Talisien - Sänger und Seher

STEPHEN LAWHEAD

Book I of the Pendragon Cycle (1987)

 

Roman 575 Seiten / Neuauflage 2004 / Blank GmbH  

 

 

Zum Buch:

 

Zeiten werden nicht genannt, aber den Beschreibungen zufolge, befindet man sich am Anfang des Buches etwa in der 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. so in etwa im Jahr 370. Die Szenerie wechselt mit jedem Kapitel zwischen zwei völlig verschiedenen Welten hin und her: die Insel Atlantis irgendwo im Orient, der Beschreibung nach noch stark an griechische oder persische Antike erinnernd, sowie das eher düstere, primitiv wirkende Britannien, mit einem schon kümmerlichen Rest an römischen Legionen und reichlich verarmten Clans ausgestattet.

 

Prinzessin Charis (ihr Alter wird nicht genannt, aber man darf vermuten dass sie so zwischen 8 - 12 Jahre alt ist) lebt im Palast ihres Vater König Avallach, ihrer Mutter Königin Briseis und mit den vier Brüdern ein unbeschwertes Leben. Ihre Welt ist das reinste Paradies, märchenhaft, friedlich, luxuriös aber für Charis auch langweilig. Sie möchte endlich etwas erleben, etwas von der Welt sehen, und kann ihre Eltern überreden sie endlich einmal zur alljährlichen großen Ratsversammlung, an der alle Könige der sieben Königreiche von Atlantis teilnehmen und die in Poseidonis im Palast des Hochkönigs Ceremon stattfinden soll, mitzunehmen.

 

Auf Charis unbeschwertes Leben legt sich bald ein Schatten, denn der düstere Prophet Throm, ebenso wie Annubi, der Hofseher ihres Vaters, sagen eine dunkle Zukunft in sieben Jahren voraus, äußern sich aber nicht wie diese aussehen wird.

Unterdessen, zur gleichen Zeit, weit entfernt in Britannien, k

ämpft Elphin, der glücklose Sohn eines Stammesfürsten aus dem Volk der Kymren um sein Ansehen und seine Thronfolge. Er ist weithin als Pechvogel bekannt, was er auch anfaßt geht schief. Er bekommt noch eine Chance beim alljährlichen Lachsfang, doch auch diesmal scheint ihm das Schicksal nicht wohlgesonnen - die Netze sind leer. Doch da findet er im letzten Moment einen geheimnisvollen Sack aus Seehundfell und staunt nicht schlecht, denn darin befindet sich ein Säugling, scheinbar ausgesetzt und elternlos. Das Kind ist ein Knabe und von unvergleichlicher Schönheit.

 

Da Elphin ihn gefunden hat, beschließt er ihn zu adoptieren, nennt ihn Taliesin, was 'strahlende Stirn' bedeutet und macht sich gleich auf die Suche nach einer Amme. In Rhonwyn, einer Verwandten seiner Mutter, findet er nicht nur eine Ersatzmutter, sondern auch eine Gattin. Von nun an steht das Glück auf Elphins Seite, der Clan akzeptiert ihn und Elphin hat gute Aussichten der nächste Clanchef zu werden.

 

Während Taliesin unter der Aufsicht des Druiden Hafgan zu einem der fähigsten Barden aller Zeiten aufgezogen wird, verliert am anderen Ende der Welt, Prinzessin Charis bei einem verräterischen Überfall auf dem Heimweg ihre Mutter. Da sie sich gerade im Wald zum Blumenpflücken aufhielt, suchte ihre Mutter nach ihr, konnte nicht mehr rechtzeitig fliehen und kam ums Leben. Das kann König Avallach, ihr Vater, ihr nicht verzeihen. Sie sei Schuld am Tod der Mutter, behauptet er hartherzig und treibt Charis damit aus dem Palast fort.

 

Sie kehrt nach Poseidonis zurück, in den Palast des Hochkönigs und wird dort zu einer berühmten Tänzerin in einer Truppe, die zu Ehren des Gottes Bel in der Arena mit den Stieren tanzt. Der Job ist gefährlich, doch Charis fürchtet nicht den Tod, sondern sucht ihn fast. Doch sie übersteht sieben Jahre, bevor sie als mittlerweile junge Frau beschließt, wieder nach Hause zurückzukehren. 

 

Sie hofft, dass ihr Vater ihr verziehen hat und schenkt ihm ein wunderschönes Schwert, dass er aber nicht annimmt. Avallach wirkt heruntergekommen, leidet an einer alten Kriegsverletzung und hat zudem neu geheiratet - eine zwielichtige Frau, kaum älter als Charis, die ihm eine weitere Tochter 'Morgian' schenkt. Der Seher Annubi warnt Charis vor Liles Falschheit, doch kann sie ihm schon bald nicht mehr glauben, da sie an Lile nichts Falsches findet.

 

Charis erfährt auch, dass sich die einst friedlichen sieben Königreiche in der Auflösung befinden, doch nicht nur das, die von den Propheten vorhergesagten sieben friedlichen Jahre sind nun um und es liegt etwas Drohendes in der Luft. Charis ahnt Schlimmes und läßt bereits alles was ihr wichtig ist, verpacken und organisiert hunderte von Booten. Zunächst lacht man sie aus, doch schon bald gibt es schlimme Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche - Atlantis ist im Begriff unterzugehen.

 

Nach langer Irrfahrt auf den Ozeanen, landen Charis und ihr Volk an der Südwestküste Britanniens. Das ihnen völlig fremde Land ist scheinbar nur dünn besiedelt, nur hier und da entdecken die Ankömmlinge verstreute, primitive Dörfer, die Einwohner akzeptieren die seltsamen Fremden schweigend. Auf einem Felsen in einem See, Ynys Witrin oder auch 'die Insel aus Glas' genannt, läßt Avallach einen Palast bauen und beansprucht die umliegenden Ländereien mal eben für sich - niemand beschwert sich, was dann doch seltsam anmutet. Allerdings leben die Britannier in einer Art Schwebe zwischen Abzug der Römer und Hoffnungslosigkeit auf die düstere Zukunft. Einerseits ein Grund zum Freuen, andererseits beherrscht sie die quälende Angst vor dem Nichts das nun droht.

 

Von all dem bekommen Avallach und seine Untertanen nicht viel mit. Sie richten sich ein in ihrem neuen Zuhause, erkunden die neuen Ländereien und beginnen wieder ihr Leben zu genießen. Jahre vergehen, doch niemand aus dem seltsamen Volk um Avallach, einschließlich er selbst und Charis scheinen zu altern, deshalb werden sie bald von den Einheimischen schon das 'Feenvolk' genannt. Ebenso sorgt der Luxus, der beiweitem aber nicht an den von Atlantis heranreicht, aber für das ärmliche Britannien, dass Avallachs Volk wie aus dem Nichts zauberte, für Aufsehen. Avallach selbst, leidet noch immer an der nicht heilenden Wunde und da er gerne zur Erholung auf seinem See herumschippert, wird er bald 'Der Fischerkönig' genannt (eine bekannte Figur aus dem Sagenkreis um Arthur).

 

Weiter im Norden, in der Feste Caer

Dyvi ist auch Taliesin zu einem jungen Mann herangewachsen und entwickelt außergewöhnliche Fähigkeiten; er ist nicht nur der beste Sänger der 'Insel der Mächtigen' wie Britannien von den Einheimischen genannt wird, sondern besitzt auch hellseherische und leicht magische Kräfte. Sein Ziehvater Elphin ist inzwischen König seines Clans, besitzt eine für damalige Verhältnisse prachtvolle Halle auf einem Hügel und dient den Römern im Sommer mit seiner Kriegerschar am Hadrianswall, da immer wieder Pikten, Skoten und Iren aus dem Norden einfallen. Zum Ausgleich bilden die Römer die britannischen Krieger zu perfekten Soldaten aus, damit sie ihr Land im Notfall selbst verteidigen können. Obwohl die Britannier es nicht wirklich mitbekommen, ahnen sie doch, dass die Legionen sich langsam davonschleichen. Die verbliebenen Tribune beklagen sich immer wieder über zuwenig Männer und hoffen auf Verstärkung aus Rom, die aber nicht kommt und auch nie mehr kommen wird.

 

Noch herrscht eine Art Hochstimmung im Land, ein seltsames Zwielicht, zwischen goldenem Zeitalter und Düsternis, zwischen Frieden und Krieg. Wirklich freuen können sich die Britannier also nicht, über die immer weniger werdenden Legionen. Der römische Feldherr Maximus, ist der letzte mächtige Tribun der Römer, der noch die Stellung hält.

 

Taliesin gelingt es in einer Vision durch die 'Anderwelt' zu wandern und begegnet dort 'dem Herrn des Lichts', doch das ist hier nicht mehr 'Lugh', sondern 'Jesus der Erlöser', von dem ihm zuvor zwei missionarische Priester viel erzählten, was bewirkt, dass sich von nun an das Christentum ziemlich schnell ausbreitet (was allerdings nicht so wirklich in diese Zeit passt, da sich allzuviele Druiden zu schnell dem neuen Glauben zuzuwenden scheinen...). Außerdem sieht Taliesin in einem Tümpel eine wunderschöne Frau mit einem Schwert.

 

Dieser Frau begegnet er schon bald in der Realität, denn es handelt sich um Charis, der Prinzessin aus dem untergegangenen Atlantis. Bei einem Überfall der Iren auf Elphins Land, muß der gesamte Clan flüchten und landet in Avallachs Palast. Er der Zugewanderte ist es nun, der den Alteingesessenen neue Gebiete zuteilt, da er mit deren Hilfe in Krisenfällen rechnet. Charis und Taliesin verlieben sich gegen den Willen von Avallach und müssen flüchten. Sie finden in einem anderen Königreich Aufnahme, und werden bald Eltern eines Sohnes, den sie nach Charis' Falken 'Merlin' nennen. Einige Monate nach der Geburt des Kindes kehren sie zurück zu Avallach, der ihnen verzeihen und Taliesin endlich als Schwiegersohn anerkennen will. Doch dazu kommt er nicht mehr, auf der Heimreise gerät die kleine Reisegesellschaft in einen Hinterhalt und Taliesin wird von einem Pfeil tödlich getroffen.

 

Die Trauer ist grenzenlos, schließlich erfährt man, dass Morgian und Annubi zum Tatzeitpunkt verschwunden sind. Die eifersüchtige Morgian, versuchte schon zuvor, die Liebe zwischen Taliesin und Charis zu zerstören und zählt nun zu den Hauptverdächtigen.

 

Meine Meinung:

 

Bildgewaltig und mit reichem Wortschatz, so dass man gleich mittendrin ist in dieser Geschichte, schildert Stephen Lawhead seine Adaption vom Sagenkreis um Arthur. Dabei fängt er hier ganz unten an, noch vor Merlin, der in anderen Erzählungen auch oft Taliesin genannt wird, hier aber eine eigene Person ist, nämlich Merlins Vater. Woher Taliesin selbst kommt, bleibt offen, da er ja ein Findelkind ist.

 

Gelungen sind auch die Beschreibungen der so unterschiedlichen Welten: auf der einen Seite die Glitzerwelt eines Atlantis, das aber sehr der griechischen oder persischen Antike gleicht, und auf der anderen Seite der tägliche Kampf ums Überleben der kleinen, fast elenden Clans in Britannien. Die Römer werden nur mehr am Rande erwähnt, denn auch mit deren Macht geht es schleichend bergab. Schon gibt es verlassene Städte, verfallende Paläste u.s.w. und man erkennt vieles wieder was auch z.B. in Bernhard Cornwells oder Gilian Bradshaws Romanen erwähnt wurde. Der Autor hält sich hier gleichfalls an die alte Schreibweise und Namen der Städte und Festungen, die manchmal unaussprechlich scheinen, dem Ganzen aber Realität verleihen. 

 

Geschickt wurden hier legendäre und historische Personen eingebaut und teilweise auch hier verändert oder anders eingesetzt. Dabei hält sich der Autor allerdings streng an die Zeiten. Sogar König Avallach taucht hier auf, der in anderen Geschichten um Arthur fast nie erwähnt wird, der aber hier gleichzeitig zu dem berühmten Fischerkönig mit der unheilbaren Wunde wird, und dessen Insel dann wohl zu Avalon...doch dafür ist es in diesem Band noch zu früh.

 

Eigentlich kennt man solch detailgetreue Beschreibungen, wie sie hier über alles gemacht werden, ob nun Kleidung, Landschaft, Menschen, eher von weiblichen Autoren, und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Manchmal allerdings schrammt diese Vorliebe auch haarscharf am Kitsch vorbei, vor allem die hier zügig voranschreitende Christianisierung der Britannier zeigt doch wieder, wie der Autor drauf sein muß. Während andere sich eingehend mit den alten Göttern befassen und die Christen eher am Rande existieren, ist es hier sehr schnell umgekehrt. Wie es nun wirklich war, das werden wir wohl nie erfahren, da muß man sich schon sein eigenes Bild machen.

 

Das Feenvolk stammt hier von dem untergegangenen Atlantis, (von dem auch niemand weiß ob es das gab) doch da die zugewanderten Flüchtlinge schon weitaus zivilisierter waren als die Britannier, (trotz der Römerbesatzung) die deren Fortschritt nur bewundern konnten, waren es für diese eben magische Gestalten. Ein wenig unrealistisch scheint nur die Tatsache, dass diese ausgerechnet an Britanniens Küste strandeten, wo sie doch von so weit her kamen...

 

Magie kommt eigentlich eher selten vor, sie kommt vor, aber so geschickt beschrieben, dass es auch Visionen oder Träume sein könnten. Magisch wirkt das Buch aber allemal, man kann nicht mehr aufhören zu lesen, eigentlich ein neues 'altes' Meisterwerk das ich hier entdeckt habe, wieder anders als die anderen Bücher, aber ebenso spannend. 

 

 

 

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