Ein ganzes halbes Jahr

JOJO MOYES

Originaltitel: 'Me before you'

Penguin Group London

Roman / 519 Seiten

2013 Rowohlt Verlag

Deutsche Übersetzung von

Karolina Fell

 

Ein Roman über die tragische Liebe zwischen einem Querschnittgelähmten und seiner Pflegerin

 

 

Buchcover der deutschen Ausgabe
Buchcover der deutschen Ausgabe

 

 

Spiegelbestsellerliste Platz 1

 

Zum Buch: (Weiter unten dann meine Meinung zum Buch und zum Film)

 

Eigentlich ist Louisa Clark mit ihrem bescheidenen Leben in einer englischen Kleinstadt, deren einzige Sehenswürdigkeit eine Burg auf einem Hügel ist, zufrieden. Sie ist 26, lebt aber noch immer in ihrem Elternhaus, in einer 'Abstellkammer' von Zimmer und arbeitet als ungelernte Kraft in einem kleinen Café. Mit ihrem geringen Gehalt unterstützt sie sogar noch ihre Familie, zu der außer ihren Eltern noch ein pflegebedürftiger Großvater und eine jüngere Schwester (Treena) mit unehelichem Kleinkind zählen...

 

Louisas (auch Lou genannt) Leben gerät völlig aus den Fugen, von dem Tag an, als sie ihren Job verliert, da das Café schließen muß. Nach mehreren erfolglosen Bewerbungsversuchen und Minijobs bekommt sie von ihrem Jobberater schließlich einen zweifelhaften Tipp: Eine reiche Familie auf der anderen Seite des Burghügels in einem Haus, dass sogar einen eigenen Namen hat 'Granta House', sucht eine Hilfspflegekraft für einen Querschnittgelähmten. Lou bezweifelt, dass sie dafür die Richtige ist, vor allem, nachdem sie ihre zukünftige Arbeitgeberin Camilla Traynor, eine vornehme, unterkühlte und etwas arrogante Dame, die obendrein noch Richterin von Beruf ist, kennenlernt. Doch weder Lous kecke Antworten auf Mrs. Traynors Fragen, noch eine gerissene Rocknaht, schrecken Letzere davon ab, sie einzustellen, was Lou vermuten läßt, dass diese ziemlich verzweifelt sein muß.

 

Sie erfährt, dass sie eine Art Haushälterin und Gesellschafterin für Camillas erwachsenen Sohn Will werden soll. Zum ersten Mal hört sie den Ausdruck 'Tetraplegiker', und erfährt, dass Will durch einen schweren Unfall (ein Motorrad erwischte ihn auf regennasser Straße) unter einer Querschnittlähmung leidet, die alle vier Extremitäten betrifft - bzw. dass er vom Hals abwärts gelähmt, fast völlig bewegungslos in einem Rollstuhl sitzt und vollkommen auf fremde Hilfe angewiesen ist. Zur Seite wird ihr ein erfahrener Krankenpfleger 'Nathan' stehen, der Will schon länger betreut. Der Unfall ereignete sich zwei Jahre zuvor und riss den damals 33jährigen Lebemann mitten aus einem erfolgreichen Leben als Karrieremensch. Lous Vertrag ist vorerst nur auf ein halbes Jahr begrenzt und ihr Gehalt soll für ihre Verhältnisse äußerst großzügig ausfallen.

 

Erwartungsvoll tritt sie ihren Job schließlich an und denkt sich, dass es ja nicht so schwer sein kann einem 'Pflegebdürftigen' die Wohnung zu putzen und ihn hin und wieder zu füttern...

Als sie ihren 'Chef' zum ersten Mal sieht, ist sie schockiert: Will wirkt auf sie wie ein wildes Tier, dass in einem goldenen Käfig gefangen ist und alles und jeden abgrundtief hasst, sie ganz besonders. Er scheint entschlossen zu sein, ihr den Job zur Hölle zu machen, damit sie ja schnell wieder geht. Er ist alles andere, als das, was sie sich unter einem 'Tetraplegiker' vorgestellt hat, vor allem ist er ungemein attraktiv, was ihre Aufgabe noch erschwert, denn sie ahnt, was er einst gewesen ist, was für ein Leben er führte, vor allem als sie seine Exfreundin Alicia, eine Art menschliche Barbie kennenlernt, als diese ihn einmal besucht...

 

Erst nach diesem Besuch, der Will schwer zusetzt, kommt sie ihm endlich näher. Die beiden freunden sich langsam an, beginnen sich auszutauschen, er läßt sie näher an sich heran und Lou, die fast schon das Handtuch werfen wollte, bekommt wieder Zuversicht. Doch dann erfährt sie ohne Wills Wissen von seinem schrecklichen Geheimnis: Der Vertrag dauert nur ein halbes Jahr weil Will sich danach in ein Sterbezentrum in die Schweiz begeben will um Selbstmord zu verüben. Einen verzweifelten Versuch in diese Richtung hat er bereits hinter sich. Seinen am Boden zerstörten Eltern gab er daraufhin nur noch dieses halbe Jahr und die gesamte Verantwortung Will umzustimmen, lastet nun auf Louisas Schultern. Sie kann dem Druck nicht standhalten und kündigt. Doch auf Flehen von Wills Eltern, kehrt sie zurück. Von nun an soll er ein völlig neues Leben führen. Nicht mehr in seiner Wohnung festsitzen, sondern alles mögliche erleben. Sie fährt mit ihm zu Konzerten, Pferderennen, lädt ihn zu ihrer Geburtstagsfeier ein und fährt mit ihm sogar zur Hochzeit seiner Ex mit seinem Exkollegen u.s.w. sehr zum Verdruss ihres Freundes Patrick, der aber mehr mit sich und seiner eigenen Sportkarriere beschäftigt ist.

 

Louisa ist fest entschlossen, Will von seinen Selbstmordgedanken abzubringen, aber nicht nur, um seine Eltern nicht zu enttäuschen, sondern weil sie sich mittlerweile unsterblich in ihn verliebt hat...

 

Kurz vor Ablauf der Halbjahresfrist plant sie einen Urlaub mit Will, doch dann erkrankt er plötzlich schwer und alles steht erneut in der Schwebe. Sie hofft, dass sie Will neuen Lebensmut geben kann, dass ihre Liebe die Todessehnsucht in Will besiegt...

 

 

 

 

Meine Meinung:

 


Im Nachwort des Buches steht, dass die Autorin Jojo Moyes es eigentlich noch nicht einmal im Auftrag eines Verlages schrieb, sondern eher für sich selbst. Als sie es dann auf den Markt brachte, rissen sich die Verlage geradezu darum und nun geht es in den Buchläden weltweit weg wie warme Semmeln und erreicht innerhalb eines 'ganzen halben Jahres' allein in Deutschland schon die 6. Auflage...

 

Kein Wunder, denn kaum jemand, der seine Meinung öffentlich dazu äußert, kann behaupten nicht geweint zu haben, als er das Buch las...

 

Wem es dennoch keine Träne abringen kann, der hat wahrscheinlich ein Herz aus Eis oder Stein - denn es ist geradezu unmöglich, dabei nicht 'Rotz und Wasser' zu heulen. Natürlich nicht durch alle 520 Seiten, denn die meisten davon sind sogar recht amüsant erzählt, mit einer gewissen Tragik zwar schon durchzogen, aber der Leser hofft doch bis zum Schluss, dass sich alles doch noch 'zum Guten' wendet, bzw. dass Will von seinen schrecklichen Plänen sein Leben zu beenden, ablässt.

 

Zwischendurch gibt es zwar immer wieder 'traurige' Momente, doch schon allein der Aufbau des Buches (am Anfang Hass auf beiden Seiten, langsames Näherkommen und am Ende eine Liebe, wie es sie nur zwischen Menschen mit diesem Schicksal geben kann), läßt einen immer weiterlesen. Man möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht mit diesem ungleichen Liebespaar. Man fühlt sich fast, als wäre man selbst mitten drin in dieser Geschichte - man lacht mit, schimpft mit und weint mit... doch je mehr man sich dem Ende nähert, um so dicker wird der Kloß im Hals, nein, man kann sich nicht dagegen wehren und auch später, nach Ende des Buches, beschäftigt man sich noch mit dem Thema. Immer wieder liest man nochmal einzelne Passagen, immer wieder kommt dieser 'Kloß' im Hals, man recherchiert im Internet nach dem Thema 'Tetraplegie' und man sieht Rollstuhlfahrer plötzlich mit anderen Augen...

Und so schnell kann man kein neues Buch mehr anfangen, obwohl man es versuchen sollte, denn eigentlich ist es ja 'nur' ein Roman. Allerdings einer, der durchaus irgendwo in der Welt schon ähnlich passiert sein könnte oder gerade passiert.

 

Hier liegt der besondere Reiz wahrscheinlich darin, dass es sich um zwei Menschen handelt, die unterschiedlicher gar nicht sein können: Auf der einen Seite eine normale junge Frau mit etwas schrillem Modegeschmack, aber ansonsten eher weltfremd, da ihr Ehrgeiz und Mittel fehlen, um die Welt zu erkunden - auf der anderen ein vom Leben verwöhnter Mann, reiches Elternhaus, erfolgreich im Job, ehrgeizig und agil, ein Frauenheld, der nun aber am Rollstuhl gefesselt völlig auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Wäre dieser Unfall nicht passiert, wären sich die beiden wahrscheinlich nie begegnet, bzw. sie hätten sich nicht beachtet. Für Louisa ist Will jemand, der zu den 'oberen Zehntausend' gehört und Will hätte zusammen mit seiner Ex-Modelfreundin wohl eher die Nase über Mädchen wie Louisa gerümpft.

 

Dass diese beiden nun durch einen schweren Schicksalsschlag zusammen treffen und sich auch noch lieben lernen, macht diese Geschichte natürlich noch zusätzlich spannend. Louisas kecker und etwas naiver Umgang mit Leuten, die sie sonst nie beachtet hätten, aber auch ihre plötzliche 'Machtstellung' die sie in dieser Familie hat, da diese begreift, wenn überhaupt, dass nur Louisa in der Lage sein wird, ihren Sohn und Bruder (Will hat noch eine Schwester 'Georgina') zu retten. Eine eher arrogante, unterkühlte Mutter, die auch noch Richterin ist, muß sich dem Tatendrang einer 'Angestellten' aus dem 'normalen' Volk unterordnen. Nicht nur einmal muß sie dabei über ihren Schatten springen und Louisa anflehen zu bleiben...

 

Interessant sind auch die Einblendungen von Louisas Freund Patrick, den sie seit sieben Jahren kennt und der nur noch seine Sportkarriere im Kopf hat. Sie liebt ihn längst nicht mehr, doch gibt sie dieser Beziehung (was beim Leser, zumindest bei mir, manchmal Kopfschütteln hervorruft) immer wieder eine Chance, aber wahrscheinlich tut sie es eher um sich vor einer ausweglosen Beziehung mit Will zu schützen, denn längst hat sie Schmetterlinge im Bauch. Will derweil, versucht Lou immer wieder aus der Reserve zu locken um ihr das Leben, wie sie es anders gestalten könnte, schmackhaft zu machen. Er möchte, dass sie hinauszieht und wie er Karriere macht. Lou ist zunächst schockiert, denn sie will nichts anderes als bei Will bleiben und ihn pflegen...

 

Die beiden haben auch alle Möglichkeiten, die die meisten Querschnittgelähmten (und ihre Pfleger) wohl eher nicht haben - Will ist reich und kann sich den besten Service auf Reisen leisten - auch wenn er zunächst keinen Wert mehr darauf legt - und er wird geliebt. Ein Luxus, von dem er nicht mehr zu träumen gewagt hat.

 

Trotzdem reicht es ihm nicht - man versteht es irgendwie, aber wieder auch nicht. 'Er ist nicht wie die anderen' sagt er, er kann kein neues Leben aufbauen, er will wieder der alte Will sein. Ja, man kann verstehen, dass er Angst davor hat, Louisas Liebe würde irgendwann erkalten und sie sei nur noch aus Mitleid an ihn gefesselt, dass er all die Schmerzen und Krankheiten die ihn regelmäßig plagen leid ist.

 

Zuviel verraten möchte ich jetzt hier auch nicht, nur soviel, dass es die wohl tragischste Liebesgeschichte ist, die ich je gelesen habe und auch die tiefgehendste. Jojo Moyes versteht es mit einem unkomplizierten Schreibstil absolut zu fesseln und findet immer die richtigen Worte, wie es eigentlich  (wie ich immer wieder feststelle) zu diesem sensiblen Thema nur weibliche Autoren beherrschen.

Und ganz wichtig: Es ist in keinster Weise schnulzig oder kitschig!!

Ein absolut grandioses Buch, dass man nur jedem empfehlen kann!!

 

Am Ende des Buches steht noch ein Interview mit der Autorin und Diskussionsfragen für Internetforen.

 

Und es sollte mich nicht wundern, wenn dieses Buch recht bald verfilmt wird - aber hoffentlich mit den 'richtigen' Darstellern und Regisseuren. Es wäre schade, wenn, wie das leider so oft der Fall ist, der Film zu oberflächlich würde...

 

Gaaaanz lieben Dank nochmal an mein Schwesterchen, die mir das Buch zum Geburtstag schenkte, ansonsten hätte ich es womöglich so schnell nicht gelesen...man ahnt ja nicht, wenn man es in Buchläden in der Hand hält, was es wirklich beinhaltet...

 


Meine Meinung zum Film:

 

Juli 2016, drei Jahre später:

 

Am 23.06.2016 lief nun der Film in den Kinos an. Mit Emilia Clarke und Sam Claflin in den Hauptrollen. Emilia Clarke kennt man als Drachenkönigin aus Game of Thrones und Sam Claflin als Finnick  in Tribute von Panem, obwohl er mir da eher nicht auffiel. Erwähnenswert vielleicht auch, dass Charles Dance (bekannt als Phantom aus Phantom der Oper von 1990, und gleichfalls aus Game of Thrones als Tywin Lannister), hier 'Wills' Vater spielt.

Regie: Thea Sharrock

GB 2016, Länge 110 Min.

 

Was den Film betrifft, so hangelt dieser sich von Szene zu Szene, bzw. spielt den Handlungsablauf fast 1:1 nach, doch fehlt ihm der Tiefgang, den das Buch bietet. Will z.B. ist hier viel zu brav, schon von Anfang an, obwohl er sich im ersten Drittel des Buches Louisa gegenüber wirklich fies benommen hat. Sicher kann man jetzt wieder sagen 'Bücher sind immer besser', das stimmt auch fast immer, doch man kann auch gute Filme von Büchern machen, wenn man dafür vielleicht auf die ein oder andere Szene verzichten müsste um mehr Tiefgang hineinzubringen... (Das Schicksal ist ein mieser Verräter, ist ein gutes Beispiel). 

 

Jojo Moyes hat das Drehbuch geschrieben, doch man hat das Gefühl, sie wollte nur möglichst viele Buchszenen hineinpacken, wobei das wirkliche Drama um Will und Louisa irgendwie auf der Strecke blieb. Buchautoren müssen ja nicht unbedingt auch gute Drehbuchautoren sein, bzw., hier hätte auch die Regisseurin vielleicht mehr daraus machen können. Humor kommt hier ja nicht zu kurz, das ist auch im Buch so, doch wer dieses nicht gelesen hat, und nur den Film sieht, denkt wahrscheinlich eher an eine laue, sanfte, herzerfrischende Liebesromanze und kann den ganzen Hype um das Buch nicht verstehen. Hat man sich da noch die Augen aus dem Kopf geheult, so verspürt man beim Film kaum einen kleinen Kloß im Hals. 

Natürlich ist klar, dass man jetzt nicht am Boden zerstört und blind vor Tränen aus dem Kino kommen will, aber ein wenig mehr Dramatik um Wills Zustand wäre der Geschichte schon eher gerecht geworden. Krankheiten und Schmerzen, die ihn regelmäßig im Buch überfallen, werden hier nur im Schnelldurchlauf abgearbeitet. Hier versteht man nun am Ende gar nicht mehr, warum er eigentlich 'Selbstmord' begehen möchte...

Die Schauspieler zumindest tun ihr bestes, obwohl ich Sam Claflin für diese Rolle nicht unbedingt für geeignet halte, er ist mir für diese Rolle zu soft. 

Emilia Clarke kennt man als coole Drachenlady, die in Game of Thrones kaum eine Miene verziehen muss, hier aber dafür umso mehr Mienenspiel mit lustig tanzenden Augenbrauen betreibt, was fast einen Lachanfall auslöste... 

Das Ende kommt dann auch ziemlich schnell herbei und der kleine Kloß im Hals, der sich dann doch bilden wollte, hat sich ziemlich schnell aufgelöst.

Vielleicht hätte man besser einen Mehrteiler aus diesem Buch gemacht; So ist es eine eher harmlose Romanze mit einem Hauch Tragik geworden, nicht schlecht und fürs breite Publikum geeignet (na klar, man will ja auch, dass alle zwischen 12 und 99 reingehen) aber für mich an der eigentlichen Buchstory vorbei...

 

Empfehlenswert ist der Film aber trotzdem, er hat gut unterhalten, aber wirklich berührt hat er mich nicht. Schade!