Der Falke des Lichts

GILLIAN BRADSHAW

 

Originaltitel: Hawk of May

 

 

 

Band 1 der Artus - Trilogie 'Die Krone von Camelot' 

 Roman (352 Seiten)

Ersterscheinung 1980 bei Simon & Schuster in New York

Deutsche Ersterscheinung 1982 Marion von Schröder Verlag GmbH in Düsseldorf und 1999 lizensiert für Weltbild

Übersetzt von Ilka Paradies

 

 


 

Zum Buch:

Auch hier wird in der 'Ich-Form' erzählt und diesmal aus der Sicht des Prinzen Gawain. Gawain ist der Sohn des irischen Königs Lot von den Orkney - Inseln im Norden von Britannien und der Halbschwester von Artus - Königin Morgas (auch als Morgause bekannt). Er hat noch zwei Brüder, den älteren Agravain und den jüngeren Medraut (Mordred) (in anderen Versionen gibt es noch einen Bruder 'Gareth'). Während Agravain danach strebt ein perfekter Krieger zu werden, hat Gawain in dieser Hinsicht keine Talente und auch kein Interesse, er spielt lieber Harfe und kann gut singen, doch auch Barde will er nicht werden. Er weiß selbst nicht, was aus ihm werden soll, sehr zum Verdruß seines Vaters und seines älteren Bruders, der ihn ständig bevormundet. Schließlich zieht Lot mit Agravain in eine Schlacht gegen Artus, (hier wird er nicht Arthur genannt) dessen Vater, Hochkönig Uther Pendragon, gerade gestorben ist. Da Britannien im Chaos zu versinken droht, übernimmt Artus sehr zum Unwillen vieler anderer Kleinkönigreiche die Macht. Allerdings ist er ein fähiger Feldherr und die immer dreister vordringenden Sachsen haben zwar größere Heere, aber Artus bekämpft und besiegt sie stets mit viel Mut und Klugheit.

Auch Lot zählt zu Artus' Feinden und verliert in einer Schlacht gegen diesen, seinen Sohn Agravain als Geisel. Gawain derweil läßt sich von seiner Mutter Morgas in die magische Zauberwelt der Finsternis einführen. Zunächst gefällt ihm das und er liebt und bewundert seine schöne, kluge Mutter, die ihn stets 'mein Falke' nennt, sehr. Zweifel kommen ihm, als er sieht, dass auch sein kleiner Bruder Medraut an den grausamen, heidnischen Zeremonien teilhaben darf. Als Morgas schließlich eines Tages einen Krieger seines Vaters opfern will, tötet er diesen aus Mitleid und verläßt fluchtartig die heimatliche Burg. 

Seine Mutter schickt ihm einen Dämon in Form eines Schattens hinterher und hier beginnt ersteinmal eine kurze Reise ins Reich der Fantasy, bzw. Magie. Lugh, der Herr des Lichts, schickt Gawain ein magisches Boot, mit dem dieser zunächst in dessen Reich, die Anderwelt, flüchten kann. Lugh beauftragt Gawain sich in die Dienste von König oder (hier auch) Kaiser Artus zu stellen, da dieser dem Licht dient und plant das alte Kaiserreich Britannien wieder so ähnlich aufzubauen, wie es zu Zeiten der Römer war. Dafür schenkt er ihm ein magisches Schwert (Caledvwlch), das Gawain unbesiegbar machen soll und das außer ihm, auch kein anderer berühren kann, ohne sich zu verbrennen. Wieder zurück auf Erden, glaubt Gawain zunächst er habe alles nur geträumt, doch das Schwert ist noch da und es leuchtet magisch. Außerdem vergeht die Zeit in der Anderwelt langsamer (eine ähnliche magische Welt gibt es auch in 'Die Nebel von Avalon' doch dort war Morgaine die Besucherin), während er dachte er sei nur einen Tag dort gewesen, waren es in Wahrheit drei Jahre. Gawain stellt fest, dass er kein Knabe mehr ist, sondern nun ein junger Mann von etwa 17 Jahren. 

Da er nicht weiß, wo er sich nach seinem Erwachen auf Erden befindet, macht er sich quasi blind auf den Weg zu König Artus, in der Hoffnung unterwegs Menschen zu treffen die er nach dem Weg fragen könnte.

Allerdings läuft er gleich nach den ersten Meilen einer kleinen Gruppe sächsischer Krieger in die Arme, die ihn ersteinmal gefangen nehmen und mit zu ihrem König Cerdic schleppen. Gawain verrät nicht seine wahre Herkunft und läßt die Sachsen im Glauben, er sei ein Sklave der seinen Herrn verloren habe. Nicht so 'Aldwulf' ein weiterer sächsischer König, der mit Cerdic befreundet ist. Dieser ist in Zauberei bewandert und eines Nachts beobachtet Gawain heimlich ein heidnisches Ritual der beiden Könige, bei dem sie beschließen, Gawain zu opfern um ihre eigenen Götter zu besänftigen. Das magische Schwert läßt man ihm, denn seine Feinde ahnen, dass es gefährlich sein könnte es ihm abzunehmen...

Bis zum nächsten Vollmond hat Gawain Zeit sich Fluchtpläne zu überlegen, doch aus der Festung der Sachsen scheint es kein Entkommen zu geben. Da kommt ihm in Gestalt eines prächtigen weißen Pferdes mit Namen 'Ceincaled' Hilfe. Aldwulf hat ihn Cerdic geschenkt doch der Hengst ist so wild und stolz, dass er keinen Reiter auf seinen Rücken läßt. Gawain, der sich mit Pferden gut auskennt, bietet seine Hilfe an und kann Ceincaled besänftigen. Insgeheim aber weiß er genau, dass dieses Pferd nicht irdisch ist, sondern dass es ihm die Götter des Lichts geschickt haben. Er fragt Cerdic, ob er das Pferd einreiten dürfe, und als dieser zustimmt, gibt es für Gawain kein Halten mehr. Zusammen mit Ceincaled gelingt ihm eine spektakuläre Flucht aus der Sachsenfestung, wobei er drei Sachsen tötet und Aldwulf schwer verletzt. 

Wieder befindet sich Gawain auf der Flucht und weit genug gekommen, läßt er Ceincaled wieder frei ( später wird das Pferd zu ihm zurückkehren) und reist auf dem Wagen des Bauern 'Sion' weiter.

Dieser möchte nach Camlann, um eine Ladung Weizen zu verkaufen. Voller Freude erfährt Gawain, dass sich Artus mit seiner 'Runde' oder 'Familie' wie seine Krieger auch genannt werden, dort aufhält.

Unterwegs quartieren sie sich in einem Kloster ein, wo sie auf ziemlich erzürnte Mönche treffen. Dort lernt Gawain, dass der hohe König Artus, den er mittlerweile schon sehr bewundert, nicht nur Freunde, sondern auch sehr viele Feinde hat. Zwar heißt es, Artus sei ein christlicher König, doch verlange er von seinen Untertanen, vor allem auch der Kirche, hohe Tribute, um seine zahlreichen Kriege finanzieren zu können. Gawain aber glaubt weiter an sein Vorbild Artus, denn schließlich tut Artus das alles um Britannien aus der Finsternis ins Licht zurückzuführen. 

Hautnah erlebt er die Praktiken des neuen Hochkönigs gleich vor Ort, denn am nächsten Morgen taucht eine Gruppe von Artus' engsten Kriegern auf, um Tribut von den Mönchen einzufordern, sowie von allen Übernachtungsgästen des Klosters, sein Freund Sion inklusive, Wagenladung und Pferd zu beschlagnahmen. Gawain setzt sich dafür ein, dass die Bauern eine Entschädigung von den Kriegern bekommen und schließlich erkennt er seinen Bruder Agravain unter den Kriegern.

Das Wiedersehen fällt zunächst euphorisch aus, da Agravain dachte, sein jüngerer Bruder sei tot. Doch nachdem dieser seine Geschichte erzählt hat, mißtraut nicht nur er ihm gründlich, auch ein anderer Krieger 'Cei' aus Artus' engstem Kreis glaubt, dass Gawain entweder ein Zauberer, oder ein Lügner sei. Nur 'Bedwyr' versteht Gawain und glaubt ihm. Bedwyr selbst ist kein Britannier, sondern Bretone (er kommt aus der 'Bretagne' das zu dieser Zeit noch 'Armorica' oder 'Kleinbritannien' genannt wird) und es weist im Verlauf des Buches noch einiges darauf hin, dass er vielleicht 'Lancelot' sein könnte, denn er steht direkt an Artus Seite und scheint selbst etwas Magisches an sich zu haben.

Erst nach einem Kampf gegen seinen Bruder, in dem Gawain Agravain haushoch, ohne magische Mittel besiegt, glaubt Agravain ihm und will von nun an alles tun, damit Artus Gawain in 'die Runde' 'die Familie' aufnimmt. Nur Cei bleibt mißtrauisch.

Allerdings verläuft das erste Treffen mit Artus für Gawain absolut enttäuschend. Der König weigert sich hartknäckig Agravains kleinen Bruder in seinen Kreis aufzunehmen, was niemand verstehen kann. Zwar wird er an Artus' Hof geduldet und zieht sogar regelmäßig mit den Kriegern des Königs in verschiedene Schlachten, doch so gut er sich auch bewährt, Artus hält ihn für einen Zauberer und will ihn nicht. 

Der mittlerweile sehr erfolgreiche und auch allseits beliebte Gawain bekommt fast von allen Kleinkönigen Britanniens Angebote, doch er hält eisern an seinem Wunsch fest, nur Artus zu dienen. Er weiß, dass dies nicht nur sein Auftrag von Lugh dem Lichtgott ist, sondern er selbst verehrt Artus zutiefst und kein anderer erscheint ihm würdiger.

Erst als Artus Gawain vorwirft, dass dieser seine 'Familie' teilt und die sich wegen ihm zerstritten hat, beschließt er zu gehen. Doch dann ist es auf einmal Artus, der ihn nun doch behalten möchte. In einer bewegenden Aussprache erklärt er Gawain, der ja sein Neffe ist, dass er seine Schwester Morgas, Gawains Mutter hasst, weil sie als Hexe verrufen ist und ihn einst verführte, obwohl sie im Gegensatz zu ihm wußte, dass sie den gleichen Vater haben, nähmlich den ehemaligen Hochkönig Uther Pendragon. Aus der Verbindung ging Medraut hervor, mit dem Morgas Großes und nichts Gutes plant, den sie für ihre Herrschsucht mißbraucht und Artus war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass Gawain all das wußte und sich als eine Art Spion in seine Runde einschleichen wollte. 

Gawain fällt aus allen Wolken, er wußte nichts davon, doch nun erinnert er sich an die Ähnlichkeit Medrauts mit Artus und ihm fällt es wie Schuppen von den Augen.

Die beiden Männer versöhnen sich und Gawain darf fortan seinem großen Vorbild Artus als Ritter dienen. Artus entschuldigt sich ganz offiziell für sein Verhalten und läßt all seine Ritter einen Eid ablegen, dass Gawain gleichberechtigt behandelt wird. Alle sind glücklich und das erste Buch endet hier.


 

Meine Meinung:

Die Geschichte um Artus wird hier wieder aus einer ganz anderen Sicht erzählt, aber viele Details der bekannten Legende erkennt man auch hier wieder. Während in Bernard Cornwells Version Gawain nur einen sehr kurzen Auftritt hat und schließlich von Merlin für die Rückkehr der Götter geopfert wird, spielt er hier eine wichtige Rolle. Aber nicht nur hier, auch in anderen Artusromanen ist er immer einer der wichtigsten Ritter von Artus. 

Da die Autorin hier durchgehend die damals gängigen Namen von Orten und Personen benutzt, auch in der alten Schreibweise, wo das 'U' oft noch durch ein 'W' ersetzt wird, (wie auch bei Bernard Cornwell) wirkt alles sehr authentisch und man ist schnell mitten drin in dieser anderen Zeit. Da fällt die Magie, die hier teilweise eingesetzt wird, kaum noch ins Gewicht. Im Gegenteil, man kann sich fast bildlich vorstellen, wie Gawains Schwert anfängt zu glühen, jedesmal wenn er es zieht, auch wenn Gawains Reise in die 'Anderwelt' dann doch nicht so wirklich in die ansonsten sehr pragmatischen Handlungsweisen dieser Geschichte passen will. 

Gillian Bradshaw beweist aber auch, dass nicht nur Männer Schlachten beschreiben können, und sie macht es fast noch besser. Mit knapper Präzision, nicht zu viel und nicht zu wenig, halt nur das Nötigste, während man bei männlichen Autoren doch manchmal das Gefühl hat, dass dies deren Lieblingszenen sind, in denen sie sich ein bisschen zu sehr auslassen ;-) Ihr Wissen über die damalige Kampfweise und den Aufbau einer Kriegshorde oder Armee, ist mehr als bewundernswert und erforderte sicherlich ausgiebige Recherchen. 

Bei ihr ist Artus zwar ein König, doch keiner der mit Krone und Zepter prunkvolle Turniere ausrichten läßt, sondern auch durch und durch ein Krieger und vor allem ein Anführer, dessen Ausstrahlung und Klugheit alle erliegen, die sich ihm anschließen. In uralten, historischen Gedichten, in denen der Name Artus auftaucht, wird er hin und wieder auch als Tyrann betitelt und so wie Cornwell, beschreibt auch sie, warum das so sein könnte. Um seine Armee des Lichts halten zu können, benötigt er Unmengen an Gold und Vorräten, die er als Tribut von seinen Untertanen fordert oder seinen Feinden skrupellos abnimmt. Das zieht natürlich mit sich, dass er nicht nur Freunde hat. Außerdem hat sich in dieser Version um Artus das Christentum schon weiter verbreitet, auch Artus ist bereits ein Christ, wenn auch kein besonders vorbildlicher.

Frauen tauchen in diesem Buch so gut wie gar nicht auf, nur Gawains Mutter Morgas. Deren und auch Artus' Schwester Morgan (in anderen Artusromanen eine wichtige Person) wird hier nur kurz erwähnt, nämlich bei einem Besuch der Artuskrieger bei König Urien, dessen Frau Morgan ist. Auch Gwynhwyfar (Guinevere) taucht am Ende kurz auf, allerdings lebt sie noch bei ihrem Vater, der hier nicht 'Leodegranz' heißt, sondern 'Ogyrfan'. Man bewegt sich hier fast ausschließlich in einer von Männern bestimmten Welt.

Was Merlin betrifft, so wird er hier nur 'Taliesin' genannt und scheint eher alterslos zu sein. Was er wirklich darstellt, wird noch offen gelassen.

Auch die Vorgehensweise der Sachsen, wird hier interessant beschrieben. Nach einem Sieg von Artus über Cerdic, verhandelt Artus mit dem Sachsenkönig großzügig über dessen zukünftige Tribute und als dieser seinen Mißmut ausdrückt, sagt Artus ihm kurz und bündig: 'Wenn Dir das nicht passt, dann hau ab von hier, das ist sowieso unser Land', was die Sachsen ja bekannterweise nicht taten. Die Britannier mußten sich mit diesen neuen Eindringlingen arrangieren, wie, das wird hier besonders gut beschrieben. Vor allem weil die Britannier sich diese 'Plage' zunächst selbst ins Land holten, da sie Krieger gegen die 'Barbaren' aus dem Norden benötigten, allerdings wurden sie ihre 'Helfer' nicht mehr los, sondern diese vermehrten sich auf wundersame Weise - immer mehr landeten an Britanniens Küsten und suchten nach neuem Land. 

Das alles bündelt sich auf für Artusromane verhältnismäßig wenige 352 Seiten, und obwohl Artus erst auf Seite 226 persönlich auftaucht, ist er irgendwie doch schon vorher anwesend, da Gawain ja darauf hinarbeitet, ihn zu finden. Das macht dieses Buch ungemein spannend und interessant, so dass man kaum aufhören kann zu lesen. Und als er ihn dann endlich gefunden hat, wird er von Artus abgelehnt und man will natürlich wissen warum... Aber es folgen ja noch zwei weitere Bücher, in denen die Geschichte weitergeht. Vielleicht fasziniert diese Geschichte immer wieder, weil sie immer aus anderer Sichtweise erzählt wird, immer sind es andere Personen die eine Hauptrolle um Artus herum spielen - und immer endet sie tragisch...

 

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