Kleopatra

Margaret George

Roman

Originaltitel: 'The Memoirs of Cleopatra'

1278 Seiten

1998 Gustav Lübbe Verlag

Übersetzung

Rainer Schmidt

Zum Buch:

 

Es handelt sich hier um eine Romanbiografie über das gesamte Leben der berühmten letzten ägyptischen Königin. Erzählt wird aus der Sicht Kleopatras selbst, d.h. das Buch ist in der 'Ich-Form' verfaßt, statt Kapitel heißt es hier '1. Schriftrolle / 2. Schriftrolle' u.s.w. Es gibt zehn Schriftrollen, am Ende dann noch eine von Kleopatras Leibarzt und engstem Vertrauten 'Olympos' und ein Nachwort der Autorin Margaret George.

Im Groben kennt man ja die Geschichte um Kleopatra (69 - 30 v. Chr.) und ihre Beziehung zu den beiden berühmtesten Römern Gaius Julius Cäsar (100 - 44 v. Chr.) und Marcus Antonius (82 - 30 v. Chr.). Doch das ist ja meist auch schon alles, deshalb ist es interessant, hier einmal genauer hinter die Kulissen zu schauen. Margaret George hat sehr genau die historischen Hintergründe recheriert und wiedergegeben, Privates entstammt dann eher der Phantasie der Autorin - was aber natürlich auch unvermeidbar ist.

Allerdings hat man nach Lesen dieses dicken Buches auch ein völlig anderes Bild von Kleopatra, der ja gerne ein luxuriöser, exzessiver Lebensstil zugedacht wird. Hier wirkt sie eher besonnen, fast zu vernünftig, aber eine große und würdige letzte 'Pharaonin' Ägyptens, die ihrem von den Vorgängern heruntergewirtschafteten Land relativ schnell wieder zu Ansehen und Wohlstand verhilft. Doch der Macht der allübermächtigen Römer, kann selbst sie sich am Ende nicht mehr entgegenstellen. Was ihr noch bei Julius Cäsar und Marcus Antonius gelingt, ist bei deren Nachfolger 'Octavian' (63 v. - 14 n. Chr.) der später als 'Kaiser' Augustus bekannt wird unmöglich. Man weiß bis heute nicht wirklich, ob Kleopatra auch Octavian als (Ehe-) Partner in Betracht zog - in dieser Biografie zumindest nicht wirklich. Was wohl auch realistischer ist.

Warum Kleopatra und Antonius am Ende scheiterten und keinen anderen Ausweg mehr fanden als Selbstmord zu verüben, wird hier mehr als verständlich, auch wenn es einem immer noch sinnlos erscheint. Was für ein sinnloses Ende - und ganz schuldlos ist Kleopatra daran auch nicht. Zu groß wird am Ende ihr Wagemut und ihre Gier nach Macht, während Antonius an ihrer Seite scheinbar nur mitspielt um sich ihre Liebe zu sichern. Manchmal wirken sie eher wie 'Mutter und Sohn', so besonnen kommt Kleopatra daher, Antonius immer wieder zur Ordnung rufend, der am liebsten, wie es hier scheint, an ihrer Seite ein relativ ruhiges, wenn auch luxuriöses Leben geführt hätte. Am Ende scheint er zu schnell aufzugeben, seine Legionen desertieren eine nach der anderen und laufen zu Octavian über.

 

Auch die Sicht auf Octavian ist hier sehr interessant: Er hatte das Glück, dass Julius Cäsar ihn adoptierte und als Erben einsetzte, obwohl Cäsar ja mittlerweile einen Sohn von Kleopatra hatte 'Cäsarion'. Das gefiel Kleopatra natürlich überhaupt nicht und von da an war Octavian ihr erbittertster Feind. Dieser war zunächst eine unscheinbare Gestalt, körperlich nicht besonders groß (er trug Plateausandalen) und eher kränklich, geistig aber schien er seiner Umwelt weit überlegen. Auch wenn er Schlachten verlor und zunächst nicht gerade beliebt beim römischen Volk war, so hatte er doch den Vorteil in Rom vor Ort zu sein, während Antonius im fernen Ägypten weilte. Er teilte sich zwar die Machtbefugnisse mit Antonius und dieser eilte ihm auch immer wieder zu Hilfe, doch Octavian schlug seine Schlachten nicht nur mit Hilfe seines genialen Generals und Feldherrn Agrippa (63 - 12. v. Chr.), sondern ebenso und am liebsten im Intrigenspinnen in Rom, sorgte dafür, dass Antonius' und Kleopatras Ruf schlechter wurde und als Letztere schließlich noch römische Provinzen an ihren Nachwuchs vererbten (Kleopatra hatte außer dem Sohn von Cäsar noch drei weitere Kinder mit Antonius) war es aus mit der Freundschaft und eine bittere Feindschaft begann. Natürlich hielt das Volk nun immer mehr zu Octavian, der ja scheinbar dem gebeutelten Volk (es herrschte schon seit 100 Jahren Bürgerkrieg den Cäsar auf den Gipfel trieb, weshalb er auch ermordet wurde) endgültig Frieden zu bringen versprach. Klar, dass ein im Luxus lebender Antonius da keine Chancen mehr hatte. Obwohl seine und Kleopatras Armee und auch Flotte anfangs noch größer als Octavians war, so gelangen Antonius keine Siege mehr. Seine Armee schrumpfte zusammen und desertierte (wie oben schon benannt) und am Ende blieben ihm vier Legionen. Auch Kleopatras stolze Flotte schrumpfte stetig. Wie dem auch sei, das Ende ist wie bekannt, tragisch. Die Sache mit Kleopatras vorgetäuschtem Selbstmord ist inzwischen stark umstritten (sie hatte Antonius angeblich eine Nachricht von ihrem Tod schicken lassen, damit er sich umbringt und der Weg für sie zu Octavian frei sei) und wird in diesem Buch auch nicht erwähnt. In diesem Buch ist sie wie gesagt eher eine besonnene Königin, die niemals aus der Fassung gerät und Antonius wohl auch wirklich liebte. Wie könnte sie ihn derat verraten. Und auch wenn Octavian alles tat, um die beiden aus der Geschichte zu löschen (seine Chronisten wurden zensiert, Antonius' und Kleopatras sämtliche Statuen wurden zerstört - es gibt heute kaum noch ein Bildnis der beiden, nur verschwommen auf alten Münzen und einige Büsten) so sind sie doch noch heute genauso bekannt wie er und eigentlich das berühmteste Liebespaar aller Zeiten...

 

 

Meine Meinung:

 

Es ist das erste Buch, dass ich über Kleopatra gelesen habe und kann deshalb noch keine Vergleiche ziehen, aber es ist durchaus sehr lesenswert. Zuerst denkt man wie man um Himmels Willen diesen Wälzer durchbekommen soll, was gibt es nur alles zu schreiben über diese Königin?, - doch nur die ersten 90 Seiten beschreiben ihre Kindheit und Jugend, dann geht es bereits mit Julius Cäsar los (Kleopatra, die von ihren eigenen Geschwistern zunächst vom Thron verdrängt und ins Exil gezwungen wird, läßt sich tatsächlich in einer Teppichrolle versteckt zu Cäsar schmuggeln) und wird so interessant, dass man das Buch kaum noch weglegen kann.

Auch wenn es an manchen Stellen etwas zu poetisch, vielleicht auch sogar zu perfekt oder zu 'brav' ist, ist es sehr gut lesbar, ohne große Längen und äußerst informativ.

Eine Romanbiografie bezieht ja auch das Privatleben mit ein und deshalb wollte ich lieber so etwas lesen, statt einer eher trockenen 'echten' Biografie. Auch Schlachten umgeht die Autorin geschickt, oder beschreibt sie nur oberflächlich, aber die gehören hier ja auch nicht wirklich rein, hier geht es nur um Kleopatra und ihr Leben.  Am meisten interessiert natürlich ihre Affäre mit Marcus Antonius, diesem berühmten ehemaligen General von Cäsar und späteren Triumvirn zusammen mit Octavian und Lepidus.

Man spürt deutlich, dass die Autorin Cäsar, und erst recht Marcus Antonius ziemlich verehrt, während Octavian hier zum wahren Hassobjekt wird. Es gelingt ihr auch tatsächlich, dass man Octavian bzw. den späteren Augustus nun mit ganz anderen Augen sieht. Man fragt sich auch am Ende, warum es so tragisch enden mußte, aber man kommt zu keinem Ergebnis. Machtgierig waren sie alle irgendwie und Octavian brauchte Ägypten um mit dessen Reichtum seine Legionen zu bezahlen und Rom zu sanieren, was sich empörend anhört, doch auch Kleopatra griff nach allem, was sie glaubte besitzen zu können, am Ende verlor sie alles.

Antonius ist hier, wie gewohnt, der eigentliche Sympatieträger. Er strebte nie wirklich eigene Macht an, handelte immer nur für andere, entweder für Cäsar, für Octavian, für Rom und zuletzt natürlich für seine große Liebe Kleopatra. Obwohl er scheinbar ein äußerst lebenslustiger, gerechter und loyaler Mensch war, sieht er sich immer wieder dazu getrieben, irgendwelche Schlachten zu schlagen. Am Ende scheint er keine Lust mehr zu haben - will einfach nur leben, doch selbst das darf er dann nicht mehr. Eine  ergreifende Szene, ob nun erfunden oder wirklich passiert, spielte sich in einem griechischen Amphitheater ab, als er angetrunken die steilen Stufen hinunterstürzte und sich beinahe den Hals brach. Er hatte Glück, aber kleinlaut entschuldigte er sich bei Kleopatra für diesen Fehltritt, was deutllich machte, dass er irgendwo tief in seinem Innern immer noch eine Art Kind war. Beim römischen, wie auch ägyptischen Volk, war er anfangs sehr beliebt, wo er auch auftauchte, er wurde gefeiert - eine Art 'Kennedy' der Antike.

 

Der Autorin gelingt es hier, den Leser mühelos in eine andere Zeit und eine andere Welt zu versetzen. Und so wie sie diese beschreibt, scheint zumindest der Orient damals eine Art Paradies gewesen zu sein, was man ihr auch gerne abnimmt. Dieses Paradies endete dann mit der Herrschaft der Römer und dem Ende der letzten Königin. Heute kann man sich das kaum noch vorstellen, man sieht nur Ruinen der großartigen Bauwerke, wo grünes Land war ist heute Wüste, wo schöne, reiche Städte waren (z.B. Alexandria) ist heute zugebautes Betonchaos. Interessant ist hier auch die Erwähnung des Mausoleums von Alexander dem Großen (356 - 323 v. Chr.), von dessen bestem General Kleopatras Vorfahren angeblich abstammten. Sie war ja keine echte Ägypterin, sondern eigentlich Griechin. Alexanders Mumie wurde zu Zeiten Kleopatras in einem gläsernen Sarg ausgestellt und dort sogar von vielen berühmten Römern besucht, bzw. besichtigt. Doch so wie auch die Leichen oder Mumien von Kleopatra und Antonius (Antonius hatte per Testament erwirkt, dass er mit Kleopatra zusammen bestattet und nicht nach römischer Sitte verbrannt wurde, was gleichfalls in Rom Anstoß erregte) die angeblich in Kleopatras eigenem Mausoleum bestattet wurden, verschwand auch die  von Alexander in den vergangenen 2000 Jahren ohne jede Spur.

Also alles in allem, ein sehr lesenswertes Buch, wenn man sich für die benannten Personen oder die Geschichte allgemein interessiert. An einigen Stellen, fehlte es zwar ein wenig an mitreißender Leidenschaft, doch der Erzählstil der Autorin ist durchaus spannend. Der historische Hintergrund ist perfekt recherchiert und was noch fehlt, wird hier geschickt eingebaut oder ersetzt. Also eigentlich ein wahres Meisterwerk!!

 

 


Filmtipps:

 

Außer dem Monumentalepos aus den 60er Jahren mit Elizabeth Taylor und Richard Burton sowie noch ältere Adaptionen, gibt es zwei sehenswerte neuere Filmserien zur Entwicklung des römischen Reiches sowie Kleopatra:

 

-Die mehrteilige TV Serie 'ROM' (2 Staffeln von 2005 - 2007/ GB/USA) - historisch zwar nicht genau, aber trotzdem sehr unterhaltsam und  sehenswert.

 

-Der Spielfilm (auch als zweiteilige Miniserie ausgestrahlt) 'CLEOPATRA' (1999 D/USA) - nach dem Buch von Margaret George - moderner und authentischer als der Film mit E. Taylor von 1963 und ist insgesamt 177 Min. lang.

Filmszene aus 'ROM' (2007) ( mit Lyndsey Marshal (Cleopatra) & James Purfoy (Marcus Antonius)
Filmszene aus 'ROM' (2007) ( mit Lyndsey Marshal (Cleopatra) & James Purfoy (Marcus Antonius)
Filmszene aus 'CLEOPATRA' (1999)  mit Leonor Varela als Cleopatra
Filmszene aus 'CLEOPATRA' (1999) mit Leonor Varela als Cleopatra

Sterbeszene aus 'CLEOPATRA' - Cleopatra (Leonor Varela) und ihre beiden Dienerinnen Iras und Charmian - im Hintergrund sieht man den toten, in ein Tuch eingewickelten Marcus Antonius (Billy Zane) auf seinem Sarkophag liegen.