Artus - Auf dem Weg zum heiligen Gral

STEPHEN LAWHEAD

 

The Pendragon Cycle Book IV (1994)

 

Roman / 484 Seiten / 1994 (Neuauflage 2004

 

 

Zum Buch:

 

Zeit und Ort: Britannien Mitte 5. Jahrhundert

 

Erzähler ist diesmal wieder Merlin.

 

Da Britannien noch immer keinen Hochkönig hat, kümmert sich Merlin um die Belange der vereinzelten kleinen Königreiche. Er versucht unermüdlich zwischen zerstrittenen Kleinkönigen zu schlichten und läßt seinen Schützling Artus nicht aus den Augen. Der wächst heimlich, geschützt vor allen Königen die ihm gefährlich werden könnten, zunächst in Bedwyrs und später in Keis Familie auf. Schon als Kind ist er wild und furchtlos, und bringt den armen Merlin öfters bis an den Rand eines Herzinfarktes.

 

Dann wird alles was man schon aus Band 3 kennt (Vereinigung der Königreiche und Kampf gegen die Sachsen), übersprungen und setzt wieder bei der Königskrönung an. Diesmal wird ausführlicher darüber berichtet und da Artus eine irische Königstochter (Gwenhwyvar) heiratet, reist er auch bald mit dieser ins einst feindliche Irland, wo er aber freundlich empfangen wird. Doch sein Besuch wird von Eindringlingen ganz neuer Art gestört: Den Wandalen (wurden hier mit 'W' statt mit 'V' geschrieben), die man aus Karthago vertrieb und die nun eine neue Heimat suchen. Zunächst landen die vermeintlichen Barbarenhorden in Irland und Artus hilft den Iren diese wieder von dort zu vertreiben. Die Aktion ist erfolgreich, die Wandalen segeln wieder davon, aber als Artus nach Britannien zurückkehrt muß er sich eingestehen, dass er einen Fehler begangen hat. Die Wandalen sind längst vor ihm dort gelandet und haben alles was auf ihrem Weg lag niedergebrannt, einschließlich Artus' Festung. Nun muß Artus seinerseits alle seine Unterkönige samt Iren um Hilfe bitten. 

 

Doch die Wandalen sind in großer Überzahl und fast unbesiegbar, zudem bricht gleichzeitig auch noch die Pest in Britannien aus und statt treu zu ihrem König zu stehen und an seine Macht zu glauben, verlassen viele Britannier die Insel in Richtung Armorica (Bretagne). Artus schlägt sich wacker mit seinem eigentlich immer zu kleinem Heer, aber er hat Heimvorteil und Pferde, die die Wandalen fürchten.

 

Nach einigen grausamen Schlachten und Verfolgungsjagden durch halb Britannien, schließt Artus schließlich mit dem Anführer der Wandalen 'Amilcar' einen Pakt: Die beiden Feldherren wollen, um ihre Krieger vor weiteren Metzeleien zu schonen, im Zweikampf gegeneinander antreten, und wer gewinnt, dem gehört alles, wer verliert, verliert nicht nur sein Leben.

 

Der Kampf (spannend geschrieben, auch wenn man das Ende vorausahnt) dauert drei Tage, mit Ruhephasen in den Nächten, und erst am dritten Tag kann Artus Amilcar mit Mühe und Not überwältigen und besiegen. Er selbst aber wird schwer verwundet und droht zu sterben. Aller Hoffnung ruht wieder einmal auf Merlin, den großen Retter und Magier. Doch Merlin weiß, dass seine magischen Kräfte hier nicht ausreichen und bringt Artus nach Ynys Avallach, auf die Glasinsel zu seinem Großvater König Avallach (der Fischerkönig) und seiner Mutter Charis (auch als Dame vom See bekannt), die einst aus dem untergegangenen Atlantis nach Britannien kamen und als Einzige die Kraft und Magie zu heilen besitzen. Merlin selbst, wurde einst, als Morgian, die böse Fee und Halbschwester von Charis ihn mit Bewußtlosigkeit schlug (Band 3), dort geheilt und wiedererweckt.

 

Auf Ynys Avallach erfährt Merlin von einem Mönch, dass König Avallach, sein Großvater, den heiligen Gral besitzt und nur er in der Lage ist, etwas zu tun. Merlin bittet ihn inbrünstig um Hilfe, da Avallach sich zunächst weigert (zu heilig ist der Kelch um dessen Macht zu oft zu gebrauchen), doch kann er ihn schließlich überreden. Alle Lebewesen, ob Mensch, ob Tier, müssen den Palast kurzzeitig verlassen, außer Artus, der im Koma liegt und Avallach. Schließlich gelingt die wundersame Rettung. Das Wandalenvolk ordnet sich Artus unter und darf in Britannien bleiben und dort ein neues Leben beginnen. 

 

 Meine Meinung:

                              

Eigentlich war die Geschichte mit Buch III abgeschlossen, doch fünf Jahre später schob der Autor doch noch eines nach. Man fragt sich vorher, wie das nach Artus' Tod noch geht, doch geschickt hat Stephen Lawhead Band 4 fünf Jahre später quasi in eventuelle Lücken von Band 3 eingebaut. Also eine Geschichte, die in Band 3 nicht erzählt wurde, dabei gibt es doch noch so viel von Artus zu erzählen, bzw. der Phantasie sind da wohl keine Grenzen gesetzt und es könnten noch einige Bände folgen - z.B. erfährt man in Band 3 nicht, was Artus in Rom tat, als er zu Hilfe gerufen wurde - ob er überhaupt dort ankam.

 

Band 4 (komplett wieder aus Merlins Sicht) greift dann zunächst Artus' Kindheit auf, die in Band 3 fehlt bzw. ca. ab seinem fünfzehnten Lebensjahr weitergeht, nachdem in Band 2 seine Geburt stattfand.

 

Zum Glück hält sich der Autor nicht allzu lange daran fest, denn es gibt viel 'zu tun'. Da man ja nun schon Artus' Kampf gegen Sachsen und Feinde aus eigenen Landen kennt, wird dieser Teil auch nicht mehr erwähnt. Nur seine Krönung zum Hochkönig, diesmal aus Merlins Sicht, wird nocheinmal genauer beschrieben. Doch zum Ausruhen hat Stephen Lawheads Artus keine Zeit und noch weniger im Sinn mit Ritterspielen. Die Sachsen endlich einigermaßen im Griff, bekommt er es mit ganz neuen Feinden zu tun, den Vandalen (hier Wandalen) und die beschäftigen ihn dann auch für den Rest des Buches. Der deutsche Titel 'Auf dem Weg zum heiligen Gral' ist wohl eher fehl am Platz, 'Artus und die Wandalen' wäre wohl zutreffender gewesen. Allerdings war mir das nun völlig neu und entspringt wohl der Phantasie des Autors, denn von V(W)andalen in Britannien habe ich vorher noch nie etwas gehört.

 

Aber man könnte noch alles mögliche erfinden oder schreiben um Artus' Geschichte aufzupeppen, allerdings wäre es ein Rätsel, warum sich, fast unbesiegbar scheinende Barbarenhorden zu Hunderttausenden so einfach aus Karthago vertreiben ließen.

 

Aber wie auch immer, zumindest bleibt einem erspart, nun ein langes Buch über einen herumfrömmelnden, mit Heiligenschein gekrönten König auf der endlosen Suche nach irgendeinem nichtexistenten Kelch, der ihn am Ende in den Wahnsinn treibt, lesen zu müssen (soviel zum deutschen Titel...). Dann schon lieber nicht enden wollende Schlachten und Kriegspläne des unerbittlichen Kriegers ertragen, was aber durchaus spannend und mitreißend erzählt wird. Schade nur, dass der Autor nicht mehr über Artus zu sagen hat, aber wie soll er auch, wenn er nur Merlin erzählen läßt.

 

Da wäre zum Beispiel die Möglichkeit Gwenhwyvar zu Wort kommen zu lassen, denn Artus' Frau war ihm ja, zumindest hier, am nahestehendsten und hätte sicherlich viel zu erzählen. Außerdem erscheint sie in allen Büchern die ich bisher kenne, am wandelbarsten zu sein und Lieblingsphantasieprodukt der verschiedensten Autoren: Hier nun wieder eine völlig andere Königin, nicht blond, nicht rot, nein eine schwarzhaarige Irin, eine Keltin und gleichzeitig auch noch exotische Kriegerin. In Band 3 wurde sie kaum erwähnt, doch das wird hier wieder gut gemacht. Sie geht auch nicht fremd, denn es gibt hier keinen Lancelot, eher einen Llenlleawg, der aber keine Ambitionen in Richtung Leidenschaft für die Königin zeigt. Es gibt allerdings einen Bedwyr, doch mit dem ist Artus aufgewachsen und der Autor hält sich auch sonst nicht mit irgendwelchen Liebesgeschichten auf. Artus' Ritter haben schlicht und einfach keine Zeit für Frauengeschichten, der Einzige der hier eine Frau hat, ist wohl Artus selbst, alle anderen haben zu kämpfen und Schlachten zu schlagen und scheinen damit zufrieden zu sein. Artus und Gwenhwyvar zumindest sind hier ein Kriegerpaar wie aus dem Bilderbuch.

 

In anderen Büchern ist Artus eher ein König des südlichen Britannien, hier verlagert sich die Geschichte nördlich, sogar noch hinter den Hadrianswall bis nach Irland. Zuvor noch Artus' ärgste Feinde, schafft dieser es (Dank seiner Frau), nun auch die irischen Könige zu verbünden und der Autor gibt dabei Einblicke in das alte Reich der Kelten, in deren Sitten und Gebräuche und benutzt ebenso originelle, wie auch realistische alte Namen. 

 

Da Merlin (hier auch Myrddin Emrys) hier wieder der Erzähler ist, schweift die Geschichte natürlich auch hin und wieder in Merlins Gedanken-oder Phantasiewelt ab. Auch Merlin wird hier völlig anders dargestellt, als es so oft der Fall in Artusbüchern ist. Nicht der ergraute weise Magier, sondern eigentlich selbst ein Krieger, wenn auch 'hauptberuflich' mittlerweile Barde und engster Berater des Königs. Auffällig ist, dass er einfach nicht altert - schon seit Generationen mit von der Partie, sieht er scheinbar noch immer aus wie ein relativ junger Mann. Aber warum das so ist, wurde und wird auch erneut erklärt: Er gehört dem ehemaligen Volk des untergegangenen Atlantis an, das einst nach Britannien flüchtete und dort als Feenvolk bekannt wird, da es besondere Fähigkeiten im Bauen von Palästen und Heilen von Krankheiten besitzt und gar nicht oder nur langsam altert. 

 

Seine  Mutter Charis und Großvater Avallach, auch der Fischerkönig genannt (der mit der nicht heilenden Wunde am Bein - man kennt ja die Legende) leben auf einer Insel namens Ynys Avallach (die Glasinsel), später ziehen sie verwirrender Weise um nach Avalon, einer echten Insel im Atlantik

 

Merlins lange Traumgeschichten (oder Gleichnisse) und Visionen von der 'Anderswelt' zwischendurch, nerven dann doch ein wenig, und scheinen vom Schlachtenlärm ablenken zu wollen, ebenso wie seine ellenlangen Gebete und überschwänglichen Lobpreisungen auf den 'Erlösergott' wie er hier genannt wird. Was das betrifft, kann man das eine, sowie das andere annehmen, obwohl ich nicht glaube, dass ganz Britannien im 5. Jahrhundert so leicht zum Christentum zu bekehren war, wie es hier beschrieben steht. Das wirkt dann doch leicht übertrieben, denn es ist bekannt, dass viele Britannier noch bis weit ins Mittelalter heinein, an ihren alten Göttern und Gebräuchen festhielten.

 

Morgaine (hier Morgian) spielt in diesem Band gar keine Rolle mehr, man merkte aber auch schon vorher, dass sie irgendwie fehl am Platz war und nicht wirklich in die Geschichte passen wollte - muß ja auch nicht, nur warum erwähnt der Autor sie überhaupt, wenn er nicht wirklich Lust hat, sie einzubauen...

 

Magie fehlt diesmal (außer eine wundersame Biervermehrung) fast vollständig - bis zum Ende, als Artus vom heiligen Gral von seinen tödlichen Wunden geheilt wird. Das wirkt nach einer durchweg eher realistisch klingenden Geschichte, dann doch noch etwas fehl am Platz und fast kitschig. Schade, das hätte man anders lösen können. Entweder man schreibt eine durchweg realistische Story oder einen Fantasyroman, schade dass viele Autoren sich nicht dran halten und dann doch wieder Magieunsinn einbauen, dabei kommt es manchmal auch drauf an, wie man es einbaut.

 

Ansonsten aber ist auch dies, ein weiteres spannendes, lebendiges und äußerst wortgewaltiges Buch für alle Artusfans die nicht unbedingt an der ursprünglichen Legende festhalten, und man merkt, dass die Geschichte noch weitergehen könnte. Der Autor bereut es wahrscheinlich selbst längst, dass er sie in Band drei so abrupt hat enden lassen und nun weitere dazwischensetzen muß, wenn es denn noch weitere geben wird (was nach 17 Jahren kaum noch anzunehmen ist) - wäre aber wünschenswert.