Johanna von Orleans

PAMELA MARCANTEL

Originaltitel: "An Army of Angels" 1997

Deutsche Übersetzung 1999 von Rainer Schmidt

 

Lübbe Verlag

 

799 Seiten, historischer Roman nach der wahren Lebensgeschichte über Jeanne d'Arc

 

 

Buchcover Johanna von Orleans
Buchcover Johanna von Orleans

Zum Buch:

 

'Die Jungfrau von Orléans' oder 'Jeanne d'Arc' kennt man eigentlich, bzw. man hat davon gehört...schließlich ist sie eine der berühmtesten historischen Personen, die je existierten. Man weiß zumindest (auch wenn man sich noch nie vorher genauer mit ihr befaßt hat, dass sie um '14hundertundsoviel' lebte, dass sie 'angeblich' Gottes Stimme hörte, die ihr befahl das Heer Frankreichs in den Krieg zu führen, gegen die englischen Belagerer, dass sie jung war, dass sie eine Ritterrüstung trug und dass sie am Ende verbrannt wurde (was heute kaum noch verständlich ist). Sie half dem französischen König (Charles VII.) auf den Thron und wurde 'zum Dank' auf den Scheiterhaufen gebracht? Man weiß auch, dass sie inzwischen heilig gesprochen wurde und in Frankreich als Nationalheldin verehrt wird.

 

Aufgrund zahlreicher erhaltener Aufzeichnungen des Prozesses um Jeanne d'Arc, kann man ihre Lebensgeschichte ziemlich genau nachvollziehen, aber dennoch bleiben viele Fragen und auch Lücken, die die Autorin hier gekonnt zu füllen weiß.

 

Jeanne hieß ja eigentlich 'Jhanette' wurde 1412 als Tochter der recht wohlhabenden Bauernfamilie Darc in Domrémy, einem Dorf in Lothringen (Lorraine) geboren und zwar mitten in den hundertjährigen Krieg hinein. Es war eine düstere Zeit, in der Frankreich noch in mehrere kleinere Herrschaftsgebiete zerteilt war. Eines davon war Burgund, ein besonders mächtiger und reicher Staat im Staate sozusagen und mit den Engländern verbündet, die eine französische Stadt nach der anderen belagerten und / oder eroberten. Ebenso gab es zahlreiche willkürliche Überfälle auf kleinere Orte und hilflos ausgelieferte Dörfer. Nicht nur Engländer (damals 'Goddons' genannt) nahmen daran teil, sondern auch ständig wachsende Truppen Heimatloser, Vertriebener und Räuberbanden, die die Gunst der Stunde nutzten um sich an der wehrlosen Bevölkerung zu bereichern. Wehrlos war auch der Dauphin Charles (in diesem Buch wird er Karl genannt) von Frankreich, eigentlicher Thronerbe, aber durch Verrat seiner eigenen Mutter noch immer nicht König. Ich will hier jetzt nicht zu ausschweifend werden, deshalb kurz: Jeanne (Jhanette) bekam von der ernsten Lage ihrer Heimat Frankreich schon in früher Kindheit reichlich mit:

 

Sie erlebte und überlebte Überfälle, mußte mit Familie fliehen und nach Rückkehr ein zerstörtes Dorf vorfinden. Immer wieder hörte sie von der schreienden Ungerechtigkeit, die dem Dauphin Karl, sowie dem französischen Volk wiederfuhr, und besonders prägte sich ihr der grenzenlose Hass auf die englischen Eroberer ein. 

 

Doch Jhanette blieb sich treu, sie war nicht nur lebenslustig und äußerst extrovertiert, sondern außergewöhnlich fromm. Da schien es kein Wunder zu sein, dass sie eines Tages 'göttliche Stimmen' vernahm.

 

Aber nicht nur das: Drei Heilige erschienen ihr sogar visuell, nämlich der 'heilige Michael sowie die Heiligen Katharina und Magarethe'. Sie war erst dreizehn, als es das erste Mal geschah und sie glaubte ihren Sinnen erst nicht, doch die Erscheinungen und Stimmen häuften sich, und aus anfänglichem guten Zureden, wurde schließlich ein Auftrag, nein ein Befehl' - ausgerechnet sie, Jhanette das Bauernmädchen, sollte Frankreich befreien und König Karl zur Krönung verhelfen. 

 

In diesem Buch wird die Geschichte so beschrieben, als habe sie die Stimmen tatsächlich gehört, bzw. als gäbe sie sie wirklich. Dass sie Visionen hatte, kann wohl kaum bezweifelt werden, denn wie sonst sollte ausgerechnet eine Frau, nein ein Mädchen, auf den Gedanken kommen, in ihrer frauenfeindlichen Zeit, dem tiefsten Mittelalter, in einer Zeit als man gerne kluge Frauen als Hexen verbrannte, sich zur obersten Heerführerin aufzuschwingen und in höchste Kreise des Königs aufzusteigen...?

 

Vielleicht war es ihre absolute Frömmigkeit, gepaart mit dem Hass auf die Eroberer und dem Zorn auf den tatenlosen, schwachen König, ebenso wie seine Berater... zumindest aber hatte sie zunächst Erfolg. Mit gerade mal 17 Jahren verließ sie heimlich ihr Elternhaus und zog aus um ihr Land zurückzuerobern.

 

Sie schaffte es tatsächlich, sich zum Dauphin vorzukämpfen, sagte Siege oder Niederlagen auf dem Schlachtfeld voraus und erkannte den König bzw. Dauphin, der sich bei ihrem ersten Besuch tarnte und zum Schein jemand anderen auf den Thron setzte um sie zu prüfen. Dies und noch viele andere 'Wunder' sind bis heute ein Rätsel.

 

Zwar läßt Dauphin Karl sie später noch mehrmals durch seine Berater und auch den Klerus prüfen (selbst ihre Jungfräulichkeit wird geprüft), aber er glaubt längst an sie und gibt ihr eine Armee, sowie eine Ausrüstung vom Feinsten. Jhanette wird schließlich zu 'Jehanne' und erlangt schon in weiten Teilen Frankreichs Ruhm, bevor sie auch nur einen Finger zur Errettung ihres Landes rühren kann. Die Langsamkeit und Unentschlossenheit des Dauphins und seiner Kriegsherren regt sie auf. Zunächst versucht man noch sie aus wichtigen kriegstechnischen Beratungen herauszuhalten, doch Jehanne läßt sich nicht abwimmeln. Sie hat zwar keine Ahnung von Kriegsführung, aber sie lernt schnell. Ihre 'Stimmen' treiben sie immer mehr zur Eile an, ein Jahr Zeit habe sie nur, um Frankreich zu befreien, beginnen muß sie mit der belagerten Stadt Orléans, die strategisch wichtig ist und wenn sie fallen würde, hätten die Engländer noch größere Macht in Frankreich errungen. 

 

Mit ihrer Euphorie, ihrem unvergleichlichen Mut und ihrem Optimismus (den sie ihren Stimmen verdankt) gelingt es Jehanne schnell, fast sämtliche Feldherren und Offiziere auf ihre Seite zu ziehen. Sie vertrauen ihr schließlich blind. Selbst ihre beiden Brüder Jehan und Pierre, folgen ihr.

 

Jehanne wird mitten im Kriegsgetümmel bewußt, dass sie töten muß um Frankreich zu retten, aber genau das will sie nicht. Sie bettelt die Engländer immer wieder an aufzugeben, da sie um deren (ja um deren) Leben fürchtet. Doch die verhöhnen sie nur, nennen sie Kuhmagd und Bauerndirne und Schlimmeres, was sie (die Engländer) dann ja wirklich einen hohen Preis kostet. Jehanne und 'ihrer Armee Gottes' wie sie ihre Soldaten nennt, gelingt es tatsächlich Orléans zu befreien und später auch noch einige andere belagerte kleinere Ortschaften. Selbst kämpfen muß Jehanne wohl eher nicht, ihre Aufgabe besteht hauptsächlich darin ihre Standarte hochzuhalten und die Armee anzuführen. Außerdem scheinen die Soldaten in ihr so eine Art 'Schutzheilige' zu sehen... (wenn sie dabei ist, kann uns nichts passieren)

 

Das Volk jubelt, der Dauphin ist begeistert und läßt sich nun auch brav mit seiner Jungfrau an der Seite in Reims zum König krönen. Doch in ihm schwelt längst leise Eifersucht auf seine Heldin, denn wo auch immer sie auftaucht, sie wird lauter bejubelt als er selbst. Jehanne will das nicht, ihr ist es selbst peinlich, dass das Volk sie fast schon wie eine Heilige verehrt. Doch ihre Stimmen nennen sie 'Tochter Gottes' und man sagt sich: 'Gut Gott hatte einen Sohn, warum jetzt nicht auch eine Tochter...??' Man will sie berühren, sie soll Kranke heilen - wenn sie durch die Menge reitet, streifen tausende von Händen ihre Rüstung, so dass Jehanne sich oft gezwungen sieht, Hintereingänge zu benutzen.

 

König Karl, aufgehetzt durch seine eifersüchtigen Berater Trémoilles und Erzbischof de Chartres, stattet Jehanne zwar luxuriös aus, befreit ihr Heimatdorf samt Nachbardorf von den Steuern, adelt sie und ihre Familie sogar (sie heißen nun du Lys - wie sich Jehanne selbst aber nie nennt, so dass aus ihrem Namen Darc, später d'Arc wurde), doch insgeheim geht sie ihm schon ziemlich auf die Nerven, mit ihrem ständigen Drängen weiterzumachen, jetzt noch Paris zu erobern. Außerdem fürchtet er sie und ihren eigenen Ruhm.

 

Jehanne derweil ruft immer wieder 'ihre Stimmen' zu Hilfe, doch sie antworten stets ausweichend und hinhaltend etwa wie: 'Du machst das schon meine Kleine' und 'warte noch, noch ein wenig Geduld' u.s.w., was Jehanne fast in den Wahnsinn treibt. Manchmal melden sich die Stimmen auch gar nicht und Jehanne beginnt zu zweifeln, doch für diese Zweifel bestraft sie sich sofort selbst: Unermüdlich läßt sie sich Messen lesen und beichtet und ist überzeugt, dass alles was schief läuft auf ihre Zweifel zurückzuführen ist. Sie lebt nur noch für ihre Aufgabe Frankreich zu retten, weiß nicht mehr, ob sie Mann oder Frau sein soll, obwohl sie alles Weibliche ablehnt. Beschrieben wird sie als eher androgyne Erscheinung, nicht sehr groß, eher zierlich, wenn auch von kräftigem Körperbau. Ihr langes schwarzes Haar hat sie längst zu einem Männerhaarschnitt gestutzt und ihre schwarzen Augen besitzen einen durchdringenden Blick, der keinen Widerspruch erlaubt. Ihre Rüstung legt sie nur ungern ab, am liebsten würde sie darin noch schlafen und ihrer großen Ausstrahlung kann sich am Ende niemand mehr entziehen. Obwohl sie ihren Soldaten verbietet zu fluchen und alle Huren aus dem Lager vertreibt, liebt man sie bedingungslos. Einige ihrer Offiziere sogar mehr als sie dürften, z.B. der Herzog 'd Alencon, den sie insgeheim 'ihren Herzog' nennt. Ihre Pagen streiten sich um ihre Gunst und der brutale Ritter 'La Hire' ist in ihrer Gegenwart zahm wie ein Lämmchen.

 

Zweimal wird sie in Schlachten schwer verwundet, doch jedesmal erhebt sie sich nach einer durchfieberten Nacht von ihrem Lager, scheucht ihre müde Armee aus dem Schlaf hoch und treibt sie an weiter zu machen. Das kann natürlich kein Mann auf sich sitzen lassen und sie machen weiter. Sie ist weder Mann noch Frau, sie ist einfach 'die Jungfrau Jehanne' so möchte sie genannt werden und so nennt sie sich selbst.

 

Filmszene ' Jeanne D'Arc'  (1999) mit Leelee Sobieski (c) Winklerfilm
Filmszene ' Jeanne D'Arc' (1999) mit Leelee Sobieski (c) Winklerfilm

Niemand ihrer Männer wagt es sie anzurühren, zu groß ist die Angst vor dem Zorn Gottes und wohl auch vor Jehanne selbst.

 

Doch sie wird von ihren Freunden auch gewarnt es langsamer angehen zu lassen. Einige ihrer Offiziere kennen den König und seinen labilen Charakter. Sie wissen, wenn Jehanne es zu weit treibt, dann kann es böse für sie enden. Als Jehanne dann endlich gegen Paris ziehen darf, erleidet sie eine bittere Niederlage - die Mauern um Paris sind zu hoch, die Gräben zu tief und das Volk dort steht mehr auf der Seite Burgunds und der Engländer. Sie muß den Rückzug antreten, ihre Stimmen schweigen.

 

Der König gibt ihr eine weitere Chance sich zu bewähren, er läßt sie gegen Compiègne marschieren, doch er setzt ihr einen seiner Berater, ausgerechnet den alten, verknöcherten Erzbischof de Chartres als Anführer vor die Nase. Jehanne ist wütend, denn der Erzbischof erteilt unsinnige Befehle, die kostbare Zeit kosten. Sie ahnt nicht, dass de Chartres ihr ärgster Feind ist und nichts anderes im Sinn hat, als sie in die Hände der Feinde geraten zu lassen. Und so geschieht es auch: Während ihre mittlerweile viel zu kleine Armee auf angebliche Verstärkung wartet, gerät sie in einen Hinterhalt und sie, sowie einige ihrer Offiziere, werden von den Burgundern gefangen genommen.

 

Der Herzog von Burgund, 'Philippe', hat vor, Jehanne entweder an die Franzosen, oder aber an die Engländer zu verkaufen. Da sich König Karl aber nicht rührt um Jehanne zu befreien, verkauft er sie an die Engländer. Zuvor mißlingen Jehanne zwei Fluchtversuche - einer davon kommt einem Selbstmordversuch gleich: Da sie sich im Schutz von Philippe's Tante frei im Schloss ihrer Gefangenschaft bewegen darf, stürzt sie sich eines Tages von einem der Türme, überlebt aber leicht verletzt.

 

Nach ihrer Auslieferung an die Engländer in Rouen, beginnt für Jehanne eine einjährige furchtbare Leidenszeit in Gefangenschaft, die sie nur übersteht, weil sie fest daran glaubt, dass Gott und ihre drei Heiligen sie retten werden. So schafft sie es auch den quälenden und immer wiederkehrenden Befragungen standzuhalten, ebenso ihrer menschenunwürdigen bzw. -verachtenden Unterbringung in einer Zelle mit ungehobelten Soldaten als Wächter. Allerschlimmste hygienische Zustände, die psychische und auch physische Gewalt, dazu Schlafentzug, Nahrungsentzug u.s.w. erreichen hier ein Maß, bei dem wir heutigen Menschen wohl schon längst aufgegeben hätten.

 

Der Mann der sich hier als Jehannes obersten Richter aufspielt, ist (wie kann es anders sein) ein Bischof, also wieder einmal ein Mann der Kirche. Und dieser Bischof Pierre Cauchon hasst Jehanne für ihre Vollkommenheit, er hasst sie, weil SIE die Stimme Gottes gehört hat und nicht ER, und weil er sie heimlich begehrt. Und das reicht natürlich für den Kirchenmann, den 'Mann der im Namen Gottes spricht' um Jehanne als Hexe anzuklagen. Er weiß, dass sie unschuldig ist und die meisten anderen um ihn herum auch - viele sind sogar gegen ihn, darunter sogar berühmte Inquisitoren, die Jehanne nicht auf den Scheiterhaufen bringen wollen, weil sie sie für unschuldig halten. Einige davon auch Mönche, die sich sogar heimlich in ihre Zelle schleichen um sie zu trösten, weil sie Mitleid haben, aber ihre Angst vor dem mächtigen Bischof größer ist.

 

Hinter dem Bischof stehen natürlich die Engländer (an der Spitze der Herzog von Bedford), die ihn drängen Jehanne zu verurteilen. Doch Cauchon hätte sie retten können, indem er sie in Kirchengewahrsam nehmen ließe, dann wäre Jehanne in ein Kloster gekommen und sicher. Doch dem Bischof war die eigene Karriere natürlich wichtiger und die sollte ihn zum Erzbischof machen, vielleicht sogar irgendwann zum Papst, wenn er die Jungfrau hinrichten ließe.

 

Jehanne glaubt noch immer an ihre Rettung, ihre Stimmen haben ihr 'einen großen Sieg' versprochen und sie denkt an eine heranmarschierende Armee. Deshalb kann sie den Befragungen standhalten und antwortet teilweise sogar recht keck wie z.B. zum Bischof: 'Ihr, der Ihr nie die Stimme Gottes hörtet, wagt es mich zu verurteilen? Ihr werdet dafür büßen müssen!', und: ' Noch ehe sieben Jahre vergehen, werden die Engländer eine Niederlage erleiden, die schlimmer ist als die bei Orléans!' Und damit sollte sie recht behalten, ein weiteres Rätsel, dass die Jungfrau von Orléans der Menschheit mit auf den Weg gab. 

 

Ihr Herzog d'Alencon, versuchte mittlerweile verzweifelt den König dazu zu bewegen, Jehanne freizukaufen, oder ihm zumindest Männer zu geben, um sie zu befreien. Doch der König weigerte sich, er habe kein Geld, meinte er. Hielt aber großzügige Bankette ab. Ob d'Alencon es auf eigene Faust versuchte, ist nicht bekannt, Fakt ist, dass kurz vor Jehanne's Hinrichtung ein Heer in der Normandie zurückgeschlagen wurde, doch ob es zu Jehannes Befreiung auf dem Weg nach Rouen war (das Heer das für Jehanne den 'großen Sieg' bringen sollte) oder um die Stadt bzw. das Herzogtum selbst zurückzuerobern, bleibt bis heute ungewiß. Anführer dieses Heeres waren allerdings einige alte Kameraden und Freunde von Jehanne wie La Hire, Poton de Xaintrailles und Gilles de Rais.

 

Cauchon kann die mittlerweile eingeschüchterte Jungfrau dazu bewegen ihre Aussagen zu widerrufen, um sie vor dem Scheiterhaufen zu retten, doch er hält sein Versprechen nicht, dass sie danach in ein Kloster kommt. Im Gegenteil, Jehanne kommt zurück in ihr altes Verließ, wird dort noch vergewaltigt und schließlich doch zum Scheiterhaufen verurteilt. Selbst bis sie diesen 'endlich besteigen' darf, vergehen noch Stunden, in denen sie sich lange Predigten anhören muß. 

 

Das Volk von Rouen ist aufgebracht. Im Gegenteil zu anderen Hinrichtungen, wollen sie diese hier nicht. Die Stimmung auf dem Marktplatz ist gefährlich und ein Aufstand liegt in der Luft, so dass Soldaten alle Hände voll zu tun haben für Ruhe zu sorgen. 

 

Am Ende, es ist der 30. Mai 1431, muß die arme Jehanne (sie ist 19 Jahre alt) dann doch den Scheiterhaufen besteigen und sogar ihr Henker bittet sie um Vergebung, da er den Zorn Gottes fürchtet. Jehanne gewährt es ihm. Sie läßt sich ein Kreuz bringen, dass man ihr die ganze Zeit so halten soll, dass sie es sieht, auch im Feuer noch. Sie hat nun Gottes Botschaft verstanden, sie muß erst durch die Hölle gehen, um dann geläutert an seiner Seite weilen zu dürfen, so hat er es mit Jesus gemacht und mit vielen anderen auch. Sie stellt sich zwar nicht mit Gottes Sohn auf eine Stufe, doch gewisse Ähnlichkeiten kommen einem in den Sinn. 

 

Die Autorin beschreibt sogar wie Jehannes 'Seele', ihr 'Ich' dem verbrannten Etwas entrinnt: 'Eine Hand packt sie im Genick und zieht sie in die Höhe'. Auf einmal ist sie frei von Schmerzen und sieht auf den Marktplatz herab. Die Menschen dort heulen und wimmern und klammern sich aneinander fest. Ein Soldat schaut zu ihr auf, bricht zusammen und schreit: 'Wir sind alle verdammt! Wir haben eine Heilige verbrannt!'

 

Dies soll wirklich so gewesen sein, er behauptete eine weiße Taube gesehen zu haben...

 

Dieser Moment ist so ergreifend, dass man, wenn man es noch zurückhalten konnte, jetzt selbst endgültig losheult und einfach nur froh ist, dass dieses ergreifende Buch endlich zu Ende ist und Jehanne es hinter sich hat.

 

Weitere Fakten die der Wirklichkeit entsprechen: Ihr Herz soll unversehrt geblieben sein, ihre Asche verstreute man in der Seine, um eine Pilgerstätte zu vermeiden, falls man sie begrub (wie voraussichtig).

 

Ihre Vorhersagen, dass Karl noch lange regiere (es wurden noch 30 Jahre) und die von Jehanne vorausgesagte große Niederlage der Engländer spätestens sieben Jahre später trafen zu (es waren sogar nur fünf, als die Franzosen Paris zurückeroberten). Burgund löste sein Bündnis mit England, schloß sich wieder Frankreich an und war an der Zurückeroberung mehr als stark beteiligt..allerdings sollte es noch 17 Jahre dauern, bis die letzte Schlacht im hundertjährigen Krieg geschlagen und die Engländer endgültig aus Frankreich vertrieben waren.

 

25 Jahre später, sorgte Jehannes Mutter dafür, dass sie rehabilitiert wurde. Aber erst im 20. Jahrhundert wurde sie zunächst seelig - und kurze Zeit später heiliggesprochen. Heute ist Jeanne d'Arc Frankreichs Nationalheldin.

 

Bischof Cauchon lebte noch zehn Jahre nach Jehannes Tod, doch er wurde nicht wie von Bedford versprochen zum Erzbischof befördert, erhielt aber als Trostpreis das Bistum Lisieux. Er lebte als reicher Mann und wurde nach seinem Tod (Herzinfarkt) in allen Ehren in der Kathedrale von Lisieux beerdigt. Nach Jehannes Rehabilitierung allerdings, exhumierte der aufgebrachte 'Pöbel' (so steht es geschrieben) seine Leiche, schändete sie und warf sie in die öffentliche Kloake. Durch Jehannes Verurteilung wollte er Ruhm erlangen, doch es wurde ein 'trauriger' Ruhm: Bischof Cauchon wurde zu einer der am meisten verachteten Gestalten der Geschichte, obendrein ist sein Name außerhalb Frankreichs kaum noch bekannt.

 

Die Autorin erzählt am Ende noch wie es allen beteiligten Personen (auch Jehannes Freunden) erging. Einigen unangemessen gut oder schlecht, aber es gab auch Übeltäter, Cauchons Helfershelfer z.B. - wie einen an Jehannes Urteil beteiligten Mönch, der bei Nacht und Nebel ermordet wurde und dessen Leiche man am nächsten Morgen in der Gosse fand, während ein anderer an der Lepra erkrankte und weitere spurlos verschwanden.

 

 

 

 

Filmszene 'Johanna von Orleans' (2000) mit Milla Jovovich (c) Columbia Pictures
Filmszene 'Johanna von Orleans' (2000) mit Milla Jovovich (c) Columbia Pictures

Meine Meinung zum Buch:

 

Wie schon gesagt, hat Pamela Marcantel hier alle Aufzeichnungen die es über Jeanne d'Arc gibt, perfekt in einem mitreißenden Roman verarbeitet. Es handelt sich hier nicht um eine trockene Dokumentation, sondern um eine sehr lebendige Erzählung über das kurze, aber intensive und fast abenteuerliche Leben der Jungfrau von Orléans. Der perfekt recherchierte Hintergrund, die Personen, die Sprache, die überzeugende Darstellung der mittelalterlichen Lebensweise, versetzt den Leser schnell mitten hinein in Jehannes Leben, und man lernt vor allem auch Seiten an Jeanne d'Arc kennen, die man ihr zuvor vielleicht nicht zugedacht hatte. Vielleicht glaubte man bisher, allein durch ihre 'Gottberufung' seien ihr erfahrene Kriegsherren blind gefolgt, viele mehr als doppelt so alt wie sie selbst, doch in diesem Buch wird klar, dass Jeanne vor allem durch ihre große Ausstrahlung, ihren unbedingten Willen, ihren unvergleichlichen Mut und natürlich auch durch ein nicht zu verachtendes Mundwerk, nicht zuletzt durch ihren außergewöhnlichen Scharfsinn und ihre Klugheit, schließlich jeden, auf ihre Seite ziehen konnte. Auch wenn sie die allgemeine Verehrung offiziell ablehnte, so schien sie es in gewisser Weise auch zu genießen, solchen Status erreicht zu haben. Sie war eine zeitlang die engste Beraterin des Königs, wurde mit allem ausgestattet, wovon viele Höflinge oder Offiziere um den König nur träumen konnten, und stürmte immerzu vorwärts. Ausruhen war nicht ihr Ding, sie wollte nicht ruhen, bevor nicht ganz Frankreich zurückerobert war, obwohl ihr ihre Stimmen auftrugen, nur Orléans zu befreien.

 

Zu spät begriff sie, dass sie eventuell zu viel gefordert hatte, dass sie nicht mehr auf 'ihre Stimmen' hörte und weiterstürmte im Erfolgs-und Ruhmestaumel. Die angenehmen Seiten des Lebens, die ihr ihre Erfolge nun eröffneten, waren für sie nur Nebensache, sie scheute nicht, sich weiter in die Schlacht zu stürzen, während ihre Armee sich lieber ausgeruht hätte.

 

Was 'ihre Stimmen' betrifft, so beschreibt die Autorin das so, als habe es tatsächlich Stimmen gegeben und das ist das größte Rätsel, was bis heute noch immer jeden, der sich mit Jeanne d'Arc befaßt, beschäftigt.

 

Das ist dann wohl eher eine Sache des Glaubens, denn sie war und ist ja nicht die Einzige auf der Welt, die 'göttliche Stimmen' hörte oder sogar visuelle 'Erscheinungen hatte. Vielleicht besaß sie tatsächlich so eine Art 'zweites Gesicht' da sie vieles vorhersagen konnte, und sie ahnte auch, dass sie ein schreckliches Ende erleiden würde, obwohl sie die Hoffnung auf eine Wendung der Dinge nie verlor. Trotzdem, und vielleicht gerade deshalb, machte sie immer weiter. Ein gewisser Wahnsinn oder Fanatismus haftete ihr natürlich auch an, denn ohne dem, hätte sie diese Leistung nicht vollbringen können. Sie muß sehr extrovertiert gewesen sein, denn auch Wutausbrüche konnte sie sich leisten, ohne von ihren Männern dafür verachtet worden zu sein. Irgendwo schienen alle in ihr auch immer die 'kleine, süße Jehanne' zu sehen, eine unglaubliche Person, der gestandene Kriegsherren fasziniert sogar bis in den Untergang gefolgt wären.Und da war ja auch immer die Frage, die sich später auch schlechten Gewissens ihre Richter stellten: 'Was, falls Gott tatsächlich zu ihr spricht?' Und da man im Mittelalter durchaus noch gläubiger war, als das heutzutage der Fall ist, aber auch damals schon so seine Zweifel hatte, so fürchtete man doch den Zorn Gottes und für den Zweifelsfall folgte man ihr lieber... Dass gewisse Kirchenleute es nicht taten, beweist nur wie tief deren Glauben wirklich war...

 

Dass Jehanne gelogen (wie die Kirche behauptete) und die ganze Welt an der Nase herumgeführt haben könnte, da sie sich im falschen Geschlecht geboren fühlte, bzw. ihr die Untätigkeit der Männerwelt auf die Nerven ging, um schließlich selbst zum Schwert greifen zu können, ist ihr gewiß nicht zuzutrauen. Mit Sicherheit hat sie Stimmen gehört und vielleicht auch Visionen gehabt, die Frage aber, ob die Stimmen von höherer Macht kamen oder einfach nur in ihrem eigenen Kopf entstanden (was wahrscheinlich am naheliegensten ist) bleibt. Es ist ja bekannt, dass andere Menschen, besonders gläubige Menschen Stimmen hören können oder Visionen haben oder hatten. Dann bleibt wieder die Frage: Sind wir, der Rest, einfach nur zu ungläubig, dass Gott zu uns je sprechen würde, oder sind jene Auserwählten so gläubig, dass sie sich derartiges einbilden? 

 

Die Autorin wirft diese Frage allerdings nicht auf, für sie sind Jehannes Stimmen durchaus echt, in dieser Hinsicht hielt sie sich streng an die Aufzeichnungen. Allerdings zeichnet sie doch ein Charakterbild der Jungfrau, dass beim Leser einiges klar werden läßt.

 

Am Ende wird das Buch so derart ergreifend, dass man sich fragt, wie man so etwas überhaupt niederschreiben kann. Auch wenn es noch einigermaßen human erzählt wird, so kann man sich die ganze Szenerie im Gefängnis und auch am Scheiterhaufen so dermaßen bildlich vorstellen, dass schon allein das Lesen zur 'Belastung' wird. 

 

Filmtipps: 

 

Verfilmt wurde die Geschichte um Jeanne d'Arc ja schon viele Male. Die neuesten bzw. letzten Verfilmungen stammen aus den Jahren 1999 und 2000. Erstere 'Jeanne d'Arc' mit LeeLee Sobieski in der Hauptrolle wirkt teilweise fast märchenhaft, Laufzeit 183 Min. und geht sehr ins Detail bzw. lehnt sich scheinbar sehr an dieses Buch an.

 

Die neuere Verfilmung 'Johanna von Orleans' mit Milla Jovovich von 2000, 152 Min. ist rasanter, archaischer und mit einem gewissen trockenen Humor an den passenden Stellen. Am Rande bemerkt tummeln sich in beiden Filmen viele bekannte Filmstars. Empfehlenswert sind beide Filme. :-)