seine Gefangenschaft bei den Zigeunern, seine Karriere als Magier, Architekt, Musiker, aber auch als Mörder. Was Leroux vielleicht ein bisschen vorschnell und lückenhaft über Eriks  Leben so fragmentarisch auf den letzten zwei Seiten zu Papier brachte, ob es nun zu seinem Phantom passt oder nicht, hat sie in bewundernswerter Weise herangezoomt und zwar so, dass es immer irgendwie passt, bzw. passend gemacht wird.

Das Buch hätte ruhig noch ein bisschen dicker sein können, der Schreibstil der Autorin läßt sich so fließend lesen, dass man das Buch schneller durch hat, als einem lieb ist.

 

Dieses Buch war es auch, dass mich kurz nach seinem Erscheinen, zum Fan des Phantoms machte. Erst dann kam das Musical und dann Gaston Leroux' Original - das mich dann aber eher enttäuschte.

 

Bei Susan Kay hätte ich mir dann allerdings auch mehr zu Erik und Christines 'Zweisamkeit' in Eriks Versteck gewünscht - schließlich verbrachte Christine ganze zwei Wochen dort (die auch Leroux nicht näher beschrieb), die die beiden kaum mit mehr verbrachten, als auch Leroux durchklingen läßt: Erik übte mit Christine Gesang, nach dem Fall der Maske war er krank und sie pflegte ihn, dann fuhren sie in den Bois und gingen schließlich auf den berühmten Maskenball - ok. Erik tötet auch zwei Spinnen, vor denen Christine sich ekelt... Das findet alles im Schnelldurchlauf, recht oberflächlich und pragmatisch, auf den letzten 80 Seiten statt, da hätte ich mir doch noch mehr Tiefgang gewünscht, anderseits bleibt hier natürlich auch wieder reichlich Platz für die Phantasie der Fans, bzw. 'Fanfiction'...

Das tragisch schöne Ende ist hier dann vielleicht eine kleine Entschädigung dafür. Aber wenn man ehrlich ist, wundert es einen hier, dass Christine sich nicht schon viel früher für 'den Richtigen' entscheiden konnte. Und man merkt natürlich deutlich, dass sich die Autorin stark von Andrew Lloyd Webbers Musical-Phantom inspirieren ließ, deshalb war das Musical für mich später auch keine Überraschung, was das Phantom betrifft, denn Susan Kays Phantom sieht auch ein bisschen so aus wie das von Webber, während man sich Leroux' Phantom trotz viel Mühe doch immer etwas anders vorstellt.

 

Fazit:

Ein wunderbares, mitreißendes Buch, unbedingt lesen, auch für 'Nichtfans' geeignet  - doch wer es liest läuft Gefahr 'Phan' zu werden!! ;-)