Jesus Christ Superstar

Henrik Wager und Serkan Kaya in 'Jesus Christ Superstar'
Henrik Wager und Serkan Kaya in 'Jesus Christ Superstar'

Rockoper  von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice

             Samstag 17. November 2007, Aalto Theater Essen

Musikalische Leitung: Heribert Feckler

Inszenierung:Michael Schulz

 

Darsteller:

 

Jesus von Nazareth:  

Judas Iskarioth:

Maria Magdalena:

Pontius Pilatus:

Herodes:

Kaiphas:

Annas:

Simon:

Petrus:

Henrik Wager

Serkan Kaya

Valerie Scott

Rainer Maria Röhr

Rüdiger Frank

Michael Haag

Michael Bergmann

Jeremy Cummins

Deimos Virgillito

 


United Rock-Orchestra

Opern- und Kinderchor des Aalto-Theaters

Henrik Wager & Serkan Kaya Jesus und Judas im Zwiegespräch
Henrik Wager & Serkan Kaya Jesus und Judas im Zwiegespräch

 

Zum ersten Mal habe ich dieses Stück auf der Bühne und überhaupt vollständig gesehen und gehört und nach allem was man davon zuvor hörte, erwartete ich nicht allzuviel, doch diese Inszenierung hat mich wirklich vollkommen begeistert!!

Ich hätte vorher nie gedacht, dass man ein so sensibles Thema derart modern und mit solcher, im Grunde 'aggressiver' Musik umsetzen kann, aber offen für alles stürzte ich mich in das Abenteuer und als ehemalige Ablehnerin moderner Inszenierungen, wurde ich auch hier wieder eines besseren belehrt. Hatte ich zuvor noch von Bierflaschen die über die Bühne rollen, oder umgestürzten Einkaufswagen gehört, so stellte ich hier fest, dass es einfach dazu passte. 

Zur Geschichte und Inszenierung:

 

Bibel-oder evangeliengetreu werden ja hier die letzten sieben Tage vor Jesus' Tod etappenweise erzählt und nichts war an der Geschichte verfälscht. Völlig anders war halt nur die Umsetzung und man konnte es sehen wie man wollte, entweder als sogenannte 'moderne' Inszenierung, oder als Integration in die heutige Zeit. Da blieb für die Phantasie des Publikums alles offen. Hätte Jesus in unserer Zeit gelebt, dann kann man sich das auch der Inszenierung nach so vorstellen; da bilden Jesus' Freunde (Jünger), eine Art Sekte um ihn herum, alle gleich in helle Anzüge gekleidet, die römischen Schergen werden zu einer Art 'Mafia-Clan', natürlich in dunklen Maßanzügen, sonnenbrillenbebrillt, zigarrenrauchend und natürlich die Schlagstöcke schwingend. 

 

Die Hohepriester sind auch hier eine Art Politiker, und Pontius Pilatus im Mittelpunkt ist ihr Boss, ihr 'Pate', der Jesus zwar für harmlos hält, sich aber der Meinung seiner Leute, sowie der Menge beugen muß, um sein Ansehen nicht zu verlieren.

 

Sogar die Kranken und Lahmen, die Jesus ja angeblich heilte, waren hier Opfer der heutigen Zeit; von zuviel Fastfood aus der Form geraten, krochen sie aus allen Ecken hervor, ihre Tabletts mit diversen Fastfood-Resten vor sich herschiebend und flehten um Hilfe, wollten geheilt werden von ihrer Sucht.

 

Die Szene im Tempel war natürlich gleichfalls auf die heutige Zeit projiziert, deshalb auch Einkaufswagen und hübsch anzusehende weibliche Nikoläuse die in rot-weißen Glitzerkostümen, bzw. Miniröckchen und schenkelhohen roten Glitzerstiefeln über die Bühne tanzten. Wohl ein Schock für eingeschworene Jesusfans, aber in der heutigen Zeit wäre es ganz genauso: eine glitzernde Welt, die Jesus ablehnte. 

 

Er selbst, aus der unteren Mittelschicht stammend, hauste hier in einem Kellerloch, zusammen mit anderen Obdachlosen und vergnügte sich mit 'Maria Magdalena'. Ob sie wirklich eine 'Hure' war, weiß man bis heute nicht, zumindest aber mißbilligte Judas hier ihr Zusammensein mit Jesus, vielleicht aus Eifersucht. Aber auch sonst hatte er ziemlich viel an seinem Freund auszusetzen, wollte er doch eher die Römer bekämpfen, statt sich Bergpredigen über die Liebe anzuhören und sich in Kellerlöchern zu verkriechen. Vielleicht führte auch das zu seinem Verrat, doch nach einem wohl erst kürzlich entdeckten, bis dahin verschollenen Evangelium, wurde er von Jesus regelrecht dazu aufgefordert, ihm den Gefallen des Verrats zu tun und wurde dann selbst zum Gefallenen, indem er sich ja später bekanntlich erhängte.

 

Kein Wunder also auch, dass sich der restliche Freundeskreis (seine Jünger) mit Bier betranken, in Anbetracht dessen, was da auf sie zukam und natürlich als eine Art Abschiedsparty. Dargestellt wird es bisher natürlich immer als eine Art romantisches Abendmahl und damals war es wohl eher Wein.

Die Uraufführung des Stückes reichte Kostüm- und bühnenmäßig wohl doch noch näher an Jesus Lebzeiten heran, doch so wie es hier aufgeführt wurde, passte es halt auf einen Jesus der heute agieren würde.

 

Auch die Bühnenbilder waren einfach atemberaubend, es gab viel Abwechslung, es war bunt, teilweise natürlich durchsetzt mit Bildern von Jesus, oder klassischen Statuen, die einen krassen Gegensatz zur Inszenierung darstellten, denn die romantischen Darstellungen von Jesus aus der Vergangenheit kennen wir alle, hatten aber mit dem Jesus auf der Bühne nicht viel gemeinsam. Der auf der Bühne war uns aber näher, denn er war menschlicher, mit allen Fehlern und Vergehen die wir selbst kennen. 

 

Erwähnenswert auch, dass die gesamte Bühne hoch und runtergefahren werden konnte und so schnell vom unterirdischen Kellerloch, oder der opulenten Bar in welcher sich die Hohepriester alias Mafioso aufhielten, in die Oberwelt gewechselt werden konnte.

 

Auch König Herodes wurde hier einfallsreich als vergnügungssüchtiger Exzentriker dargestellt, der in seiner eigenen Welt lebt und den nichts weniger interessiert als Politik. Als riesenhafter Engel verkleidet, schwebte er hernieder und entpuppte sich schließlich eher als 'kleiner Teufel', dessen Harem ebenso als Engel um ihn herum tanzten, schwarze Engel wohlgemerkt, aber genial und eine Augenweide.

 

Die ganze Inszenierung lief sehr rasant ab, passend zur Musik, deren Stile ständig wechseln und die man sehr laut hören muß um sie richtig wirken zu lassen. Von rockig, poppig, jazzig,bis hin zur Hymne und Ballade, wie z.B. die Chorgesänge 'Hosanna', das bekannte, doch sehr 70er Jahre typische 'Jesus Christ Superstar' und natürlich das megageniale und Gänsehaut verursachende 'Gethsemane'. Vieles noch könnte ich hier aufzählen, nein eigentlich alles, mir gefiel durchweg alles!

 

Zu den Darstellern:

 

Sie waren alle auf ihre Weise genial. An der Spitze natürlich Serkan Kaya als Judas und Henrik Wager als Jesus, aber auf jeden Fall auch Valerie Scott als Maria Magdalena und Rüdiger Frank als Herodes oder Michael Haag mit sehr dunkler Bassstimme als Kaiphas.

 

Besonders bewegend war natürlich Henrik Wagers' 'Gethsemane'. Mittlerweile hatte ich das Stück jetzt schon von einigen Sängern gehört und jeder trägt es anders vor, doch so auf der Bühne ist es doch weitaus bewegender und intensiver als z.B. bei konzertanten Aufführungen. Vor allem die sehr hohen, fast kreischenden Töne brachte Henrik Wager perfekt und man vergaß alles um sich herum und starrte gebannt auf die Bühne. Ebenso die recht brutalen Szenen wie die Geißelung und Kreuzigung etc. wurde sehr intensiv und schonungslos dargestellt. Die Darsteller kämpften, warfen sich auf die Bühne und die Geißelungsszene war besonders beeindruckend, als Pilatus Jesus haltend, mitten auf der Bühne stand und sich das Ensemble an den Wänden um beide herum sammelt und bei dramatischer Musik (Trial By Pilate) nacheinander jeder losspurtete, an Jesus vorbei und auf dessen nacktem Oberkörper einen Streifen roter Farbe hinterließ. Das war sehr tiefgehend und ergreifend, ebenso aber auch 'Judas' Death' mit einem ausdrucksstarken Serkan Kaya, der Gott und Jesus äußerst stimmgewaltig vorwirft, warum ihm das angetan wurde, er zum Verräter werden mußte, bevor er sich die Schlinge um den Hals legt und in eine Versenkung der Bühne springt.

 

Aber auch Valerie Scott's Stimme, tief und warm und gospelhaft klingend, aber teils auch rockig heiser, gefiel mir sehr gut, es passte zu dieser Inszenierung.

 

Das Ende war dann doch etwas verwirrend, als Judas plötzlich wieder auf der Bildfläche erschien, im weißen Glitzeranzug und Jesus ebenfalls einen solchen reichte. Im Hintergrund wurde ein riesiges Kreuz aufgerichtet, und daran hing nun ein anderer Jesus-Darsteller. Ein engelhaft anmutendes Tanzensemble sang nun zusammen mit dem Rest des Ensembles 'Superstar', Jesus wurde als Superstar gefeiert. Waren sie nun im Himmel, das Kreuz mit dem 'anderen' Jesus eine leere Hülle und feierten die Auferstehung? 

 

Das Ende war dann doch etwas verwirrend, als Judas plötzlich wieder auf der Bildfläche erschien, im weißen Glitzeranzug und Jesus ebenfalls einen solchen reichte. Im Hintergrund wurde ein riesiges Kreuz aufgerichtet, und daran hing nun ein anderer Jesus-Darsteller. Ein engelhaft anmutendes Tanzensemble sang nun zusammen mit dem Rest des Ensembles 'Superstar', Jesus wurde als Superstar gefeiert. Waren sie nun im Himmel, das Kreuz mit dem 'anderen' Jesus eine leere Hülle und feierten die Auferstehung? 

 

 

Jesus und Judas wieder vereint
Jesus und Judas wieder vereint

Zumindest hockte Judas zusammen mit Jesus eine Weile am Bühnenrand und sie blätterten in der Bibel um ihre Geschichte nachzulesen

Meine Meinung zu dieser Inszenierung: einfach nur genial. Zwei Stunden lang, ohne Pause kam nicht eine Sekunde Langeweile auf, man war vollkommen gebannt, vergaß alles um sich herum, sah nicht mehr den am Anfang noch störenden Hinterkopf des Dirigenten, der natürlich genau vor meinem Platz agieren mußte und hörte auch nicht mehr das dümmliche Dauergeplapper einer neunmalklugen Zuschauerin hinter mir.

Das war wirklich eine Spitzenleistung aller Akteure und Beteiligten an dieser Aufführung von 'Jesus Christ Superstar' und ich muß unbedingt nochmal hin...!