ICH, HEINRICH VIII.


MARGARET GEORGE


Originaltitel:

'The Autobiography of Henry VIII. with Notes by his Fool Will Somers'

Biographischer Roman

1230 Seiten

1986

Deutsch 2007/ Lübbe-Verlag

Übersetzt von Rainer Schmidt



Zum Buch:

 

Margaret George läßt den eigentlich schreibfaulen englischen König Henry VIII. (1491 - 1547) hier ein eigenes Tagebuch führen, das nach dessen Tod in den Besitz seines Hofnarren und engsten Vetrauten Will Somers (Erfundene Person) übergeht, der diesem eigene Kommentare hinzufügt und es an Catherine Carey (wahrscheinliche illegetime Tochter von Heinrich und Mary Boleyn (Anne Boleyns ältere Schwester)) sendet.

 

So ist der Roman hauptsächlich in der Ich-Form geschrieben, was diesem, bis auf die Kommentare von Will, einen etwas einseitigen Charakter verleiht. Denn natürlich sieht sich Heinrich selbst nicht als das 'Ungeheuer' oder den 'Schlächter' wie ihn die Nachwelt sieht, sondern eher als Opfer, der stets von Verrat bedroht, immer nur England zu retten und zu erhalten, als seine größte und einzige Aufgabe ansah.

 

Als Kind litt er darunter stets nur als Zweitgeborener, den man kaum beachtete, gesehen zu werden. Sein Vater Heinrich VII. plante bereits eine Karriere in der Kirche für ihn und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf seinen Erben und Heinrichs älteren Bruder Arthur. Doch dieser starb kurz nach der Hochzeit mit der spanischen Prinzessin Katharina von Aragon. Zu diesem Zeitpunkt war Arthur 15 und Heinrich gerade 10 Jahre alt. Nun war Heinrich plötzlich Thronfolger und wurde in aller Eile darauf vorbereitet.

 

Schon 7 Jahre später war er mit 17 König, nachdem sein Vater nach längerer Krankheit im Alter von nur 52 Jahren starb. Heinrich konnte nicht um seinen Vater trauern, von dem er sich nie geliebt oder anerkannt fühlte, selbst nach Arthurs Tod, so dass er schon bald begann, Regierung und Palast seines Vaters völlig neu zu gestalten. Da Heinrich VII. für seinen Geiz bekannt war (seine Kinder trugen ihre Kleidung solange bis sie auseinander fiel und seine Schlösser waren düster und kalt), hinterließ er ein gewaltiges Vermögen, das er in seiner Regierungszeit angespart hatte und das seinem Sohn Heinrich VIII. nun gerade recht kam...

 

Der junge König besaß genug Selbstbewußtsein, um sich nicht von den ehemaligen Beratern seines Vaters unterkriegen zu lassen. Wer ihm nicht passte, der wurde entlassen. Das Volk feierte und liebte seinen neuen König zunächst, denn Heinrich wußte sich zu inszenieren: Er staffierte sich aus wie ein Märchenkönig, gestaltete seine Schlösser um und baute auch zahlreiche neue - er heiratete die Witwe seines verstorbenen Bruders Arthur, Katharina von Aragon, die zwar 6 Jahre älter als er war, doch die er schon immer heimlich geliebt hatte. Zudem war er als junger Mann eine imposante Erscheinung, mit fast 1,90 m Körpergröße für seine Zeit ungewöhnlich groß und außerdem schlank und durchtrainiert (also ganz anders, als man ihn von den meisten Bildern her kennt, die erst in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit angefertigt wurden und da hatte er die 40 schon überschritten und war doppelt so schwer). Er liebte die Jagd und beteiligte sich furchtlos an zahlreichen Turnieren (teilweise anonym, da er nicht als König erkannt werden wollte und jeder Gegner ihn daher schonen würde). Allerdings verunglückte er einmal schwer, zog sich beim Sturz vom Pferd eine Gehirnerschütterung zu und lag zwei Stunden im Koma - außerdem eine Beinwunde, die nie mehr wirklich verheilen sollte, die hier aber eher immer als eine Art Geschwür beschrieben wird, das mal verschwand, mal so schlimm wurde dass er kaum laufen konnte, das er aber fast bis kurz vor seinem Tod verheimlichte.

Aber Heinrich war von starker Statur, überstand Pocken und Malaria, sowie die mittelalterlichen medizinischen Behandlungen.

 

Er feierte gerne Maskenbälle, aß und trank im Übermaß, blieb aber die ersten 20 Jahre als König schlank, da er viel Sport trieb - außer Jagen und Tjosten liebte er außerdem Fechten und Tennis. Er gründete den bis heute berühmten Tennisclub 'Hampton Court'.

 

Zwischenzeitlich führte er Kriege, z.B. gegen seinen ständigen Erzfeind Frankreich und natürlich Schottland.

 

Viele Jahre war er auch mit seiner Ehefrau Katharina von Aragon glücklich, auch wenn aus ihrer Ehe nur eine einzige Tochter hervorging - Maria, später als Königin auch 'Bloody Mary' genannt. In diesem Buch aber ist sie noch die geliebte, liebreizende Prinzessin und Tochter des Königs. Obwohl Katharina wohl um die 8mal schwanger war, überlebte außer Maria kein einziges der legitimen Kinder von ihr und Heinrich. Ein Sohn (Heinrich) wurde nur 52 Tage alt, alle anderen Kinder verlor sie entweder, oder sie wurden tot geboren. Ihr letztes Kind, wieder ein Mädchen, hatte schwere Entstellungen im Gesicht und starb gleichfalls kurz nach der Geburt. Dies nun, sollte Heinrichs Trauma werden, denn er glaubte schließlich er sei verflucht, oder aus irgendeinem Grund von Gott gestraft. Allerdings hatte er mit einigen Mätressen Kinder, wie z.B. mit 'Bessie Blount' einen hübschen und klugen Sohn (Henry Fitzroy 1. Duke of Richmont and Somerset), den er auch anerkannte und sogar zum Herzog erhob, der aber zu seinem Leidwesen nie den Thron erben konnte (und der schließlich zu Heinrichs Entsetzen im Alter von 17 Jahren starb). Außerdem wahrscheinlich mit Mary Boleyn, der Schwester seiner zweiten Ehefrau Anne Boleyn, eine Tochter und einen Sohn (Catherine und Henry Carey), die er aber nicht anerkannte, bzw. geheim hielt, wohl um die Kinder zu schützen und sie von Marys späterem Ehegatten Sir William Carey anerkennen bzw. 'adoptieren' ließ.

 

Heinrich begegnete schließlich der jungen, selbstbewußten Anne Boleyn, deren Familie niederem Landadel angehörte, die aber bereits anderweitig verlobt war. Der König wollte sie zunächst als Mätresse am Hof haben und ließ deren Verlobung prompt von seinem engsten Berater Bischof Wolsey auflösen; Es fällt vermehrt auf, dass Heinrich es vermied, sich 'die Hände selbst schmutzig zu machen' - unangenehme Aufgaben ließ er stets von seinen engsten Vertrauten erledigen, die hier aber keinesfalls versagen durften. So auch in der Angelegenheit 'Anne Boleyn'. Die junge, attraktive Hofdame der Königin, wollte nämlich auf keinen Fall Mätresse werden - sie befürchtete, dass sie wie so viele vor ihr, irgendwann dem König überdrüssig sein und fallen gelassen werde - sie wollte entweder alles, nämlich gleich Ehefrau und Königin werden, oder gar nichts und verweigerte sich Heinrich prompt (hätte sie geahnt, was es für sie bringen würde Königin an Heinrichs Seite zu sein, sie hätte es sich vielleicht doch anders überlegt....). Ob es Mut war, oder ob sie von ihrer Familie dazu getrieben wurde, weiß man bis heute nicht wirklich, hier schreibt es die Autorin eher Annes Charakterstärke zu.

 

Der König wollte nicht auf Anne verzichten, schrieb ihr sogar heiße Liebesbriefe, schickte ihr teure Geschenke und versuchte derweil die Ehe mit Katharina zu annullieren, denn in der Bibel hatte er eine Stelle gefunden, die angeblich verbot, die Frau bzw. Witwe des Bruders zu heiraten. Und da er mit Katharina keinen männlichen Erben zeugen konnte, (mittlerweile konnte Katharina gar keine Kinder mehr bekommen, da sie zu 'alt' dafür geworden war), glaubte Heinrich der Fluch Gottes laste auf ihm. Deshalb setzte er alle Hebel in Bewegung, um seine Ehe vom Papst für ungültig erklären zu lassen. Das Volk war ebenso entsetzt wie der Papst, denn es liebte die gutmütige und großzügige Königin, die sich immer wieder unter die Armen begab um Almosen zu verteilen. Selbst Heinrich schien sie irgendwo immer noch zu lieben, denn er verbot jegliche abfällige Bemerkungen über die Königin von Seiten Anne Boleyns.

 

Der Papst weigerte sich die Ehe zu annullieren, denn der deutsche Kaiser des heiligen römischen Reiches Karl V., Neffe der Königin, drohte mit Krieg und Sanktionen, und dieser war stärker als Heinrich, der dem Papst das Gleiche androhte. Man muß dazu sagen, dass England im damaligen Europa noch eher als 'Land der Barbaren' unter den Königshäusern galt und fast mit allen im Streit lag.

 

Heinrich blieb standhaft, jahrelang kämpfte er um die Trennung von Katharina, die ihrerseits standhaft blieb, sich weiterhin als die einzige von Gott gewollte Königin von England sah und ihre Anhänger um sich sammelte. Das brachte mit sich, dass Heinrich sie schließlich hasste, sie ihrer Königinnenwürde- und Titel beraubte und sie in ein düsteres Schloss verbannte, wo sie kurze Zeit später wahrscheinlich an Krebs starb. Gleichzeitig übernahm er die Rolle des Kirchenoberhauptes in England selbst und gründete die anglikanische Kirche, ein Mittelding zwischen katholisch und protestantisch. Von da an, wurde nur noch diese Religion zugelassen - wer sich nicht daran hielt, wurde hingerichtet. (Was Heinrich hier in seinem Tagebuch natürlich eher gemäßigt darstellt) 'Sind ja alle selbst schuld, warum hören sie nicht einfach auf mich...?!' Zu seinen Opfern zählte auch sein ehemaliger Lordkanzler und bester Freund Thomas More, der sich trotz Heinrichs persönlich an ihn gerichteter Vorwarnung weigerte, den König als Oberhaupt der Kirche und Anne Boleyn als Königin anzuerkennen.

 

Außerdem ließ er hunderte von Klöstern, ob schuldig oder nicht, als Lasterhöhlen erklären, plünderte sie aus und brannte sie nieder. Die Mönche wurden verjagt, oder hingerichtet, wenn sie auch nur einen Hauch von Widerstand leisteten. Man kann sich das Elend vorstellen, wie tausende von Mönchen heimatlos durch England irrten und verzweifelt versuchten zu überleben. Die meisten hatten ihr ganzes Leben im Kloster verbracht und waren plötzlich ohne schützendes Dach über dem Kopf, ohne alles. Mit dem Vermögen das er den Klöstern raubte, sanierte Heinrich sein inzwischen an den Rand der Pleite gebrachtes England kurzzeitig - langfristig ist die Vernichtung der uralten Klöster aber ein nie wieder gut zu machender Schaden, der bis heute an England nagt. 

Doch auch dies fällt auf in dieser 'Biographie': Heinrich empfindet nicht einen Moment lang Zweifel oder Reue an seinem Treiben, schuld sind immer andere und was er entscheidet, das ist das einzig Wahre. Er kann schließlich endlich Anne Boleyn heiraten und sie zu seiner Königin machen, doch während ihrer Krönungsfeierlichkeiten wird sie vom Volk abgelehnt und ausgebuht. Sie gilt als macht- und raffgierig und dem König wird vorgeworfen, dass ihm - Zitat: 'Sein Schwanz die Sicht verstellt', wovon er durchaus wußte, was er aber nicht verfolgte und auch nicht änderte, weil er es wohl nicht ändern konnte.

Doch auch Anne Boleyn schenkte ihm nicht den erhofften Thronerben. Sie wurde zwar schon bald nach der Hochzeit schwanger, doch ihr erstes Kind war ein Mädchen. Heinrich weigerte sich sogar an dessen Taufe teilzunehmen - die Prinzessin erhielt den Namen 'Elizabeth' und niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass die verschmähte kleine Tochter Heinrichs einst zu Englands größter Königin (Elizabeth I.) werden wird und dieses zu dem Weltreich erhebt, von dem Heinrich stets träumte.

Anne Boleyn behauptete bald, wieder schwanger zu sein, doch es handelte sich um eine Scheinschwangerschaft, wahrscheinlich herbeigeführt aus der Verzweiflung, ihrem Eheman endlich den ersehnten Thronerben zu schenken. Bis heute weiß man nicht sicher, ob sie nur behauptete schwanger zu sein und es nicht war, oder ob sie eine Fehlgeburt erlitt. Zumindest muß sie da schon gemerkt haben, dass ihr Stern am Hof bereits sank und ihr das Königinnendasein keinen Schutz bot. Heinrich fädelte hinter ihrem Rücken bereits Intrigen ein, um sie los zu werden. Da eine Scheidung nicht in Frage kam, da er sonst Katharina als Königin und Ehefrau und Maria als Thronerbin wieder anerkennen hätte müssen, gab es nur einen Weg:

 

In seinem Tagebuch fängt er an sie als Hexe zu bezeichnen, die ihn und alle seine Lieben (plötzlich auch Katharina, seine einst geliebte Frau, verhexte und dass diese deshalb starb). Er beauftragte seine engsten Vertrauten, darunter auch Thomas Cromwell, den neuen Lordkanzler, irgendetwas zu finden, um Anne loszuwerden. Anne gelang es nocheinmal den König während einer ihrer ausgefallenen Maskenbälle zu verführen und erneut schwanger zu werden und hatte sich damit eine Schonzeit erkämpft. Doch der Gottesfluch will nicht von Heinrich und seinen Frauen weichen - sie erleidet eine Totgeburt, das Kind war ein Junge.

 

Somit ist ihr Schicksal entschieden. Da sie sich immer gerne mit jungen Männern, z.B. Kammerdienern, Rittern und Musikern umgab, werden fünf von ihnen, einer davon sogar Heinrichs persönlicher Kammerdiener, aus heiterem Himmel beschuldigt, mit Anne ein Verhältnis gehabt zu haben. Darunter auch ihr Bruder George (der angeblich eine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester hatte), den der König einst liebte und förderte. Wahrscheinlich waren sie allesamt unschuldig, wurden aber durch Folter zu Geständnissen gezwungen und schließlich hingerichtet. Wieder empfand der König keinerlei schlechtes Gewissen, sondern tröstete sich damit, dass er ja verhext worden sei. Zudem hatte er sich längst schon wieder, zum Mißfallen, aber auch zur Heiterkeit des Hofes, in die nächste Kandidatin verliebt, in die eher schlichte und fromme Jane Seymour, die allerdings einer Familie echten alten englischen Adels entstammte und nicht wie ihre Vorgängerinnen, aus Spanien oder gar Frankreich.

Heinrich entledigte sich Anne Boleyns indem er ihr den Kopf abschlagen ließ, und heiratet schon kurze Zeit später Jane Seymour, die allerdings unter dem Verdacht stand protestantisch zu sein, was Heinrich ja stark verfolgen ließ. Für die falsche Religion und weil er ihn schließlich für einen Verschwörer hielt, mußte auch Thomas Cromwell bald sein Leben auf dem Schafott lassen.

 

Jane Seymour gebar Heinrich 1537 endlich den ersehnten Thronerben, der die ersten Monate seines Lebens wohlbehalten überstand und sogar im Alter von 10 Jahren als Edward VI. König von England werden sollte (allerdings nur für 6 Jahre, dann starb auch er wahrscheinlich an Tuberkulose, eine damals weit verbreitete Krankheit). Zumindest sollte Heinrich das nicht mehr erleben.

Er hatte zwar jetzt einen Sohn, doch seine geliebte Jane starb zwei Wochen nach der Geburt im Kindbett. Um sie trauerte er lange und wirklich und wollte auch eigentlich gar keine Frau mehr. Doch seine Berater drängten ihn, erneut eine Ehefrau zu suchen, da England eine Königin und weitere Erben benötigte.

1540 fädelte Cromwell die Ehe mit der Deutschen Anna von Kleve ein. Der Maler Hans Holbein malte die 'Schwanenprinzessin' wohl zu vorteilhaft, denn Heinrich träumte Tag und Nacht von ihr, um schließlich umso mehr enttäuscht zu sein, denn er fand sie häßlich. Holbein hatte offensichtlich vergessen die unansehnlichen Pockennarben die sie 'entstellten' mit in sein Porträt einzubeziehen. Doch Heinrich konnte sich nicht mehr aus dem Eheversprechen herauswinden, und heiratete sie schließlich - außerdem war er selbst auch nicht mehr gerade das, was sich eine Prinzessin von einem 'Märchenkönig' erträumte. Zu dem Zeitpunkt hatte er bereits stark zugenommen, hinkte aufgrund seines Beingeschwüres und wurde langsam kahlköpfig. Amüsant beschreibt die Autorin, bzw. er selbst hier die Hochzeitsnacht der beiden, sie lachten sich gegenseitig aus, wegen ihrer körperlichen Unzulänglichkeiten (Anna soll außerdem angeblich einen schlaffen Busen und Bauch 'wie eine alte Frau'  besessen haben, dabei war sie erst 24, als sie Heinrich heiratete). Es ging aber nicht, Heinrich der zwischenzeitlich an Impotenz litt, konnte hier nun gar nicht... und König und Königin lebten ungefähr ein halbes Jahr in stillem Einvernehmen, platonisch und mit gegenseitigem Respekt, mit - und nebeneinander her. Anna von Kleve aber war eine hochintelligente Frau, die sogar selbst komplizierte Rechenspiele ersann, um den König zu unterhalten, wofür er sie sehr bewunderte. Heinrich liebte sie schließlich eher wie eine Schwester und nannte sie auch schließlich so. Außerdem lobte er sie mit den Worten, dass er sie, wenn sie ein Mann wäre, wohl als Minister oder Lordkanzler an seinem Hof anstellen würde.

 

Dann begegnete Heinrich der jungen Catherine Howard, einer Cousine von Anne Boleyn, und inzwischen Hofdame der neuen Königin Anna von Kleve und verliebte sich Hals über Kopf erneut. Er fackelte nicht lange und fragte die wahrscheinlich noch nicht mal 20jährige, ob sie seine Frau werden wolle. Zwar warnte man den König, denn Catherine stammte aus einer Familie mit zweifelhaften Ruf, und war bei einer Tante 'Agnes Tilney' die Witwe des 2. Herzogs von Norfolk aufgewachsen. Diese Herzogswitwe allerdings, beherbergte allerhand junge elternlose Menschen beiderlei Geschlechts in ihrem großen Haushalt und dort soll es nicht immer 'züchtig' zugegangen sein. Die Ehe fädelte, wie wahrscheinlich schon bei Anne Boleyn, ihr Onkel Thomas Howard 3. Herzog von Norfolk ein (er landete später gleichfalls wegen Hochverrats auf dem Schafott) und wahrscheinlich war Catherine schon keine Jungfrau mehr, als sie Heinrich heiratete, was damals gleichfalls einem Hochverrat gleichkam. Natürlich fühlte sich das junge Mädchen wie im 7. Himmel und Heinrich scheint sie sehr geliebt zu haben, obwohl sie ihm ihre Liebe wohl nur vorspielte.

Anna von Kleve bekam Besuch von Thomas Cranmer, dem Nachfolger von Thomas Cromwell, mit einem Brief Heinrichs, (wieder war er zu feige sein Anliegen selbst mitzuteilen), in dem sie einer Scheidung zustimmen sollte. Außerdem wollte ihr Heinrich zur Belohnung zwei prachtvolle Schlösser schenken, ihr lebenslang eine Apanage zahlen und sie dürfe sich wiederverheiraten. Außerdem solle sie seine liebe 'Schwester' bleiben, die er gerne hin und wieder besuchen wolle um mit ihr hochtrabende Gespräche zu führen, es sei denn, sie wolle England verlassen...

Anna von Kleve wußte ja nun, was mit Heinrichs (Ex) Ehefrauen geschah, wenn sie nicht spurten und unterschrieb für Heinrichs Geschmack fast zu freudig. England wollte sie keinesfalls verlassen, warum auch, wo es ihr hier von nun an doch so gut gehen sollte, was war da schon das düstere Elternhaus daheim im noch düstereren Deutschland - also blieb sie, auch wenn ihr Heinrichs Tochter Maria später nach dessen Tod, ein Schloss wieder wegnehmen sollte, aber sie heiratete nicht mehr und überlebte Heinrich ohnehin nur um wenige Jahre.

Noch am gleichen Tag, als Thomas Cromwell hingerichtet wurde, heiratete Heinrich Catherine Howard. Die Ehe blieb kinderlos, was in dieser Biographie damit erklärt wird, dass sie sich schon als junges Mädchen einen Kieselstein in die Gebärmutter einsetzen ließ um nicht ungewollt schwanger zu werden. Dieser kam während der Ehe mit Heinrich zum Vorschein, doch der vor Liebe blinde König ahnte nichts Böses, sondern suchte die Schuldigen in ihrer verdorbenen Familie, die ihr das antaten.

 

Zwei Jahre ging das gut, bis Heinrich eines nachts vor Catherines verschlossener Schlafzimmertür stand (hinter der sie es mit seinem Kammerdiener Thomas Culpepper trieb) und immer noch nicht ahnte, dass seine junge lebhafte Frau ihn nach Strich und Faden betrog. Erst seine eifersüchtigen Höflinge deckten schließlich die Äffären der Königin vor und nach ihrer Ehe mit Heinrich auf. Was bei Anne Boleyn wahrscheinlich nur erfunden worden war, um sie loszuwerden, schien sich bei Catherine nun auf grausame Weise zu bewahrheiten. Wieder waren es mehrere  Männer die beschuldigt wurden (und die wohl tatsächlich mit der Königin eine Affäre hatten), und wieder war ein enger Kammerdiener Heinrichs dabei, sowie sogar eine Frau, Lady Rochester, einst die Frau von Anne Boleyns Bruder George, die diesen damals aus Eifersucht (da er wahrscheinlich homosexuell war und nicht mit seiner Frau schlafen wollte oder konnte) schwer belastete, diesmal aber vor der Schlafzimmertür der Königin Wache hielt und von Heinrich selbst ertappt wurde. Noch vor ihrer Hinrichtung gestand sie, dass sie Anne Boleyn und deren Bruder einst fälschlich beschuldigt und belastet habe, dass deren Tod ihre Schuld sei und sie nun ihre Strafe hinnehme.

 

Schweren Herzens mußte sich Heinrich auch von Catherine trennen, sie wurde des Hochverrats angeklagt und samt ihrer Liebhaber und Freundin hingerichtet.

Heinrich litt nach den Hinrichtungen unter Wahnvorstellungen und hatte Visionen und Albträume. Nachts sah er nicht nur Catherines Geist schreiend durch seine Gemächer wandeln, sondern um sein Bett gruppierten sich die einst von ihm ermordeten Mönche, auch Thomas More tauchte mit dem Kopf unterm Arm hin und wieder auf. Seine Wahnvorstellungen waren so real, dass er Wachen vor seiner Schlafzimmertür aufstellen ließ, die außer ihm, natürlich nichts sahen. Aus Angst um ihr Leben, gaben sie schließlich zu, die Geister gleichfalls gesehen  und vertrieben zu haben und erst da beruhigte sich der König langsam. Doch seine Wahnvorstellungen kehrten immer wieder zurück: Unverhofft sah er bei Maskenbällen überall Blut hervorquellen, der Hofstaat verwandelte sich in eine Gesellschaft aus Dämonen, mit Krallen statt Händen und glühenden Augen im Kopf, und aus allen Speisen die rot waren, quoll Blut, so dass Heinrich schließlich rote Speisen verbot.

Einzige trostspendende Person an Heinrichs Seite war nun die zweimal verwitwete Catherine Parr. Sie führte Heinrichs Familie wieder zusammen, kümmerte sich um die Töchter Maria und Elizabeth und war dem kleinen Edward eine Ersatzmutter. Obwohl Heinrich die Nase von Frauen nun endgültig voll hatte, keine Thronerben mehr erwartete und Maria, sowohl wie auch Elizabeth rehabilitierte und nach seinem Sohn zu Thronerben einsetzte, konnte er nicht allein leben und machte Lady Parr während eines Aufenthaltes auf dem Gut der Seymours während einer Pestepedemie in London, einen Heiratsantrag auf platonischer Ebene, den die Dreißigjährige annahm. Heimlich aber liebte auch sie einen anderen - Thomas Seymour, Bruder von Heinrichs verstorbener 3. Frau und Mutter seines Sohnes Edward. Zunächst verlief die Ehe gut, und platonisch, obwohl Heinrich schließlich doch noch laut dieser Biographie eine Nacht mit Lady Parr verbrachte. Schließlich griff Frankreich auch noch England an und Heinrich verlor sein Lieblingsschiff die 'Mary Rose'.

Schließlich verlor er auch noch seinen besten Freund seit Kindertagen und Schwager (er war einst mit Heinrichs jüngster Schwester Mary verheiratet, die aber inzwischen auch gestorben war) -  'Charles Brandon, Herzog von Suffolk'. Es folgt eine ausgiebige, aber tiefgehende Beerdigungszeremonie und Heinrich beschäftigt sich zum ersten Mal mit seinem eigenen Tod. Den Rest der Biographie, Heinrichs Dahinsiechen und schließlich sein Tod, wird dann von Will Somers, seinem Hofnarren weitererzählt, da der König es ja wohl  nicht mehr kann und wir ja wissen wollen wie es endete.

Seine letzte Frau, die Heinrich 'Kate' nannte, verbrachte zusammen mit ihrem Verehrer Thomas Seymour hin und wieder auch einige Tage im Tower, da Heinrich irgendwann merkte, dass sie diesen liebte.  Außerdem wurde sie gleichfalls von eifersüchtigen Höflingen beschuldigt eine Verräterin zu sein, da sie offenbar dem Protestantismus anhing und sogar eigene Gebete verfaßte.  Doch er ließ Gnade walten und befreite sie wieder, bis zu seinem nächsten Wutanfall. Kurz nach Heinrichs Tod heiratete sie Thomas Seymour, starb aber eineinhalb Jahre später an den Folgen der Geburt ihrer Tochter Mary.

Heinrich war inzwischen so schwergewichtig geworden, dass sein aufgebahrter Sarg brach und seine Körperflüssigkeiten unten herausliefen (welch Grauen, wenn Heinrich das nur geahnt hätte...) und ein Hund sich darunter versteckte, der den Schmodder auch noch aufleckte...

Woran er starb, weiß niemand so genau, wahrscheinlich an seinem enormen Übergewicht, Wassersucht und vielleicht auch Diabetes. Man vermutet auch, dass sein Beingeschwür ihn innerlich vergiftete, denn während einer seiner Krankheiten bzw. Fieberschüben (noch während der Ehe mit Catherine Howard) verlor er für einige Zeit Bewustsein und  Stimme und war überzeugt davon, dass seine Frau ihn vergiftet hatte, während er wahrscheinlich eher an einer Blutvergiftung litt, aber auch die, Dank seiner Robustheit, überstand.

 

Heinrich VIII. starb am 28. Januar 1547 im Alter von 56 Jahren.

Seine unmittelbaren Thronfolger, sein Sohn Edward (als Kindkönig) und seine erstgeborene Tochter Maria, konnten ihr Erbe nur jeweils für wenige Jahre antreten - dann endlich war der Weg frei für Elizabeth I., die einstmals so verschmähte Tochter von Anne Boleyn und sie würde England in ein goldenes Zeitalter führen.

 

Meine Meinung:

 

Natürlich hat die Autorin auch hier wieder  die Lebensgeschichte ihres Romanhelden bis ins kleinste Detail recherchiert und der Leser erfährt Dinge, die in ansonsten öffentlichen Biographien oder Geschichtsbüchern nicht erwähnt werden. Natürlich ist auch eine gehörige Portion Phantasie darunter gemischt, denn geführte Gespräche kann man heute sicher kaum noch irgendwo nachlesen. Umso mutiger aber, dass sie hier einen Mann zu Wort kommen läßt und folglich auch wie ein Mann schreiben muß, d.h. einen gewissen Hang zu Romantik etc. den meist nur Frauen beschreiben können, mußte sie stark eindämmen, was ihr aber nicht immer gelang. Ebenso ihre in anderen Büchern gerne so ausgiebig beschriebenen Naturerscheinungen z.B. 'Die ersten jungen Vögel zwitscherten am wolkenverhangenen Himmel, in den sich vor Tautropfen schwere Zweige reckten...' mußte sie hier sehr zurückhalten, denn darüber hätte ein Heinrich VIII. sich sicher nicht ausgiebig ausgelassen - obwohl sie es auch hier nicht ganz sein lassen kann.

 

Ansonsten bedient sie sich wieder eines lebhaften, unkomplizierten Schreibstils, der gut lesbar und keinesfalls simpel ist. Einfach grandios, denn man fühlt sich hier sofort gleich mittendrin in der Geschichte und in eine andere Zeit versetzt. Heinrich VIII. zeigt hier seine menschliche Seite und nicht das Ungeheuer, für den ihn die meisten halten oder hielten - obwohl es natürlich schwer ist, einen König der zwei seiner Ehefrauen, viele Freunde und ehemalige in seinen Diensten stehende Angestellte, sowie Tausende Unschuldiger hinrichten ließ, nur weil er in seinem Wahnsinn überall Verrat zu sehen glaubte, als Mensch mit Gefühlen zu sehen. Aber ganz gleich was man von ihm hält oder aus welchen Blickwinkel man ihn betrachtet, er ist in der Geschichte der englischen Monarchie einer der wenigen Könige, der stark polarisierte.

 

Auf jeden Fall ein Buch, dass unterhaltsam, teilweise auch spannend geschrieben ist, obwohl man die Geschichte ja im Groben kennt. Nach diesem Buch versteht man vielleicht ein bisschen mehr, warum ein König im Mittelalter manchmal anders handeln mußte, als wir es heute tun oder erwarten würden. Zudem muß man bedenken, dass ein König damals wie ein Gott angesehen wurde, er durfte sich einfach alles erlauben, heute bestimmt das Volk bei den meisten Königen (zumindest in Europa) die noch übrig sind, was sie sich erlauben dürfen und was nicht...

Trotzdem entschuldigt es nicht Heinrichs Handeln, denn dass es auch anders geht, bewies nach ihm schließlich seine Tochter Elizabeth I.

Ein bisschen Interesse an Geschichte benötigt man allerdings schon, wenn man sich diesen Wälzer vornimmt, falls nicht, bekommt man es vielleicht beim Lesen.