Das Phantom der Oper

GASTON LEROUX


Das Original

Roman

Originaltitel: 'Le Fantôme de l'Opéra'

Erschienen:

1909 - 1910 in Paris als Zeitungsfortsetzungsgeschichte

Als Buch 1939 in Paris

336 Seiten

Hanser Verlag / 3. Ausgabe 1994

Übersetzt von Johannes Piron

 

Phantom der Oper Buchcover
Postkarte mit Buchcover 'Phantom der Oper'

Zum Buch:

 

 

Ort und Zeit: Paris 1880/1881

(geschätzt, denn Leroux schreibt nur, dass die Geschichte sich vor etwa 30 Jahren zugetragen hat, wobei man vom Datum der Veröffentlichung aus auf 1880/81 kommt...)

 

Seltsame Vorfälle häufen sich in dem berühmten Pariser Opernhaus 'Opera Garnier': Jemand terrorisiert Künstler, Mitarbeiter und Direktion mit seltsamen Briefen und Erpressungen, die stets mit dem Kürzel 'Ph.d.O.' unterzeichnet sind. Schon längst wird von einem 'Operngeist' gemunkelt, einem 'Phantom, das überall und nirgends ist, das durch Wände spricht, und aussehen soll wie eine lebende Leiche und wer dessen Gesicht erblickt, ist des Todes. Außerdem verlangt das Phantom für sich eine Dauerreservierung der 1. Rang Loge Nr. 5.

Ebenso wie die Direktion, hat auch der Star der Oper, die Primadonna La Carlotta unter dem Phantom zu leiden. Letzteres nämlich hasst die Diva mit der schrillen Stimme und schlägt ständig vor, das unscheinbare Chormädchen Christine Daaé an deren Stelle singen zu lassen.

 

Einen großen Triumph darf Christine auch schließlich feiern, doch trotz Warnung des Phantoms erscheint erneut Carlotta auf der Bildfläche und drängt Christine wieder in Nebenrollen. Niemand nimmt die Warnungen des Phantoms vor neuen Anschlägen ernst. Sogar in Loge 5 lassen sich absichtlich zwei vergnügte Direktoren nieder.

Dann geschieht das Unglück; Carlottas Auftritt als Margarete in 'Faust' wird zum Debakel weil sie plötzlich quakt wie eine Kröte, der Kronleuchter stürzt ab und tötet die neue Logenschließerin (sie sollte Madame Giry, die ehemalige Logenschließerin ersetzen, da diese verdächtigt wurde mit dem Phantom unter einer Decke zu stecken und man sie feuerte) und Christine Daaé verschwindet plötzlich spurlos.

 

Der Einzige, der Christine vermißt ist der junge Vicomte Raoul de Chagny, Christines Freund aus Kindertagen, der die Oper genau zu ihrem Gesangsdebüt mit seinem Bruder Graf Philippe besucht und seine einstige Freundin wiedererkennt. Doch als er sich Christine später zu erkennen gibt, will sie nichts mehr von ihm wissen. Raoul hört eine Männerstimme in ihrer Garderobe (als er später an der Tür lauscht) und glaubt, die junge Sängerin habe längst einen anderen Verehrer.

Als er sie deswegen  zur Rede stellt, erklärt sie ihm,  der 'Engel der Musik' habe sie besucht (ihr verstorbener Vater, ein berühmter Geiger versprach ihr einst, dass er diesen zu ihr schicke, wenn er im Himmel sei) und erteile ihr in ihrer Garderobe Gesangsunterricht. Die Geschichte erscheint dem Vicomte so unglaublich, dass er davon überzeugt ist, dass Christine Opfer eines Scharlatans geworden ist, der Christines Gutgläubigkeit ausnutzt und sie nun auch noch entführte. (Das er damit kaum daneben lag, konnte er noch nicht ahnen...)

 

Als er Christine zwei Wochen nach ihrer Entführung auf einem Maskenball in der Oper wiedertrifft, will sie ihm ihr Geheimnis endlich offenbaren, doch Raouls Ungeduld, sowie eine mysteriöse Gestalt, die als 'Roter Tod' unter den Gästen umherwandelt, verhindern dies. Raoul versteckt sich in Christines Garderobe und beobachtet heimlich, wie Christine durch den großen Spiegel verschwindet, während eine geheimnisvolle, engelsgleiche Stimme erklingt. Christine spricht diese unsichtbare Stimme mit Namen an, sie nennt sie 'ERIK'.

 

Als Christine abermals in der 'Oberwelt' erscheint, bittet sie Raoul ihr aufs Dach der Oper zu folgen um in Ruhe mit ihm sprechen zu können.

Raoul erfährt, dass seine junge Freundin tatsächlich entführt wurde und zwar von der Stimme, die nicht nur 'Engel der Musik' für sie war, sondern auch das berühmte 'Phantom der Oper' dem sämtliche Anschläge, aber auch Morde in der Oper zur Last gelegt werden. Christine offenbart Raoul ein schreckliches Geheimnis: Das Phantom sei ein von Geburt an, ein scheußlich entstellter Mann, mit einem Gesicht wie ein Totenkopf, ohne Nase. Er trägt eine Maske und versteckt sich in einem Kellerverlies der Oper, direkt an einem unterirdischen See. Er hasst die Menschen, liebe aber das Theater bzw. die Musik. Doch als Christine ihm die Maske herunterriß brachte er sie in seinem Zorn beinahe um. Doch dann besann er sich und verlangte von ihr, dass sie immer bei ihm bliebe und legte ihr seine wahnsinnige Liebe zu Füßen.

Aus Mitleid sei sie freiwillig bei ihm geblieben und auch immer wieder zurückgekehrt als er sie schließlich frei ließ, beteuert Christine dem entsetzten Raoul. Nun aber muß etwas geschehen sein, denn Christine verlangt plötzlich von Raoul, dass er sie entführt (wahrscheinlich verlangte Erik endlich eine Entscheidung von Christine).

Scheinbar fällt Christine die Entscheidung so schwer, dass sie Raoul nun bitten muß, sie eventuell auch gewaltsam zu entführen. Raoul ahnt Schlimmes, und möchte am liebsten auf der Stelle mit Christine durchbrennen, doch sie beharrt stur darauf, dass sie nicht gehen könne ohne noch einmal für Erik gesungen zu haben.

Die beiden ahnen nicht, dass Erik ihnen aufs Dach gefolgt ist und sie belauscht hat. Für ihn ist Christines Geständnis und ihr Vorhaben Hochverrat und er dreht völlig durch vor Wut. Während Raoul bereits die Flucht vorbereitet hat (vor der Oper warten Kutsche und schnelle Pferde), wird es mitten in der Vorstellung am nächsten Abend plötzlich dunkel auf der Bühne und Christine verschwindet abermals. Doch nun weiß Raoul zumindest ungefähr, wo sie sein könnte. Er bekommt sogar Hilfe: Ein geheimnisvoller Mann mit dunkler Hautfarbe und exotischem Aussehen, der ihm schon öfter in der Oper auffiel, behauptet Erik gut zu kennen und könne ihn zu dessen Versteck führen. Dieser Mann wird von allen nur 'Der Perser' genannt.  

Beide machen sich nun durch die Versenkungen im Kellergewölbe auf den Weg zu 'Eriks Haus am See', doch sie landen in einem unterirdischen Spiegelkabinett, das der Perser als Eriks spezielle Folterkammer erkennt. Sie sitzen in der Falle und können durch die Wand Erik und Christine reden hören. Erik droht Christine damit, die ganze Oper in die Luft zu sprengen, wenn sie ihn nicht heirate:

Dafür hat er extra zwei Schalter in Tierform auf dem Kaminsims installiert -  wenn Christine die Heuschrecke umdreht, heißt das 'Nein', sie macht  einen Satz und alles fliegt in die Luft. Wenn sie den Skorpion umdreht, heißt das 'Ja' und es kommt viel Wasser, um die Explosionsgefahr zu beseitigen.

Was soll die arme Christine machen, natürlich entscheidet sie sich am Ende für den Skorpion und der halbe unterirdische See scheint sich daraufhin in Eriks Spiegelkabinett zu ergießen und die beiden Gefangenen drohen jetzt nicht mehr zu ersticken, sondern zu ertrinken. Dann kommt, wie in einem Film eine Art Schnitt und der Perser erzählt die weiteren Gegebenheiten angeblich dem Autor später höchstpersönlich:

(Wer das Ende nicht wissen möchte, sollte den nächsten Abschnitt bis zu 'Meine Meinung' einfach überspringen...

 

 

Das Ende

Der Perser erwachte in einem fremden Raum, der altmodisch im 'Louis-Philippe-Stil' eingerichtet gewesen sei. Er sah auch den Vicomte irgendwo liegen, während sich Erik und Christine um die beiden beinahe Ertrunkenen kümmerten. Christine wirkte apathisch, sie sprach kein Wort und Erik nannte sie 'meine Frau'. Dann fiel der Perser wieder in tiefe Bewußtlosigkeit und erwachte erst wieder zu Hause in seinem eigenen Bett. Von seinem Diener Darius erfuhr er, dass Erik ihn nach Hause brachte, doch der Perser machte sich sogleich Sorgen um den Vicomte, und was aus Christine geworden war. Doch dann tauchte Erik angeblich höchstpersönlich bei ihm auf, und erklärte ihm, dass er das junge Paar freigelassen habe. Zunächst habe er den Vicomte in einen Kellerraum eingesperrt und als er, Erik zurück in die Wohnung am See kam, erwartete Christine ihn bereits und bot ihm ihre Stirn dar um sie zu küssen. Sie weinte und Erik weinte ebenfalls und dann küsste Christine ihm die Stirn - damit hatte er nicht gerechnet, das brachte ihn völlig aus der Fassung. Schließlich ließ er  Raoul wieder frei, damit er mit Christine die Kellergewölbe verlassen könnte. Zuvor aber mußte sie ihm versprechen, ihm den goldenen Ring zurückzubringen, sobald sie den Vicomte heiratet. Erst dann wolle Erik dem Perser als Zeichen seines baldigen Todes einige Briefe und Habseligkeiten von Christine zusenden, die sie ihm überlassen hatte. Der Perser solle dann eine Annonce in einer Pariser Zeitung schalten, etwa wie 'Erik ist tot', was er auch tat. Seitdem aber sind alle drei verschwunden - weder Christine noch Raoul waren seitdem auffindbar und ob Erik wirklich zu dem Zeitpunkt starb, bleibt ungewiß - zumindest hörten die seltsamen Vorfälle in der Oper auf...

 

Bei diesem seltsam offenen Ende, bleibt natürlich viel Raum für die Phantasie der Leser und Fans. Ob Gaston Leroux das beabsichtigte, oder ob er das Ende einfach nur noch einmal mehr geheimnisvoll gestalten wollte, bleibt unklar.

Man kann da natürlich reichlich viel hinein interpretieren - was nach außen hin eher wie eine Verzweiflungs-/und auch Mitleidstat von Christine aussieht, kann versteckt auch etwas ganz anderes bedeuten: Man weiß ja, dass das Buch in einer Zeit entstand, wo man Menschen wie Erik immer noch verachtete, deshalb schien es dem Autor vielleicht zu gewagt, das sich das junge hübsche Mädchen eventuell doch für 'das Ungeheuer' entschied, was sich ja auch bei den ersten Verfilmungen bestätigte, die obwohl viel später entstanden, auch noch ein eher brutales Ende haben mußten. Publikum und Filmemacher, wollten das Phantom am Ende 'besiegt' sehen. Gaston Leroux, hatte vielleicht sogar vor, es auch erst so zu gestalten, alles weist ja darauf hin, denn Eriks Art, Christine zu zwingen seine Frau zu werden, hat mit Liebe natürlich auch nicht viel zu tun. Man meint, dass es das jetzt war, und man ist schon fast enttäuscht, doch dann erzählt der Perser weiter und man staunt nicht schlecht, dass Christine angeblich noch einmal zu Erik zurückkehrte um ihm den Ring zu bringen... Das ist äußerst seltsam, und klingt irgendwie nach Ausrede oder Vorwand. Sie hätte ihm den Ring ja auch gleich da lassen können. Ob sie nun wirklich zurück kam, erfährt der Leser nicht, nur dass der Perser das Zeichen bekommt, Erik sei tot und die Annonce schalten konnte - vielleicht auch nur ein Vorwand? Wenn man tot geglaubt wird, verfolgt einen keiner mehr - und Christine, sowie Raoul waren plötzlich spurlos verschwunden. Dem Perser blieb nichts anderes übrig, als Erik zu glauben, dass er dem Paar nichts angetan habe. Das hat er sicher auch nicht und sollte da eine andere Entscheidung im Verborgenen gefallen sein, so gibt es der Autor nicht zu. Mit einem Augenzwinkern, dürfen wir Leser und Fans uns nun bis in alle Ewigkeit den Kopf zerbrechen was wirklich geschah... ;-)

 

Meine Meinung:

(Zum Buch, zur Legende, zur Oper)

 

Gaston Leroux hat die Geschichte so dargestellt, als habe sie wirklich stattgefunden, wobei er immer wieder in kleiner Schrift Texte einblendet, wer ihm was erzählt hat und woher er die angeblichen Fakten hat. Er benennt die Personen sogar mit Namen, egal ob Richter, Polizisten, Angestellte der Opera Garnier und am Ende habe er sogar mit dem geheimnisvollen 'Perser' gesprochen, der zum Zeitpunkt der Niederschrift noch lebte. Das bewirkt natürlich, dass Millionen von Lesern verwirrt sind und am Ende nicht mehr wissen was Wahrheit ist und was Phantasie. Wahrscheinlich ist der größte Teil der Geschichte Phantasie, beruhend auf wenigen wahren Begebenheiten, wie zum Beispiel seltsame Geräusche, die aus den Kellergewölben während der ersten Vorstellungen drangen, der Absturz eines Gegengewichtes des Kronleuchters, der aber erst 1896 stattfand, dessen Ursache man aber nie herausfand und der tatsächlich eine Concierge tötete.  Die berühmte Loge 5 gibt es  bis heute, mittlerweile mit einem entsprechenden Hinweis auf einem Messingschild an der Logentür: 'LOGE DU FANTÔME L'OPERA'. (Wahrscheinlich waren die Mitarbeiter der Oper schon genervt von den ständigen Nachfragen der Phantomfans, die die Oper hin und wieder aufsuchen...;-))

Angeblich sah man gleichfalls hin und wieder einen dunklen Schatten in den Korridoren der Oper, der schließlich schnell davonrannte. So entstand wohl die 'echte' Legende des Phantoms der Oper - denn mittlerweile weiß man ja, dass Legenden oft einen wahren Kern haben... Vielleicht hat sich dort damals jemand einen Spaß erlaubt und all' die 'Damen und Dämchen' wie Leroux es so gern ausdrückt, vom Corps de Ballett absichtlich erschreckt.

 

Kleine Anmerkung: Eriks Maske wird hier von Christine als 'eine Art schwarzes Viereck' beschrieben, die das gesamte Gesicht verdeckt, während das Phantom in allen anderen Adaptionen stets eine weisse Maske trägt, im Musical nur eine Halbmaske. Sein übriger Kleidungsstil, schwarzer Frack, Umhang und großer Hut, wurde durchgängig immer übernommen. 

Ausserdem tritt er in seiner Oper 'Der Triumph des Don Juan', hier auch nicht auf, sie wird, anders als im Musical, gar nicht aufgeführt. 

 

Der See unter der Oper existiert auch tatsächlich, allerdings nicht in der eher romantischen Vorstellung, die Leroux hier vermittelt. Als man beim Bau der Oper auf eine unterirdische Wasserader stieß, wurde unter der Oper ein  Auffangbecken sowie eine doppelte Grundmauer gebaut, die mit einem wasserfesten Stoff, 'Bitumen' gefüllt wurde. Trotzdem sickerte erneut immer wieder Wasser in dieses unterste Kellergewölbe der Oper, das regelmäßig abgepumpt werden muß. Der sogenannte unterirdische 'See' zieht sich in einer Art von Kanälen durch den Unterbau der Oper und ist nur durch zwei schmale Luken vom darüber liegenden Kellergeschoß zu erreichen. Ein Ufer, wie Leroux es beschreibt, gar mit einem Gittertor zur Rue Scribe hin, gibt es nicht. Gerne stellt man sich da natürlich eine maskierte, düstere Gestalt vor, die einsam in einem Kahn durch diese unheimliche Welt rudert. Man fragt sich allerdings, wo es an diesem feuchten Ort einen Unterschlupf geben könnte. Möglich wäre es schon irgendwo in den Kellergewölben, aber Leroux beschreibt ja extra, dass das Phantom jedesmal den See überqueren mußte, wenn es in seine Wohnung gelangen wollte...

(Heute dient der See unter anderem der Pariser Feuerwehr als Trainingsbecken für Taucheinsätze.)

Zudem haben die Kellerräume noch eine weitere, zu reale, gruselige Vergangenheit: Mitten in der Bauphase 1870/71 brach auch noch ein Krieg aus (Deutsch/Französisch), Paris wurde belagert und in dem unvollendeten Opernbau versteckten sich Aufständische, die Kommunarden. In den Kellerräumen soll gefoltert und gemordet worden sein, und man fand später tatsächlich Leichen dort. Auch ein Brand brach aus und hätte das Gebäude fast noch vor der Fertigstellung vernichtet - Charles Garniers Meisterwerk muß seinem Schöpfer zahlreiche schlaflose Nächte bereitet haben.

Doch schließlich konnte die Oper doch zuende gebaut werden und wurde schon 1875 eröffnet. Da die Ereignnisse um das Phantom laut Leroux in den 1880er Jahren stattgefunden haben müssen, war die Oper ja noch ein ziemlich neues Haus, doch so wie er es darstellt, wirkt es oft, als sei es schon ein uraltes Gemäuer, in dem so manche/r Angestellte/r sein Leben verbrachte.

Auch mit der Höhe übertreibt er maßlos, seiner Ansicht nach, hat die Oper 25 Stockwerke, davon 5 - 7 unterirdisch. Mit beiden Augen zu, kann man insgesamt vielleicht gerade 15 zusammenbekommen, und die Versenkungen unter der Bühne zählen ja eigentlich nicht als 'Stockwerke', da sie viel niedriger sind.

 

Zumindest hat ihn all das zu diesem trotzdem genialen Buch inspiriert und er wollte wahrscheinlich anfangs nur einen Schauerroman schreiben, der sich aber schließlich immer mehr zum Drama entwickelte. Jeder weiß natürlich, dass es keine Geister und Phantome gibt, deshalb wohl enttarnt er das geheimnisvolle Phantom am Ende als Mensch, um seiner Geschichte Realität zu verleihen. Und da sich kein normaler Mensch so verhält wie Erik, mußte er etwas Besonderes aus ihm machen: Er machte ihn so hässlich, dass es ihn dafür entschuldigt, sich unter der Erde verkrochen zu haben. Doch gleichzeitig ist Erik auch ein Genie. Erst auf einer der letzten Seiten, erzählt der Autor auf die Schnelle von Eriks abenteuerlichem Leben als Magier, Musiker und Architekt, seine Weltgewandtheit und dessen Taten.

 

Dem Leser bleibt das rätselhafte Phantom bis zur Hälfte des Buches auch zunächst verborgen. Mysteriöse und unerklärliche Dinge geschehen, erzählt in einem eher humorvollen Stil, so dass man oft über die Naivität der Protagonisten lächelt. Die Sängerin Christine Daaé verhält sich merkwürdig, ignoriert die Annäherungsversuche ihres Freundes aus Kindertagen, einen gutaussehenden, auch noch adligen und wahrscheinlich reichen jungen Mann, was die Welt nicht versteht. Doch dann offenbart sie schließlich ihr ganzes schreckliches Geheimnis und das Phantom ist mit einem Schlag enttarnt. Alles was vorher nur Gerüchte waren, ist nun Fakt: Das Phantom sieht aus wie eine lebende Leiche, ist gefährlich und dazu auch noch kein Geist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Wirklich nahe kommt man Erik in diesem Buch allerdings nicht, der Autor läßt stets andere über Erik erzählen. Zuerst Christine und später den Perser, der Erik aus dessen vorangegangenem Leben kennt und ihn in Paris wiedergetroffen hat. Dieser stellt hier wohl so eine Art Gegengewicht zu Erik dar - er scheint darüber zu wachen, dass das gefährliche, mörderische Phantom es nicht übertreibt. Es hat ja nun einen Aufpasser und wenn es sich nicht an die Regeln hält, dann ist der Perser bereit es zu verraten. Damit setzt der Autor dem Phantom also quasi eine Grenze, die dieses allein nicht einhalten könnte. Störend ist nur, dass der Perser sich oft 'Freund von Erik' nennt, diesen aber ebenso oft als 'Scheusal' bezeichnet. Selbst Christine bezeichnet Erik in ihrer Erzählung als 'Scheusal', hat aber auf der anderen Seite offensichtlich unglaubliches Mitleid und empfindet schließlich sogar eine Art von Liebe für Erik - zumindest reagiert sie ungehalten auf Raouls Frage: 'Was würdest Du tun wenn Erik schön wäre?'...

 

Wir Leser heute sind über das Wort 'Scheusal' natürlich besonders entsetzt - wie kann man einen entstellten Menschen so großspurig und selbstgerecht Scheusal nennen? Wäre er auch so genannt worden, wenn er ein normales Gesicht gehabt hätte? Selbst wenn sich dieses Wort eher auf seine Untaten bezieht, so glaube ich eher nicht. Aber dazu muß gesagt sein, dass hier ja eine andere Zeit herrschte - Mitleid für aus der Gesellschaft Ausgestoßene gab es nicht. Unvorstellbar, dass man heute noch einen entstellten Menschen in einem Käfig (oder sonstwie) ausstellen würde, ohne dass die Mehrheit entsetzt wäre über soviel Grausamkeit. Damals war man eher entsetzt über das 'Ausstellungsstück' selbst. Erik hatte also kein Mitleid von den Menschen zu erwarten. Er konnte nur durch sein Genie überzeugen, und das war ja bekanntlich vielseitig.

 

Trotzdem bleibt er in Leroux' Roman unnahbar. Eine Mischung aus Engel, Teufel, Genie und Psychopath. Wie würde man wohl selbst reagieren, wenn man mit ihm plötzlich in einem dunklen Keller allein wäre...?

Durch die vielen Filme und vor allem die romantisierenden Musicals von A.L.Webber und Kopit & Yeston, hat das Phantom natürlich sehr viel Sympathie gewonnen und von Leroux' ursprünglicher Gestalt ist kaum noch etwas übrig. Denn die muß eigentlich wirklich beängstigend gewesen sein: Schon die Andeutungen, die Leroux durch den Perser an den Leser weitergibt, dass Erik in seinem früheren Leben Folterkammern baute um eine gelangweilte Sultanin mit der qualvollen Ermordung unschuldiger Menschen zu unterhalten, läßt durchblicken, dass er entweder völlig gefühllos oder sadistisch war - oder es einfach tat, weil er selbst Angst um sein Leben hatte - doch da schien der Perser anderer Meinung zu sein. Zumindest scheint das Ganze auch nicht ganz spurlos an Erik vorbei gegangen zu sein, denn zeitweilig verhält er sich wie ein störrisches Kind, das von sich selbst oft nur in der dritten Person spricht. Also ein entstelltes, verkanntes Genie und völlig durchgeknallter Mörder (wenn man es einmal ganz unromantisch betrachtet) - da versteht man plötzlich Christines Panik, als sie sich zwischen Raoul und Erik entscheiden sollte.

Und dazu ist sie noch in gewisser Weise seltsam naiv (unglaublich dass eine Zwanzigjährige an eine Stimme im Kopf und so an den 'Engel der Musik' glaubt), so unschuldig, so fromm - eine junge Frau in einer schwierigen, ziemlich prüden Zeit. Eigentlich bewundernswert mutig (oder einfach nur dumm?), dass sie es wagte Erik die Maske herunterzureißen - ich hätte mich das wohl nie getraut... Doch irgendwie scheint sie seine Gefährlichkeit auch anzuziehen, zumindest verhält sie sich Raoul gegenüber eine ganze Zeit lang mit fast stolzer Geheimnistuerei (nach dem Motto: 'Ich weiß etwas was sonst niemand weiß...'). Und sie erwähnt vor Raoul ja auch immer wieder, dass Erik 'gefährlich' sei, sie müsse zu ihm zurück, weil sie sonst befürchte, dass etwas Schlimmes geschieht, z.B. dass Erik Raoul etwas antun könnte. Doch sie ist auch nicht bereit, mit Raoul sofort die Flucht zu ergreifen, was nur damit erklärt werden kann, dass sie eine Art Mitleid für Erik empfindet, das vielleicht schon nahe an Liebe grenzt.  Allerdings brechen Mitleid und vielleicht der mühsam von Erik aufgebaute Hauch von Liebe zusammen wie ein Kartenhaus, als er sie vor die Entscheidung stellt: Ich oder er! Da sie ihn von sich aus also nicht verlassen kann oder will, verlangt sie von Raoul sie zu entführen, auch wenn sie sich dagegen wehren sollte. Freiwillig bei Erik bleiben will sie aber auch nicht, denn zu verlockend ist auf der anderen Seite natürlich auch eine Zukunft an der Seite des schönen, reichen Vicomte, der sie ja gleichfalls über alles liebt.

 

Raoul derweil ist der wohlerzogene junge Mann aus adligem Haus, der allerdings nicht weniger unverschämte Besitzansprüche als Erik auf Christine erhebt. Ständig bedrängt er sie, spielt den Beleidigten und aktzeptiert nicht, dass es vielleicht an Christines Seite einen Anderen geben könnte. Er ist davon überzeugt, ohne Erik zunächst wirklich zu kennen, dass Christine von einem Scharlatan in den Bann gezogen wurde, und will sie für sich gewinnen - ebenso wie Erik, koste es was es wolle. Christine wird hier zwischen zwei Männern hin und her gerissen ohne sich wirklich entscheiden zu können und obwohl sie wahrscheinlich gerne noch eine Weile bei Erik geblieben wäre, hat dieser selbst es dann durch das Erzwingen der Entscheidung selbst zerstört.

 

Gaston Leroux übertreibt vielleicht oftmals in seiner Geschichte und nimmt es auch mit Zeiten, Hintergründen und Logik nicht so genau, doch man muß ihm zugute halten, dass er seinen Erik am Ende würdig erlöst. In den meisten Verfilmungen des Phantoms ist das leider immer anders - da stürmt ein wütender Mob Eriks Wohnung, jagt und tötet ihn schließlich.

Auch wenn sich Gaston Leroux bemühte am Ende alle Rätsel zu lösen, bleibt doch noch vieles ungeklärt und mysteriös und lässt viel Raum für die Phantasie der Fans (wir glauben fest daran, dass es Erik wirklich gab...). Aber wahrscheinlich hat er sich in seinen kühnsten Träumen auch nicht ausgemalt, dass er mit seinem 'Phantom der Oper' solch eine Lawine lostreten würde und dass seine Geschichte zu einer der berühmtesten der Welt werden würde.

 

Fazit:

 

Sehr, sehr empfehlenswert!!